Serhou Guirassy Abschluss sitzt: Der VfB braucht derzeit nicht allzu viele Chancen. In der Bildergalerie blicken wir auf die Partie gegen Union Berlin zurück. Foto: Pressefoto Baumann/Volker Müller

Der Stuttgarter Reifeprozess zeigt sich auch in der Chancenverwertung – die dem Berliner Trainer Nenad Bjelica zufolge alles andere als Zufall ist, sondern ein wesentliches Qualitätsmerkmal des VfB in dieser Saison.

Sieben Spiele, sechs Siege – der Erfolg wird für den VfB Stuttgart in der Fußball-Bundesliga allmählich zum Dauerzustand. Von einem Gewöhnungseffekt will der Cheftrainer aber nichts wissen. „Es ist mir ganz wichtig zu sagen“, betonte Sebastian Hoeneß nach dem 2:0 gegen Union Berlin, „dass Siege nie selbstverständlich sein können. Auch wenn wir gerade in den Genuss kommen, relativ häufig zu gewinnen, ist jeder Sieg etwas Besonderes.“

In der Partie am Freitagabend gab es in der Tat gleich mehrere Momente, in denen das Pendel auch in die andere Richtung hätte ausschlagen können. Vor allem zu Beginn der beiden Hälften ließ der VfB aussichtsreiche Einschussmöglichkeiten zu, die Union aber nicht verwertete: Erst schoss Yorbe Vertessen freistehend vor dem Stuttgarter Torhüter Alexander Nübel links vorbei (3.), dann köpfte Josip Juranovic nach einer Ecke zu unplatziert (48.). „Leider haben wir unsere Chancen nicht genutzt“, sagte der Berliner Trainer Nenad Bjelica. Das ziehe sich schon seit Wochen durch. „Wir tun uns momentan sehr schwer vor dem Tor.“

Ausgeglichene Statistiken

Ganz anders der VfB, der in der eher chancenarmen Partie seine Möglichkeiten konsequent verwertete – und das auf überaus sehenswerte Weise. Zunächst traf Toptorjäger Serhou Guirassy nach einem Steckpass von Atakan Karazor kaltschnäuzig in die linke Ecke, wobei der Winkel für den Abschluss alles andere als günstig war (19.). Dann sorgte Chris Führich mit einem Traumtor für den Endstand, als er in gewohnter Manier von der linken Außenbahn in den Strafraum zog und den Ball in die lange Ecke schlenzte (65.).

So stand am Ende ein weiterer Sieg zu Buche, obwohl die offensiven Statistiken eigentlich sehr ausgeglichen waren: Der VfB hatte den Ball bei seinen Abschlüssen fünfmal aufs Tor gebracht, Union viermal. Ein ähnliches Bild zeigte sich beim Blick auf die Expected Goals, der Zahl der zu erwartenden Tore aufgrund der Chancenqualität. Hier lag der VfB bei Spielende bei einem Wert von 1,03 – Union bei 1,04.

Für Bjelica hatte der Sieg dennoch wenig mit Zufall, Glück oder Pech zu tun – sondern war vielmehr auf einen Qualitätsunterschied in puncto Effizienz zurückzuführen. Diese Erfahrung habe sein Team schon gegen den FC Bayern, Borussia Dortmund und RB Leipzig gemacht – gut mitgehalten, aber verloren aufgrund der Chancenverwertung. „Das ist Qualität der Gegner“, so Bjelica, „auch Stuttgart hat diese Qualität und in Führich und Guirassy Topspieler für die Liga.“

Eine Folge: Mit dem erarbeiteten Selbstvertrauen und im Wissen um die eigene Stärke wird der VfB mittlerweile auch bei zähen Spielen nicht mehr nervös – und gewinnt immer öfter unspektakulär. „Eine reife Leistung“ hatte Hoeneß über weite Strecken von seinem Team gesehen, das damit seine internationalen Ambitionen mit Nachdruck untermauert hat. Weiter geht es am Samstag (18.30 Uhr) bei der TSG Hoffenheim, während Union seine Torflaute gegen Werder Bremen beenden will. Vielleicht mit anderen Trainingsinhalten: „Manchmal ist weniger mehr“, so Bjelica, „vielleicht trainieren wir zu viele Abschlüsse.“