Die Inszenierung spielt im Boxring, schlagkräftige Gegenwehr steht zu erwarten: Probenszene mit Peaches. Foto: Bernd Weißbrod - Bernd Weißbrod

Die kanadische Sängerin Peaches schert sich nicht um Erwartungen. Am Samstag spielt sie die Hauptfigur in Brechts und Weills „Die sieben Todsünden“.

StuttgartKeine „Sieben Todsünden“, sondern sieben himmlische Sünden – „Seven Heavenly Sins“ – feiern mit einer kleinen Umwidmung des Titels am Samstag im Stuttgarter Schauspiel Premiere. Das letzte gemeinsame Werk von Kurt Weill und Bertolt Brecht zeitigt die erste Zusammenarbeit aller drei Staatstheatersparten seit Martin Kusejs legendärer Inszenierung der Purcell-Oper „König Arthur“, entsprechend hoch sind die Erwartungen. In der Hauptrolle ist die kanadische Wahl-Berlinerin Peaches zu sehen, die Kultsängerin gilt als Ikone des Electroclash, der elektronischen Schwester des Punk. Berühmt wurde die rebellische Einzelgängerin einst mit provozierenden, sexuell freizügigen Auftritten und dem Song „Fuck The Pain Away“; in den letzten Jahren weitete Merrill Nisker, wie sie eigentlich heißt, ihr Spektrum als Performerin, Schauspielerin und Produzentin aus.

Frage an Peaches: Kannte sie alle sieben Todsünden, bevor die Proben begannen? „Ich könnte sie wahrscheinlich nicht mal jetzt aufzählen…“, lacht sie trocken – das alte biblische Konzept ist in unserer modernen Welt ziemlich untergegangen. Der Kontakt nach Stuttgart kam über Regisseurin Anna-Sophie Mahler zustande, die Peaches aus Berlin kennt, wo die Sängerin in der Titelrolle der Monteverdi-Oper „L’Orfeo“ auftrat: „Ihr Gedanke war, dass ich Teil des Brecht/Weill-Stückes sein soll, dann aber auch meinen eigenen Beitrag einbringe.“ Den gibt es nun als „Live Testimonial by Peaches“ nach dem nicht mal einstündigen Weill-Stück, danach erklingt auch noch Musik des amerikanischen Komponisten Charles Ives, Stefan Schreiber leitet das Staatsorchester.

Gespaltene Persönlichkeit

Anna, die zweigeteilte Hauptperson der „Sieben Todsünden“, wurde im Original aus dem Jahr 1933 von einer Sängerin und einer Tänzerin dargestellt, Zynikerin die eine und Idealistin die andere. Als gespaltene Person reist sie durch sieben Städte der USA, um Geld für ihre daheim gebliebene Familie zu verdienen, begeht dabei alle sieben Todsünden, die aber, wir sind bei Bert Brecht, per sarkastischer Kapitalismuskritik quasi ins Gegenteil verkehrt werden. In Stuttgart gibt es gleich vier Annas, neben Peaches die Schauspielerin Josephine Köhler, den Tänzer und Choreograf Louis Stiens sowie Melinda Witham, Charakterdarstellerin vom Stuttgarter Ballett. „Wichtig sind nicht nur die Sünden“, sagt Peaches, „sondern es geht um den Zustand der Menschheit. Die Anna der Gegenwart versucht verzweifelt, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, aber durch ihre Geschichte kann sie ganz leicht dorthin zurückgezogen werden – und dabei hat sie eine Sehnsucht, in die Zukunft zu gehen.“ Natürlich erkennt sich auch die Feministin in der Problematik des Stücks wieder: „Im Kapitalismus geht es immer ums Patriarchat!“ Die Inszenierung spielt im Boxring, schlagkräftige Gegenwehr steht zu erwarten.

Wie geht Peaches die Interpretation an – es gibt mit Lotte Lenya, Marianne Faithful oder Ute Lemper berühmte Vorbilder für die Songs? Passt ihr Gesangsstil zu Kurt Weill? „Ich bin so viel Punk, wie auch Kurt Weill Punk ist, weil das Stück schizophren ist, herausfordernd und schrill. Ich kann nur die Farben hineinbringen, die ich als Person mitbringe, deshalb versuche ich, so präsent wie möglich zu sein. Es ist keine zeitgenössische Musik, aber ich verstehe die Welt, aus der diese Musik kommt. Es fühlt sich sehr natürlich an, ich war überrascht, wie eingängig Annas Melodien manchmal sind. Ich liebe es, mit dem Orchester zu singen – das ist ein großartiges Gefühl. Aber ich muss aufpassen, Brecht und Weill würde es nicht gefallen, wenn ich mich darin verliere. Es gilt, damit zu spielen, alles im Griff zu haben. Die Musik ist sehr manipulativ, manchmal sehr emotional, echt und natürlich, dann wieder total sarkastisch.“

Für ihr nächstes Projekt überschreitet die Sängerin im Hamburger Kunstverein wieder neue Grenzen, dann zur bildenden Kunst: „Es ist sehr wichtig für mich, meine eigene Kreativität zu verstehen – das, was ich habe, in verschiedenen Kontexten einzusetzen, mich neu zu erfinden.“

Die Premiere findet an diesem Samstag um 20 Uhr im Stuttgarter Schauspielhaus statt. Weitere Aufführungen: 7., 17. und 25. Februar sowie 2., 10., 23. und 30. März (die Inszenierung wird ab 16 Jahren empfohlen).

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