Wo in der Stadt braucht es Sitzbänke? Das fragte Eva Ludwig kurz nach ihrem Jobantritt. Jetzt steht unter anderem vor der Stadthalle in Korntal eine Sitzbank. Foto: Geronimo Schmidt

Eva Ludwig hat unendlich viele Ideen für die Senioren in Korntal-Münchingen. Dabei merkt sie: Themen wie Pflege und Einsamkeit betreffen auch Jüngere.

Eva Ludwig ist gerade mal 35 Jahre jung – mit dem Älterwerden beschäftigt sie sich aber schon intensiv. Und das bereits ziemlich lange. In Bolivien hat sie in einem Altenheim den Freiwilligendienst absolviert und in Freiburg Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Gerontologie, der Alter(n)swissenschaft, studiert.

Zwar war Eva Ludwig auch als Tagesmutter tätig und in der Jugendarbeit. Letztlich hat sich die Marbacherin jedoch dafür entschieden, mit älteren Menschen zu arbeiten. „Ich finde es gesellschaftlich wichtig, Respekt vor der älteren Generation zu haben.“ Zu der könne sie einfach Kontakt aufbauen, es gebe immer Kaffee und Kuchen, sagt die 35-Jährige. Sie lacht. Dann spricht sie von einem „kolossal vielfältigen Feld“.

Eva Ludwig versteht sich als „Anschuckerin“

Seit April vergangenen Jahres kümmert sich Eva Ludwig ums Älterwerden in Korntal-Münchingen. „Ich finde es toll, dass die Stadt diesen Schwerpunkt setzt und damit ein Zeichen“, sagt die 35-Jährige über ihren Job, der ihr viel Gestaltungsspielraum lasse. Das Engagement von Älteren und für Ältere zu unterstützen, ist eines ihrer Arbeitsfelder – und ihr, die sich als „Anschuckerin“ versteht, größtes Anliegen. „Wo es sozialen Zusammenhalt gibt, kann man gut alt werden“, sagt Eva Ludwig. Neben dem Engagement von Institutionen wie Altenheimen, die zum Beispiel einen Mittagstisch anbieten.

Ursprünglich suchte die Stadtverwaltung zur Verstärkung eine 50-Prozent-Kraft, die Senioren berät. Der steigende Bedarf an Angeboten und Beratung im Bereich Senioren und Pflege könne im Sachgebiet nicht mehr mit nur einer Stelle bewältigt werden, begründete die Stadtverwaltung die Stelle – die Eva Ludwig umbenannte. Denn sie hatte eine, wie sie sagt, wichtige Erkenntnis: Die Senioren, die gibt es nicht.

Einsamkeit kann jeden treffen

Zu Beginn hat Eva Ludwig mit älteren und alten Menschen gesprochen, und mit denen, die mit älteren und alten Menschen arbeiten. Sie wollte sich ein Bild davon machen, was für Senioren vorhanden ist und was fehlt. Dabei hat sich Eva Ludwig mit einer Frau Mitte 80 unterhalten, die zu dem Zeitpunkt den 90. Geburtstag ihres Mannes vorbereitet hat. Sie habe gerade so viel zu tun und müsse erst mal über ihre Fragen nachdenken, antwortete die Frau. „Mir wurde klar, dass sie sich nicht als Seniorin sieht“, erzählt die 35-Jährige. Vielmehr befänden sich Menschen in verschiedenen Lebensphasen mit unterschiedlichen Ansprüchen an die Stadt.

Eva Ludwig macht das Älterwerden an Lebenssituationen fest, wie die Pflege von Angehörigen mit Mitte 50 bis Anfang 80, und geht über Themen ran – wie ihr Schwerpunktthema Einsamkeit. Die sei in jeder Lebensphase möglich, betreffe aber vor allem hochbetagte Männer und Menschen Anfang 20. Einsamkeit birgt laut Studien große Gefahren: Sie erhöht das Sterberisiko.

„Ich klopfe regelmäßig leise an“

Für nächstes Jahr hat sich Eva Ludwig auf die Fahne geschrieben, Engagement sichtbar zu machen. „Es passiert mehr, als man weiß, und es regt an, selbst aktiv zu werden.“ Lücken ließen sich nur durch Engagement schließen, meint die 35-Jährige: „Wir haben kein Sozialversicherungssystem, das alle Eventualitäten abdeckt. Wir brauchen eine mittragende Gesellschaft.“

Engagement anzuschieben, ist Eva Ludwig bereits gelungen. So öffnet seit Mai in Münchingen einmal pro Woche das Café mit Herz. Es ist ein Angebot für Menschen mit Demenz, um Angehörige zu entlasten. Hier arbeitet das Rote Kreuz mit anderen Helfern zusammen.

Eva Ludwig sagt, die Generation der Babyboomer habe eine große Bereitschaft, sich einzubringen, wenngleich mit dem Wunsch, Freiheit zu haben. Sie denkt eher an Projektarbeit. Verbindliches Engagement benötige passende Rahmenbedingungen, so Ludwig. „Ich klopfe regelmäßig leise an“, sagt sie über die Gewinnung von Ehrenamtlichen.

Neue Sitzbänke in der Stadt aufgestellt

Außerdem gestaltet Eva Ludwig selbst Angebote – Kurse für pflegende Angehörige von Demenzkranken, den Gesprächskreis pflegende Angehörige, Ausflüge. Und sie ist das Sprachrohr zwischen Stadtverwaltung und Bevölkerung. Kurz nach ihrem Jobantritt überlegte die 35-Jährige zum Beispiel mit den Bürgern, wo in Korntal-Münchingen Sitzbänke fehlen. Die Stadt stellt dieses Jahr ein Budget von 50 000 Euro bereit, auch, um alte Bänke zu sanieren. Die Bänke sind für alle da, wenngleich sie für Ältere eine „andere Dramatik“ hätten, etwa die Möglichkeit böten, in Ruhe „zu verschnaufen“.

Die Barrierefreiheit in der Stadt verbessern, einen Besuchsdienst einrichten und einen Mittagstisch oder Treffen für neue Bürgerinnen und Bürger anstoßen: Eva Ludwig hat unzählige Ideen. Und braucht dafür: noch mehr helfende Hände.