Die Probleme mit den weltweiten Lieferketten sind im Mittelstand angekommen. Das Weihnachtsgeschäfte etwa im Sportartikel-Einzelhandel könnte in Gefahr geraten. Die Transportbranche befürchtet gar einen totalen Kollaps des Systems.
Stuttgart - Die anhaltenden Probleme in den weltweiten Lieferketten werden den Wirtschaftsaufschwung deutlicher bremsen als bisher erwartet. Der starke Einbruch der Aufträge in der deutschen Industrie um 7,7 Prozent sei zwar der höchste seit April 2020, aber insgesamt würden sich die Bestellungen im verarbeitenden Gewerbe immer noch auf einem hohem Niveau bewegen, relativierte das Bundeswirtschaftsministerium die Zahlen, die das Statistische Bundesamt am Mittwoch vorgelegt hatte. Hauptgrund für den stärksten Rückgang seit anderthalb Jahren ist der stockende Materialfluss. „Der Flaschenhals auf der Beschaffungsseite wird immer enger“, erklärt der Leiter der Umfragen des Münchner Ifo-Instituts, Klaus Wohlrabe. Die Wirtschaftsforscher haben daher ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr auf 2,5 Prozent gesenkt.
Besonders betroffen ist in Deutschland die Automobilbranche
Als Auslöser der Probleme gilt nach wie vor die Coronapandemie, die vor allem in weiten Teilen Asiens noch immer deutliche Beschränkungen verursacht. So müssen etwa Reisende aus China oder Vietnam nach einem Auslandsaufenthalt oft noch in Quarantäne. Die Transportbranche hat in einem offenen Brief an die Staats- und Regierungschefs bei den Vereinten Nationen vor einem „Kollaps des weltweiten Transportsystems“ gewarnt. Sie verweisen darauf, dass in vielen Ländern die Impfquoten so niedrig seien, dass Beschäftigte fehlen – entweder, weil sie erkrankt sind oder in Quarantäne müssen.
Besonders betroffen von der Materialknappheit ist in Deutschland die Automobilbranche, bei der wegen fehlender Bauteile immer wieder die Bänder stillstehen müssen. Darunter leidet auch das Verhältnis zwischen Herstellern und Zulieferern. Bestehende Bestellungen würden unter Verweis auf den Chipmangel storniert, auch Zahlungsansprüche würden verweigert, erklärt die Arbeitsgemeinschaft Zulieferindustrie (ArGeZ).
„Engpässe auch bei Stahl und Aluminium“
Auch im Mittelstand ist die Krise angekommen, wie eine Umfrage zeigt, die die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ebner Stolz gemeinsam mit der Wolff & Häcker Finanzconsulting vorgenommen hat. Demnach klagen 78 Prozent der Unternehmen über einen Mangel an Materialien oder Rohstoffen. Befragt wurden rund 125 mittelständische Industriebetriebe aus allen Branchen. Engpässe gebe es nicht nur bei Chips, sondern auch bei Stahl und Aluminium, erläuterte Mirko Häcker von Wolff & Häcker Finanzconsulting. Darüber hinaus seien die Frachtkosten deutlich gestiegen, nicht zuletzt, weil die benötigten Container fehlten. Dies ist den Angaben zufolge ein wesentlicher Grund, dass 63 Prozent der Befragten mit Umsatzeinbußen und 55 Prozent mit Ergebnisrückgängen rechnen.
Mehr Lieferanten aus Europa sollen künftig zum Zuge kommen
Um die Risiken zu verkleinern, denken die Mittelständler darüber nach, wie sie sich unabhängiger von asiatischen Lieferanten machen können. Diskutiert werde in den Unternehmen etwa, sich Lieferanten in der Nähe der eigenen Produktion zu suchen, sagte Michael Euchner, Partner bei Ebner Stolz. Ziel sei, dass mehr Lieferanten aus Europa künftig zum Zuge kommen. Für mehr Sicherheit wären die Unternehmen bereit, höhere Kosten in Kauf zu nehmen, so Euchner. Er geht allerdings davon aus, dass von einer solchen Verlagerung weniger der Standort Deutschland als etwa osteuropäische Länder profitieren würden. Man dürfe sich aber keiner Illusion hingeben, so Häcker. Er rechnet nicht damit, dass alles, was in den vergangenen Jahren verlagert wurde, wieder zurückgeholt werden kann. Zudem würde es Jahre dauern, bis hierzulande die entsprechenden Industrien und Kapazitäten aufgebaut wären. Zum anderen glaubt Häcker, dass die Diskussion in den Unternehmen schnell wieder einschläft, sobald sich die Lage bei Rohstoffen und Materialien entspannt hat.
„Bis Weihnachten wird sich die Situation verschärfen“
Auch andere Branchen leiden unter Rissen in den Lieferketten.„Unsere Lager sind vergleichsweise gut gefüllt“, sagt Nadine Sprügel, die Geschäftsführerin des Sportartikelherstellers Jako aus dem hohenlohischen Mulfingen. Bei einigen Artikeln gebe es aber Engpässe, „bis Weihnachten wird sich die Situation verschärfen“, fürchtet Sprügel. Das Unternehmen, das einen großen Teil seiner Produkte aus Pakistan bezieht, berichtet auch über Engpässe, leidet vor allem unter dem Lockdown in Vietnam, wo rund zehn Prozent der Waren herkommen. Die Preise werden dieses Jahr trotz der höheren Kosten nicht erhöht. Ein Sprecher von Adidas erklärt, wegen des Lockdowns in Vietnam werde versucht, die Produktion „vorübergehend“ in andere Länder zu verlagern. Adidas bezieht mehr als 40 Prozent seiner Sportschuhe aus Vietnam. Wenig Probleme hat Engel in Pfullingen: „Lediglich bei Reißverschlüssen aus Asien und Seide aus China gibt es Einschränkungen“, so Chefin Vera Simon. Engel lässt einen großen Teil seiner Sportbekleidung auf der Zollernalb herstellen.