Bisher gibt es in Deutschland nur rund 100 Wasserstofftankstellen – dieser Energieträger, zum Teil aus Afrika importiert, soll in Zukunft eine deutlich größere Rolle spielen. Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Neun Milliarden Euro sollen der Wasserstofftechnologie auch international zum Durchbruch verhelfen. Damit setzt das Bundeskabinett an diesem Mittwoch den ersten Teil des Konjunkturpakets um.

Berlin - Der Traum ist schon älter. Bereits 2009 wollte die Desertec-Initiative mit Wüstenstrom aus der Sahara künftig 15 Prozent des europäischen Energiebedarfs decken. Während der Euroschuldenkrise entwickelte die griechische Regierung das Projekt Helios. Recht vom Fleck kamen die Vorhaben jedoch nicht, es fehlte nicht zuletzt an leistungsfähigen Stromnetzen.

Nun nimmt die Bundesregierung einen neuen Anlauf – mit neuer Technologie. Am Mittwoch hat das Kabinett eine Wasserstoffstrategie verabschiedet, die in der Vorwoche Teil der Verhandlungen zum Konjunkturpaket war. Wasserstoff erzeugt bei der Verbrennung in einem herkömmlichen Ottomotor oder in einer Brennstoffzelle so gut wie keine klimaschädlichen Gase, weshalb er als Energieträger der Zukunft gilt. Voraussetzung ist, dass er nicht aus fossilen Brennstoffen gewonnen wird, sondern über eine mit Sonnen- oder Windstrom durchgeführte Elektrolyse von Wasser.

Vielversprechend ist das vor allem für Fortbewegungsmittel, die kaum elektrisch betrieben werden können, weil die Batterie zu groß wäre – Schiffe, Flugzeuge, Lkw oder Züge. Auch Autos fahren mit Wasserstoff. Rund 100 Tankstellen dafür gibt es aktuell in Deutschland, das Netz soll rasch ausgebaut werden. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) muss jedoch berichten, dass zur Serienreife noch ein weiter Weg bevorsteht: „Es ist alles noch zu teuer.“ Das liegt auch daran, dass bei der Herstellung im Vergleich zu anderen Methoden ein Vielfaches an Energie aufgewandt werden muss. Die Bundesregierung will mit ihrer Strategie die Technik massentauglich machen. „Deren Ziel soll es sein, Deutschland bei modernster Wasserstofftechnik zum Ausrüster der Welt zu machen“, heißt es im Papier des Koalitionsgipfels. „Jetzt geht es um den Durchbruch“, sagt Scheuer.

Fünf Gigawatt sind das erste Ziel

Insgesamt neun Milliarden Euro sind in den nächsten Jahren dafür vorgesehen. Zwei Zielmarken gibt es: Bis 2030 sollen Produktionsanlagen mit einer Gesamtleistung von fünf Gigawatt entstehen, 2040 soll sie bei 15 Gigawatt liegen. Das wäre im Vergleich zur aktuellen deutschen Solarkapazität von rund 50 Gigawatt eher bescheiden, aber doch ein Anfang. Gelingen soll er mit Investitionszuschüssen für Anlagen oder einer Befreiung des grünen Wasserstoffs von der EEG-Umlage.

Zwei der neun Milliarden Euro sieht die Regierung vor für „außenwirtschaftliche Partnerschaften“. Hier kommen wieder Südeuropa und Afrika ins Spiel, denn es geht dabei laut Koalitionsbeschluss um Länder, „in denen aufgrund der geografischen Lage Wasserstoff effizient produziert werden kann“. Dort sollen große Produktionsanlagen „made in Germany“ aufgebaut, parallel Speicherverfahren entwickelt werden „für den globalen, kosteneffizienten Transport von Wasserstoff“. Der ist leichter zu transportieren als Strom. „Für afrikanischen Wasserstoff kann beispielsweise die Gaspipeline von Tunesien nach Italien genutzt werden“, sagt FDP-Bundestagsfraktionsvize Michael Theurer. In der Theorie ist das eine Win-Win-Situation – die Standortländer bekämen einen klimafreundlichen Exportschlager, Deutschland könnte seinen Energiebedarf CO2-ärmer decken.

Vorarbeiten dazu gibt es bereits: „Afrika ist ein Chancen-Kontinent“, sagte Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU), als sie im Februar mit ihrem Kollegen Yahouza Sadissou aus Niger eine Zusammenarbeit vereinbarte. Der Ministerin zufolge suchen Expertenteams in 15 westafrikanischen Staaten bereits nach den besten Produktionsstandorten, bis Jahresende soll sie benannt werden.

Eine Wasserstoffunion für Europa?

Mehr Schlagkraft soll ein europäischer Verbund entfalten. So will die Koalition ausloten, ob es auf EU-Ebene ausreichend Unterstützung zur „Gründung einer europäischen Wasserstoffgesellschaft“ gibt, die das internationale Engagement bündelt. Die FDP verlangt mehr Engagement in diese Richtung. „Die Bundesregierung ist mit ihren Plänen noch immer viel zu zurückhaltend - sie soll nicht nur ausloten, ob andere die Idee gut finden, sondern sie mit Nachdruck vorantreiben.“, sagt Fraktionsvize Theurer: „Die Wasserstoffunion könnte ein gigantischer einigender Faktor für Europa werden. Das müsste das Kernprojekt der deutschen EU-Ratspräsidentschaft werden.“ So fordert es auch ein Antrag, der der Liberalen, der nächste Woche im Bundestag beraten wird.

Für Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), kommt es auf die Reihenfolge an. „Eine Wasserstoffproduktion in Kooperation mit Nordafrika ist nicht falsch und kann auch im Rahmen von EU-Nordafrika-Kooperationen unterstützt werden“, sagte die Energieexpertin unserer Zeitung: „Erste Priorität sollte die Wasserstoffproduktion in Deutschland haben, da in Zeiten hoher Mengen erneuerbarer Energien, insbesondere Windenergie im Norden, statt Anlagen abzuregeln oder teure und unbeliebte Netze zu bauen, besser Wasserstoff produziert werden sollte.“ Bisher nämlich kann der etwa nachts überschüssige Windstrom kaum genutzt beziehungsweise für Zeiten der Flaute gespeichert werden.

An solchen und anderen Technologien arbeitet im Südwesten auch die EnBW. Am Standort Lampoldshausen bei Heilbronn treibt das Tochterunternehmen Zeag die Umwandlung von Windstrom in Wasserstoff voran. Unweit von Lörrach wird rund um das Rhein-Wasserkraftwerk in Grenzach-Wyhlen erprobt, wie umliegende Wohn- und Gewerbegebiete mit Wasserstoff versorgt werden können. Schließlich will die EnBW ihre Fernwärmenetze langfristig auf Wasserstoff umstellen. Der könnte dann nicht nur selbstproduziert, sondern auch aus Afrika importiert sein.

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