Schon am Donnerstag deutete im Fasanenhof nichts mehr auf die brutale Tat vom Vortag hin. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski - Lichtgut/Leif Piechowski

Vielfalt prägt den Fasanenhof seit je. Die Wörter „sozialer Brennpunkt“ will hier niemand hören. Im Gegenteil: Die Anwohner schätzen das bunte Miteinander – auch nach der Bluttat.

StuttgartDer Fasanenhof ist bunt. Er war es seit der fast schon übereilten Besiedlung in den 60er-Jahren wegen der Wohnungsnot, und er ist es jetzt, wenige Tage nach der Bluttat nahe des Europaplatzes. Daheimbleiben und die Tür verschließen? Von wegen. Beim Bäcker trifft man sich auf einen Plausch, in der Postfiliale scherzt Bettina Sumalvico mit einem Kunden, der in gebrochenem Deutsch sein Anliegen vorbringt. „Der Fasanenhof ist klasse. Das Miteinander der Kulturen funktioniert einfach“, sagt sie. „Deswegen gefällt es mir hier so gut.“ Vor 13 Jahren ist sie von Berlin nach Stuttgart gezogen, die Multikulti-Gemeinschaft auf dem Fasanenhof hat es ihr angetan.

Diese Vielfalt gibt es auf dem Fasanenhof seit jeher. 1940 kaufte die Stadt Stuttgart das Areal von der Hofkammer des Hauses Württemberg. Nach Kriegsende war der Bedarf an Wohnraum groß, Stuttgarts damaliger Oberbürgermeister Karl Strölin, der von den Nazis eingesetzt worden war, ließ Bebauungspläne für eine Großsiedlung erstellen. 1959 fiel der Beschluss, auf dem Fasanenhof Wohnraum für 10 000 Einwohner zu errichten. Von 1960 bis 1967 wurde der Stadtteil, der zu Möhringen gehört, bebaut. In kürzester Zeit siedelten sich etwa 9000 Menschen an, denn der Wohnraum war günstiger als anderswo in Stuttgart. Unter den ersten Einwohnern waren viele Aussiedler aus Osteuropa, die auf dem Fasanenhof eine neue Heimat fanden. Heute leben in dem Stadtteil etwa 6500 Menschen. Hochhäuser und Wohnblöcke prägen das Stadtbild.

Anwohner sind fassungslos

Die Worte „sozialer Brennpunkt“ mag Günther Joachimsthaler nicht hören. Er ist der Vorsitzende des Bürgervereins und zeichnet ein farbiges, lebendiges Bild. Zwar hafte dem Stadtteil ein historisch bedingtes „G’schmäckle“ an, ein Ghetto sei er aber nicht. Dazu habe auch die Soziale Stadt beigetragen. Das Förderprogramm zur Aufwertung des Stadtteils habe sicher vieles verbessert, sagt Joachimsthaler. Nicht nur optische Aufwertungen, auch Treffpunkte für die Anwohner sind entstanden, die Gemeinschaft ist zusammengewachsen. Das spüre man auch heute. „Wir haben viele Anwohner, die seit den 60ern hier wohnen, die immer gerne hier waren und sind“, sagt Joachimsthaler.

Das bestätigt Peter Teschke. Er wohnt seit 1961 auf dem Fasanenhof, bezeichnet sich als „Ureinwohner“. Teschke ist Sprecher des Freundeskreises Integration. Fremdenfeindlichkeit sei ihm auch nach dem Vorfall am Mittwoch – der mutmaßliche Täter ist Syrer oder Palästinenser – nicht begegnet. Er lobt das gute Miteinander und betont: „Wir dürfen durch so etwas keinen Fremdenhass aufkommen lassen.“ Natürlich ist das Gesprächsthema Nummer 1 der Mord an der Fasanenhofstraße. Als „emotional aufgeladen“ beschreibt Bettina Sumalvico die Stimmung der Anwohner seit dem Tötungsdelikt. Angst habe sie aber keine. „Das bringt doch nichts. Täter und Opfer standen offenbar in einer persönlichen Beziehung. So etwas kann überall passieren.“

Angst vor Hetze im Internet

Mehr Angst mache ihr die Hetze im Internet, die Instrumentalisierung der Tat durch rechte Gruppierungen. „Das macht mich fassungslos“, sagt Sumalvico. „Ein solcher Vorfall ist Wasser auf die Mühlen der AfD“, sagt Bürgervereinsvorsitzender Joachimsthaler. „Leider.“

Viele Fragen sind offen, Gerüchte über die Hintergründe der Tat machen die Runde. „Wir sind alle geschockt“, berichtet Nikoleta Schuster, die Inhaberin eines kleinen Geschäfts für osteuropäische Spezialitäten an der Kurt-Schumacher-Straße. Sie habe am Tag der Tat zwar weniger Kunden gehabt als üblich. Dass sich niemand mehr vor die Tür traut, kann sie aber nicht bestätigen. Auch in die Post kommen die Kunden.

Was macht ein Vorfall wie die Gewalttat von Mittwoch mit dem Stadtteil und seinen Anwohnern? Haben sie Angst, auf die Straße zu gehen? „Nein, warum auch?“, kommt prompt die Gegenfrage einer Kundin, die bei der Post zwei Päckchen abholen will. „Der Fasanenhof hält das aus“, ist sich Bettina Sumalvico sicher. Und wenn man an diesem Nachmittag durch die Straßen läuft, glaubt man ihren Worten. Misstrauen gegenüber fremdländisch aussehenden Nachbarn ist hier nach wie vor fehl am Platz. Man hat eher das Gefühl, dass die Menschen noch ein bisschen enger zusammenrücken.

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