Liefern sich einen Dreikampf: der Stuttgarter Maximilian Mittelstädt, der Frankfurter Nathaniel Brown und der Leipziger David Raum (von links). Foto:  

Lange hat es keinen passenden Linksverteidiger gegeben. Jetzt schwingt sich David Raum zur Stammkraft auf. Dahinter steht plötzlich Nathaniel Brown vor dem VfB-Profi.

David Raum ist gerne vorne dabei, wie er selbst mit vergnügtem Gesicht sagt. Vor allem wenn es um den Spaß außerhalb des Fußballfeldes geht. Dann bringt er die Mitspieler mit seiner lockeren Art zum Schmunzeln, organisiert zuverlässig Mannschaftsabende und versprüht im Quartier der deutschen Nationalmannschaft reichlich positive Energie. „Er ist ein Kaugummi in der Gruppe“, sagt der Bundestrainer Julian Nagelsmann über den 27-Jährigen, „er hat zu allen Spielern in der Mannschaft einen guten Draht und kann sie zusammenhalten.“

Der Linksverteidiger dient demnach als Verbindungsmann, als Mensch gewordenes Klebemittel im Kader des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Eine Rolle, die Raum gerne annimmt, weil sie seinem Naturell entspricht – und er sie seit der Beförderung zum Kapitän von RB Leipzig zu Saisonbeginn mit einem neuen Selbstverständnis ausfüllt. Als emotionale Führungsfigur im DFB-Lager. Das will der gebürtige Nürnberger auch sein, um wie beim Bundesligisten im Kreis der Nationalelf „voranzugehen und anzuschieben“.

Philipp Lahm ist noch immer der Maßstab

Doch in erster Linie ist Raum in den wichtigen WM-Qualifikationsspielen an diesem Freitag (20.45 Uhr/RTL) in Luxemburg und am Montag (20.45 Uhr/ZDF) in Leipzig gegen die Slowakei mit seinen Charaktereigenschaften und fußballerischen Fähigkeiten auf dem Platz gefordert. Auf einer Position, die komplex ist, „noch immer unterschätzt wird“ (Raum) und in der DFB-Auswahl lange Zeit als Problemzone galt. Im Grunde, seit sich Philipp Lahm nach dem Titelgewinn bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien aus der Nationalmannschaft zurückgezogen hat.

Allerdings gab es auch schon davor viele Diskussionen, da der damalige Kapitän nicht auf beiden Seiten gleichzeitig auflaufen konnte und rechts wie links Maßstäbe gesetzt hatte. Mit der Folge, dass immer da, wo Lahm gerade nicht spielte, vorher und nachher Defizite ausgemacht wurden. Vor allem die Position des Linksverteidigers verkam anschließend zur Wechselstelle, da Nagelsmanns Vorgänger Joachim Löw und Hansi Flick eine Reihe von Kandidaten ausprobierten.

Doch keiner war in Defensive wie Offensive so ausgewogen stark wie Lahm, keiner gestaltete den Spielaufbau so intelligent und gut und keiner nahm Ausnahmestürmer wie Cristiano Ronaldo so gekonnt und unaufgeregt aus dem Spiel. Bis heute. „Weltklasse haben wir auf anderen Positionen“, sagt Raum mit einer gesunden Selbsteinschätzung. Er meint Offensivzauberer wie Florian Wirtz und Jamal Musiala. Sich selbst sieht der Abwehrspieler als Kraftpaket mit hoher Einsatzbereitschaft, das schon mal eine Flanke oder einen Freistoß an den Mann bringt. Was einer Untertreibung gleichkommt, da er seine Stärken mit dem linken Fuß weiter speziell trainiert. In Extra-Einheiten und mit einer hydraulischen Freistoßmauer.

So hat sich der zu Zweitligazeiten in Fürth umgeschulte Mittelfeldspieler zur Nummer eins auf der linken Außenbahn entwickelt. Vor Nathaniel Brown von Eintracht Frankfurt und Maximilian Mittelstädt vom VfB Stuttgart. Zwei Konkurrenten, die er schätzt: „Wir haben jetzt fast ein Luxusproblem.“ Drei Linksverteidiger sind eben einer zu viel, wie Nagelsmann während der Vorbereitungstage in Wolfsburg ausgeführt hat. „Die Crux an einer Kadernominierung ist einfach: Wenn du Spieler A und B nominierst, muss Spieler C zu Hause bleiben.“

Nathaniel Brown verbessert sich

Den Part, aus der Ferne zuzuschauen, fällt augenblicklich Mittelstädt zu. Das ärgert den VfB-Spieler, stachelt ihn aber gleichzeitig an. Denn zum zweiten Mal nacheinander wurde der EM-Teilnehmer für die DFB-Auswahl nicht berücksichtigt. Selbst wenn Nagelsmann dem 28-Jährigen attestiert, dass er sich stabilisiert habe. Anlass zu einer Veränderung sah der Bundestrainer jedoch nicht – trotz der Verlässlichkeit, die Mittelstädt in seinem Spiel bietet.

Die Linksverteidigerstelle soll nur doppelt besetzt werden. Und diesbezüglich bevorzugt Nagelsmann zurzeit den 22-jährigen Brown mit seiner Schnelligkeit und seinen auffälligen Auftritten für die Frankfurter. Wie Raum hat der Eintracht-Spieler in zehn Bundesligapartien ein Tor erzielt und zwei vorbereitet. Er habe sich zudem in der Defensive, seiner Baustelle, verbessert. „Er ist sehr clever im Verteidigen von Eins-gegen-eins-Situationen“, sagt Nagelsmann.

Browns Perspektiven stimmen also. Dennoch: Mittelstädt bleibt mit seinen Qualitäten und seinem Ehrgeiz im WM-Rennen. Der Dauerrenner will weiter „Gas geben“, um im nächsten Sommer beim großen Turnier in Nordamerika am Ball zu sein. „Der Konkurrenzkampf führt dazu, dass wir zu Höchstform auflaufen“, sagt Raum. Ganz der Motivator, der er sein will.