Sebastian Hoeneß kämpft gegen die Ergebniskrise des VfB Stuttgart an – muss der Trainer dabei neue Facetten zeigen?
So richtig in Seenot kann der VfB Stuttgart vor der Reise nach Hamburg am kommenden Samstag ja nicht mehr geraten in der Fußball-Bundesliga. Die bislang gesammelten 41 Punkte sorgen zumindest dafür, dass der Club mit irgendwelchen Abstiegskrimis nichts zu tun haben wird, wenn nun die verbleibenden drei Spieltage anstehen. Aber: Der weiß-rote Kahn ist dennoch ordentlich ins Wanken geraten. Zumindest mit Blick auf Ergebnisse und Tabelle.
In der Rückrunde hat der VfB erst drei Bundesligaspiele gewonnen. Seit dem 2:1 in Dortmund am 8. Februar sogar nur noch jenes gegen an diesem Tag schwache Bochumer. Darüber hinaus wurden sechs Heimspiel in Folge verloren – eine Serie, die es zuvor noch nie gegeben hat in der Bundesligahistorie der Stuttgarter. In der Tabelle ging es von Platz vier nach dem 19. Spieltag (32 Punkte) runter auf Rang elf (41).
Das internationale Geschäft über die Liga zu erreichen ist ein Ding der lediglich rein theoretischen Natur – weshalb das Pokalfinale mittlerweile als eine Art Rettungsring dient, um nach einem möglichen Sieg die Spielzeit doch noch als großen Erfolg verbuchen zu können. Der VfB hätte dann sowohl den ersten Titel seit der Zweitligameisterschaft 2017 (oder der Meisterschaft 2007) als auch ein Ticket für die Europa League geholt.
Im Kick gegen den Drittligisten Arminia Bielefeld wird ein Erfolg fast schon vorausgesetzt. Aber nach den ernüchternden vergangenen Wochen ist klar: Der VfB sollte noch ein bisschen draufpacken im Saisonfinale der Liga – um dann gut gerüstet nach Berlin fahren zu können. Nur: Von alleine kommt dieses gute Gefühl nicht zurück.
Seit Wochen im gleichen Trott
Die Frage ist also: Wie versuchen die Verantwortlichen den Turnaround mit der Mannschaft hinzubekommen? Die Antwort von der Mercedesstraße: mit den gewohnten Mitteln. „Wir müssen das machen, was uns in der Vergangenheit ausgezeichnet hat: die Köpfe zusammenstecken, analysieren und gemeinsam eine Lösung herbeiführen“, sagt der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth. Dabei drängt sich eine andere Frage auf: Braucht es nun nicht auch einmal klarere Ansagen – auch öffentlich –, um dem Trott zu entfliehen?
Auch nach der 0:1-Niederlage gegen den 1. FC Heidenheim am vergangenen Freitag suchten die Verantwortlichen die Erklärung eher im Unerklärlichen. „Uns fehlt auch das Momentum“, sagte Wohlgemuth, und der Trainer Sebastian Hoeneß verwies auf die positiven Aspekte der Partie: „Wir waren mit vielen Spielern am und im Strafraum präsent.“ Man müsse sich lediglich ankreiden, „das Tor nicht erzielt zu haben“.
Zumindest öffentlich ist das seit Wochen nahezu derselbe Ton. Ordentlich gespielt, aber aus unterschiedlichen Gründen eben den möglichen Sieg verpasst. Wenige Tage danach: Das Gleiche in Grün. Mal ist es die Effizienz in der Offensive, mal die Konsequenz in der Defensive. Mal ist es eine Standardschwäche, mal ein individueller Fehler. Mal ist es ein Platzverweis, mal das verletzungsbedingte Fehlen wichtiger Spieler. Aber ansonsten? Alles ganz okay.
Das Problem: Zwar stimmen tatsächlich nach wie vor viele Spielwerte, weshalb ein grundsätzliches Umdenken auch fehl am Platz wäre. Aber: Die allerletzte Leidenschaft hat das VfB-Team nur selten gezeigt, etwa in den Pokalpartien gegen den FC Augsburg und RB Leipzig. Und es gab zwar zahlreiche ordentliche Partien, aber fast keine sehr, sehr guten. So bewegt man sich im Grunde seit Wochen in ebendiesem Trott, der vorgaukelt, dass nichts Schlimmes passiert, während kaum noch Spiele gewonnen werden.
Die vermeintlichen Führungsspieler wie Atakan Karazor, Alexander Nübel, Angelo Stiller oder Chris Führich treten öffentlich so gut wie nicht in Erscheinung. Die Latte auch mal sichtbar wieder weiter nach oben legen? Findet nicht statt. Muss also der Trainer mehr Klartext bieten, um die Spieler auch mal in größerem Rahmen in die Pflicht zu nehmen?
Neue Facette, aber authentisch bleiben
Nein, sagen die einen, die auf eben die „ordentlichen“ Leistungen verweisen und darauf blicken, was Sebastian Hoeneß mit seiner bisherigen Art beim VfB alles geschafft hat. Das steht auch außer Frage. Aber womöglich ist nun eine neue Facette seines Trainerdaseins beim VfB gefragt. Kein populistisches Poltern, das man Hoeneß vermutlich nicht abnehmen würde. Keine Brandrede, deren einmalige Wirkung schnell verpufft. Und auch kein generelles Infragestellen der Qualitäten der Mannschaft.
Aber: deutlichere Worte im gut vernehmbaren Raum, die den Spielern klarmachen, dass jeder einzelne wieder viel öfter das persönliche Toplevel erreichen muss. Die die Profis, die einen anderen (auch finanziellen) Status verkörpern als noch vor zwei, drei Jahren, in die Pflicht nehmen. Sie vielleicht auch mal aufrütteln. Die mehr von ihnen einfordern als das vernünftige Standardprogramm.
„Jammern ist keine Option“, sagte Fabian Wohlgemuth am vergangenen Freitag. Alles einfach weiterlaufen zu lassen aber auch nicht. Erst recht nicht mit Blick auf das intensiv spielende Team des FC St. Pauli am Samstag oder die sich im positiven Flow befindliche Arminia aus Bielefeld am 24. Mai im Pokalfinale. „Wir sind eine Kämpfermannschaft“, sagte Sebastian Hoeneß – und fügte entsprechend kämpferisch an: „Das werden wir zeigen.“
Fast schon markige Worte des Trainers – schon in Hamburg wird sich zeigen, ob sie genügen, bei den Spielern Wirkung zu entfalten.