Die 12,5 Meter hohe Schallschutzwand am Verwaltungsgebäude das Tanklagers im Ölhafen wird nun auf der gesamten Länge fortgesetzt. Foto: Alexander Müller

Krach im Lindenschulviertel. Ein Gutachten bestätigte die Klagen der Anwohner über zu hohe Lärmwerte des Tanklagers Stuttgart im Ölhafen. Für Abhilfe soll nun eine knapp 400 Meter lange Schallschutzwand sorgen.

Untertürkheim - Im Lindenschulviertel kracht’s – spr ichwörtlich. Und das immer noch. Bereits vor acht Jahren bestätigte ein Gutachten die Klagen vieler Anwohner über zu viel Lärm im Wohngebiet durch die gewerbliche Nutzung aus dem Umfeld. Der Protest richtet sich in erster Linie gegen das Tanklager Stuttgart (TLS). Abhilfe soll nunmehr eine neue knapp 400 Meter lange Lärmschutzwand sorgen. Mit dem Bau wurde bereits im Sommer vergangenen Jahres begonnen, mit der Fertigstellung des mehr als zehn Millionen Euro teuren Bauvorhabens ist Mitte 2022 zu rechnen. Ob dies dann aber auch den gewünschten Effekt haben wird, sind sich die Anwohner nicht sicher.

Betroffen vom Lärm des TLS im Ölhafen ist in erster Linie das 2005 in unmittelbarer Nähe erstellte Wohngebiet auf dem ehemaligen Prinzing-Areal mit dem Studentenwohnheim mit 500 Plätzen sowie vier Mehrfamilienhäusern mit 55 Wohnungen. Auch in der Türkenstraße und der Straße In der Au sei die Belastung hoch. Bereits bei der Erstellung des Bebauungsplans sei vom Stadtplanungsamt unsauber gearbeitet worden, so der Vorwurf der Anwohner.

Ein Gutachten, das für das allgemeine Wohngebiet eine zu hohe Lärmbelastung vorsah, sei kurz darauf durch ein weiteres untergraben worden, das die gültigen Grenzwerte minimal unterschreitet. Klar sei, dass die Stadt immer auf der Suche nach neuen Wohngebieten sei. Allerdings komme das Stadtplanungsamt in solch wichtigen Entscheidungen, ihrer Verantwortung zu Stellungnahmen nicht nach. Generell habe man dort, so die Anwohner, große Probleme mit Bürgernähe – bis heute.

Eskaliert ist der Streit schließlich vor nunmehr acht Jahren durch ein ständiges lang anhaltendes Pfeifgeräusch. Diese sogenannte Tonität drang selbst durch Wände. Die Folge waren vereinzelte Lärmbeschwerden von Anwohnern beim Regierungspräsidium Stuttgart (RP) als zuständige höhere Immissionsschutzbehörde. Mit Erfolg. Mehrere Gutachten zeigten auf, dass die nächtlichen Geräusche des Benzin- und Heizöllagers mit einem Wert von 49 Dezibel (db(A)) deutlich zu hoch sind. In dem Mischgebiet, wie es vonseiten der Stadt im Bebauungsplan ausgewiesen wurde, gelten Richtwerte von 60 db(A) tagsüber und 45 db(A) in der Nacht. Für das reine Wohngebiet im Lindenschulviertel sind 50 db(A) tagsüber und 40 db(A) nachts erlaubt.

Inzwischen wurde das pfeifende Problem durch Verbesserungen an der Abfüllanlage behoben. Nach langen Verhandlungen zwischen RP, Stadt und TLS haben sich die Beteiligten zur Reduzierung der Lärmimmissionen als wirksamste Lösung für den Bau der Lärmschutzwand entschlossen. „Die Arbeiten laufen bereits seit Juni 2019“, erklärt TLS-Geschäftsführer Peter Meyer. Auf dem Gelände des Tanklagers entsteht eine knapp 400 Meter lange Schallschutzwand anstatt der bislang vorhandenen 80 Meter. Im vorderen Bereich in Richtung der Straße Am Ölhafen wird sie zwölf Meter hoch sein. Im weiteren Verlauf, wenn die angrenzende Wohnbebauung endet, dann 6,50 Meter.

Im Vorfeld mussten die Kesselwagen-Einlagerung und ein Schienengleis verlegt werden. Rund eine Million Tonnen an Kraftstoff und Heizöl werden im Tanklager pro Jahr umgeschlagen. Die Anlieferung erfolgt ausnahmslos über die Schiene, aufgrund des fehlenden zweiten Gleises nunmehr rund 15 Prozent auch per Schiff, die Auslieferung komplett per Lastwagen über die Otto-Konz-Brücken.

Bislang hat sich der Verlust des zweiten Gleises nicht negativ auf das Geschäft niedergeschlagen. „Coronabedingt war weniger los und den Rest haben wir über die Schiffe abdecken können“, sagt Meyer.

Im kommenden Jahr soll der Bau des zweiten Gleises, das im Zuge der Schallschutzwand erstellt wird, abgeschlossen sein. Die eigentliche Wand dann spätestens Mitte 2022 fertiggestellt sein. „Es ist eine heikle Geschichte dies unter laufendem Betrieb umsetzen zu müssen“, betont Meyer. Das TLS, Stadt und Regierungspräsidium seien aber bestrebt alle Auflagen des Lärmschutzes umzusetzen. Die genauen Kosten wolle man nicht preisgeben, die komplette Maßnahme läge aber deutlich im zweistelligen Millionenbereich. „Eine solche Aufgabe benötigt einfach Zeit“, wirbt der TLS-Geschäftsführer.

Das stößt bei den Anwohnern allerdings auf Unverständnis: „Wir sind jetzt im achten Jahr der Beschwerde und die Maßnahmen sind noch lange nicht abgeschlossen. Man benötigt eine Menge an Nerven, Zeit und Kraft“, heißt es vonseiten der Kläger. Kritik entwickelt sich zudem am Bauwerk selbst. Die „monströse“ Lärmschutzwand trage zu einer massiven Verschandelung des Lindenschulviertels bei. Und nicht zuletzt sehe man die große Gefahr von Schallreflexionen, die unter anderem den Bahnlärm genau ins Wohngebiet reflektieren könnten. Nach wie vor wären aus ihrer Sicht einzelne, gezielte Maßnahmen sinnvoller gewesen.

Bis Mitte 2022 die neue Lärmschutzwand fertiggestellt ist, müssen sich die Anwohner auf jeden Fall noch gedulden. Ob dann auch wirklich alle Probleme behoben sind, bleibt also abzuwarten. So oder so scheint Krach im Lindenschulviertel weiter vorprogrammiert zu sein.

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