Immer mehr S-Bahn-Fahrgäste haben beim Einsteigen in Bus und Bahn ihren Fahrschein auf dem Handy. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko - Lichtgut/Max Kovalenko

Fast acht Jahre nach dem Start kaufen immer mehr VVS-Fahrgäste ihre Fahrscheine mit dem Smartphone – Naht das Ende der Automaten?

StuttgartAngelika Kühnel fährt mit dem Auto von Leonberg-Höfingen zur Arbeit in der Uhlandschule in Stuttgart-Rot. Wenn die Lehrerin aber in die Innenstadt will, fährt sie fast immer mit der S-Bahn. Seit mehreren Jahren nutzt die 43-Jährige dafür die App VVS mobil. „Das ist einfach bequem. Wenn ich zur S-Bahn gehe, lade ich mir auf dem Weg schon das Ticket herunter.“ Probleme hatte sie nie, bei ihrer einzigen Kontrolle konnte sie ihr Handy vorzeigen.

Kühnel ist auch einem Zukunftsprojekt gegenüber aufgeschlossen. 22 Verkehrsverbünde in Baden-Württemberg und das Land selbst wollen 2020 einen großen Testballon steigen lassen. Ein Projekt, in dessen Rahmen die Probanden sich gar keine Tickets mehr kaufen müssen. Sie sollen sich beim Einstieg lediglich mit dem Handy im System anmelden und beim Ausstieg wieder auschecken. Das System bildet den Fahrpreis automatisch – die günstigste Variante. Dabei sollen Verbundgrenzen keine Rolle mehr spielen – wenn man etwa von Stuttgart nach Tübingen über die VVS-Grenze hinausfährt.

„Das ist wirklich ein Zukunftsprojekt“, sagt Horst Stammler, Geschäftsführer des Verkehrsverbunds Stuttgart (VVS). „Das gibt es zwar bereits, zum Beispiel in der Schweiz, die Frage ist aber, ob es auch unterirdisch funktioniert.“ In der Landeshauptstadt gibt es eben auch Tunnelstationen wie am Hauptbahnhof. Das Pilotprojekt soll im nächsten Jahr starten.

Wie schwierig der Ausbau der Vertriebswege ist, zeigt sich an einer anderen Idee. Eigentlich sollten die VVS-mobil-Nutzer schon seit knapp vier Jahren auch Tickets in anderen Großstädten kaufen können. 2015 stellte der VVS die Zusammenarbeit mit der Buchungsplattform Handyticket Deutschland ein, deren Fahrscheine von den Scannern in den Bussen immer wieder nicht erkannt wurden. Stattdessen arbeitete der Verbund daran, sein Tarifsystem mit dem anderer Großstädte zu verknüpfen und wollte 2016 damit an den Start. Geklappt hat es nie. „Die Systeme waren so unterschiedlich, das war zu komplex“, sagt Stammler.

Inzwischen hat der Vertrieb der Bus- und Bahnfahrscheine andere Wege genommen. 2017 hat die Bahn ihren DB Navigator an den Markt gebracht, mit dem man nicht nur Tickets für die Fernzüge, sondern auch in heute 28 deutschen Verkehrsverbünden kaufen kann. „Das ist mehr als ein Ersatz für das Handyticket Deutschland“, so Stammler. Denn damals waren die Metropolen wie Berlin und Hamburg noch nicht dabei. Und an die Einbindung des Bahn-Fernverkehrs in eine App dachte noch niemand ernsthaft.

Verkaufte der VVS vor vier Jahren 95 Prozent seiner Handytickets über VVS mobil, so sind es heute nur noch 80 Prozent. „Der DB Navigator wird von vielen Besuchern genutzt“, sagt Stammler. Umgekehrt können Stuttgarter den Navigator auch nutzen, um in Berlin oder Freiburg Tickets zu kaufen.

Trotzdem hat der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), zu dem der VVS gehört, die Verknüpfung der Verbünde nicht aufgegeben. Im Rahmen des bundesweiten Projekts Mobility Inside soll Ende September eine Pilotversion starten, für die dann auch in der Region Stuttgart 300 Kunden gesucht werden. Sie sollen nicht nur Fernverkehrszüge, sondern auch Bus und Bahn am Start- und Zielort und letztlich bundesweite Auto- und Fahrradverleihsysteme buchen können.

30 Millionen Einzel-, Tages-, Wochen- und Monatstickets hat der VVS 2018 verkauft, rund ein Viertel davon auf Smartphones, was etwa 7,5 Millionen Fahrscheinen entspricht. Die Tendenz geht rapide nach oben: Seit März 2011, als das Handyticket eingeführt wurde, steigen die Verkaufszahlen jährlich um etwa 50 Prozent. „Wir gehen davon aus, dass 2020 jedes dritte Einzel- und Tagesticket sowie Wochen- und Monatsticket per Handy gekauft wird“, sagt Horst Stammler. Der VVS-Chef freut sich darüber, dass die Bedeutung der Ticket-App stark zunimmt. „Für uns ist das natürlich günstiger, da bringt der Kunde seinen Fahrscheinautomaten selber mit.“ Während Automaten gewartet werden müssen und das Ziel von Zerstörungswut sind, übernimmt der Fahrgast nun die Hardware-Kosten selbst. Werden die Automaten wie schon die Telefonhäuschen verschwinden? „Mittelfristig ja“, sagt Horst Stammler, „allerdings dauert es noch einige Jahre.“ Rund 26 Prozent des gesamten Umsatzes von circa 550 Millionen Euro mache man derzeit noch an den Fahrscheinautomaten. Deshalb ersetze die Stuttgarter Straßenbahnen AG 2020 auch mal wieder die älteren Geräte. „Vielleicht ist das aber die letzte Automatengeneration, die beschafft wird“, mutmaßt Stammler.

Handyticket-Fan Angelika Kühnel hält nichts vom Abgesang auf die Automaten. „Meine Eltern fahren oft mit den Öffentlichen aus Gingen an der Fils nach Stuttgart“, sagt sie, „wenn es keine Papier­tickets mehr gibt, würden sie wohl nicht mehr S-Bahn fahren.“ Sie glaubt, dass auch künftig nicht jeder per Smartphone bezahlen kann oder will.

Günstigstes Ticket

In einem Pilotprojekt probt der VVS zurzeit die Abrechnung nach dem besten Preis für den Fahrgast. Per Bestpreis-App wird garantiert, dass auf den Tag oder Monat genau zugunsten des Kunden abgerechnet wird. Wer etwa zwei Fahrten an einem Tag macht, bezahlt den Preis von Einzeltickets. Wer mehr macht, bezahlt nur ein Tagesticket. Hinter der App steckt die Technologie der Daimler-Tochter Moovel. 10 000 Nutzer machen mit. „Ende des Jahres werden wir entscheiden, ob wir das in unser Regelprogramm übernehmen“, sagt VVS-Chef Stammler. (aik)

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