Helfer lesen im Weinberg. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Weinlese ist in vollem Gange und die lokalen Winzer loben die Qualität der Trauben. Doch die extreme Trockenheit und der späte Frost macht den Weingärtnern zu schaffen.

Stuttgart - Das aktuelle Wetter sei perfekt für die Weinlese, sagt Winzer Hans-Peter Wöhrwag, als er am Montagmorgen durch seine Reben auf dem Untertürkheimer Herzogenberg läuft. „Morgens ist es noch schön kühl – so können die Traube das Aroma besser speichern“, erklärt er. Seine fünfzehnköpfige Lesemannschaft ist deshalb bereits seit 8 Uhr im Einsatz. In dritter Generation unterstützen die Mitglieder der Familie Yildirim das Weingut bei der alljährlichen Lese.

„Dieses Jahr sind wir besonders schnell, da wir überhaupt keine faulen Beeren rausschneiden müssen“, sagt Ermine Yildirim. Währendessen knipst die 49-Jährige geübt mit der Schere eine Weintraube nach der anderen ab und lässt sie in die roten Plastikeimer am Boden fallen. Auch ihr Chef Hans-Peter Wöhrwag ist begeistert von der diesjährigen Qualität der Trauben. Doch etwas anderes bereitet ihm Kopfzerbrechen: „Die Erträge sind extrem niedrig – damit haben wir nicht gerechnet.“ Das zeigt sich auch an diesem Lesetag: In den ersten zwei Stunden können die Erntehelfer nur zehn der großen Plastikboxen mit Trauben der Rebsorte Spätburgunder füllen. „Normalerweise lesen wir auf diesem Abschnitt fast doppelt so viel“, sagt Winzermeister Jakob Bittner.

Viel Sonne ist gut für Qualitätsrotweine

Ebenfalls mit der Hauptlese begonnen, hat Thomas Diehl vom Weingut Diehl am Rotenberg. Die viele Sonne hätte vor allem den Qualitätsrotweinen gut getan, sagt er. Allerdings berichtet der Jungwinzer von ähnlichen Problemen wie sein Kollege Hans-Peter Wöhrwag: „Durch die lange Trockenheit und die dürreähnlichen Tage sind die Trauben deutlich kleiner und damit auch die Erntemenge niedriger.“

Ein weiteres Problem seien auch Frost- und Hagelschäden, erklärt Martin Kurrle, geschäftsführender Vorstand des Collegium Wirtemberg. „Aber so ist das eben, wenn man als Winzer mit der Natur arbeitet“, sagt Kurrle. Und die kleinen Beeren seien dafür besonders aromatisch und extraktreich.

Der geringe Niederschlag stellt die lokalen Winzer schon seit mehreren Jahren vor neue Herausforderungen. So kämen junge Weinstöcke inzwischen nicht mehr ohne Bewässerungsanlage aus, sagt Martin Kurrle. Aktuell profitierten die Stuttgarter Weingärtner aber noch von den höheren Temperaturen und vielen Sonnenstunden, sagt Hans-Peter Wöhrwag. „Wir erzielen heute Reifegrade – die wären früher nicht denkbar gewesen.“ Außerdem ermöglichten die klimatischen Bedingungen heutzutage auch den Anbau von französischen Rebsorten wie Sauvignon Blanc oder Merlot – auf den Stuttgarter Weinbergen.

Privatpersonen kaufen mehr Wein und verhindern Umsatzeinbrüche

Beim Vertrieb der Weine machte die Corona Krise vielen Winzern einen Strich durch die Rechnung: Weinfeste fielen aus und Gastronomiebetriebe blieben geschlossen. Als Reaktion auf die Hamsterkäufe zu Beginn der Pandemie entwickelte Jungwinzer Thomas Diehl deshalb kurzerhand eine „Hamster-Edition“ seiner Weine. 1000 der Flaschen mit einem Nager auf dem Etikett verkaufte er alleine in der ersten Woche. Die Winzergenossenschaft Collegium Wirtemberg sei allerdings nicht in der Lage gewesen alle Verluste auszugleichen, so Martin Kurrle. Aber man hätte deutlich mehr Weinflaschen an Privatpersonen verkauft.

Familie Wöhrwag vertreibt ihre Weine seit dem Frühjahr auch online und konnte so einen Umsatzeinbruch verhindern. „Als Winzer lernt man demütig zu sein und das anzunehmen, was von oben runterkommt – man kann sich die Zustände eben nicht aussuchen“, sagt Hans-Peter Wöhrwag, als er zwischen seinen hochgewachsenen Reben auf dem Herzogenberg steht.

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