Der tödliche Horrorunfall am Olgaeck ist nur die Spitze eines Eisbergs: Passanten sind in Stuttgart besonders gefährdet. Und wie sieht es in den Landkreisen aus?
Noch hat das Amtsgericht nicht über die Eröffnung des Hauptverfahrens entschieden, noch sind keine Termine für die Prozesstage festgelegt. Gegen einen Fahrer einer tonnenschweren Mercedes G-Klasse ist wegen fahrlässiger Tötung und achtfacher fahrlässiger Körperverletzung Anklage erhoben worden. Am 2. Mai 2025 war der damals 42-Jährige in der Innenstadt an der Haltestelle Olgaeck von der Fahrbahn abgekommen, war in eine Fußgängergruppe geprallt. Eine 46-jährige Mutter starb, acht Fußgänger erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Besonders brisant: Laut Staatsanwaltschaft waren im Blut des Beschuldigten Spuren von Kokain und eines Kokainabbauprodukts gefunden worden.
21 Todesopfer gab es im vergangenen Jahr im Straßenverkehr im Landkreis Ludwigsburg, der damit in der Region eine Spitzenposition einnimmt.
Welche Strafe wird dem Fahrer drohen? Da der Fall beim Amtsgericht angesiedelt ist, lässt sich die maximale Strafe schon mal beim Blick in das Gerichtsverfassungsgesetz absehen: „Daraus ergibt sich, dass beim Amtsgericht nicht auf eine höhere Strafe als vier Jahre Freiheitsstrafe erkannt werden darf“, sagt Gerichtssprecher Matthias Buchen. Ebenso verhält es sich bei einem Autofahrer, der sich vom 10. Februar an beim Amtsgericht Esslingen für den Tod einer 39-jährigen Passantin und ihrer drei und sechs Jahre alten Söhne verantworten muss. Er hatte laut Anklage die Familie im Oktober 2024 in Esslingen-Weil mit seinem Wagen auf einem Gehweg erfasst.
Die Spitze eines Eisbergs: Fußgänger als Todesopfer – das ist vor allem in der Landeshauptstadt ein Alarmfall. Nach Informationen unserer Zeitung muss die Stuttgarter Polizei für das Jahr 2025 insgesamt neun Verkehrstote registrieren – zwei mehr als im Jahr davor. Besorgniserregend dabei: Sechs davon sind zu Fuß unterwegs gewesen – also zwei Drittel. Zum Vergleich: 2024 und 2023 starben zwei Passanten, 2022 hatte es zu Fuß kein einziges Todesopfer gegeben.
Nicht minder erschütternd im Unfalljahr 2025 ist der Tod eines vier Jahre alten Mädchens, das im Juli in Weilimdorf von einem Autofahrer beim Einbiegen in eine Hofeinfahrt übersehen wurde. Dass dort ein Kind spielte, hatte der Fahrer ersten Ermittlungen zufolge offenbar nicht bemerkt. Tödlich endete im Oktober das Überqueren von Stadtbahngleisen in der Schlossstraße in der Innenstadt für einen 28-Jährigen.
Das Problem tödlich verletzter Fußgänger trifft aber vor allem Senioren: Im Februar traf es einen 82-Jährigen in Weilimdorf, der vor ein Auto stürzte. Im März eine 81-jährige, die auf einer Fußgängerfurt – wieder am Olgaeck – von einem abbiegenden Kleinlasterfahrer übersehen wurde. Im Oktober eine 90-Jährige am Albplatz in der Degerloch, die von einem Lkw erfasst wurde. Die Polizei kommentiert die Informationen unserer Zeitung nicht – erst müsse die offizielle Vorstellung der Unfallstatistik abgewartet werden, heißt es. In früheren Jahren hatte es indes Erklärungen dafür gegeben, warum Stuttgart für Passanten offenbar gefährlicher ist als in den Landkreisen drumherum: „Wir haben hier viele unterschiedliche Verkehrsmittel, breite Straßenschneisen, große Verkehrsanlagen und Schienenverkehr“, so ein Sprecher damals. Problematisch sei, dass man „nur schwer vorbeugen“ könne. Blinklichter und Z-Überwege an Haltestellen – da sei viele schon ausgereizt. Insgesamt neun Tote – das ist überdies eine weitere Steigerung in den letzten Jahren. Zu den weiteren Opfern zählen zwei Autofahrer und eine Radlerin. 2022 waren nur zwei Getötete in Stuttgart zu beklagen gewesen.
Landkreis Ludwigsburg Den größten Blutzoll in der Region Stuttgart verzeichnet der Landkreis Ludwigsburg – hier gab es, inklusive eines Unfalls auf der Autobahn, insgesamt 21 Todesopfer. Der schlimmste Vorfall wird derzeit im Stuttgarter Landgericht verhandelt: Drei Männer im Alter zwischen 25 und 35 Jahren sollen sich im März ein illegales Wettrennen durch Ludwigsburg geliefert haben. Einer der PS-Boliden rammte dabei ein Auto, zwei 22 und 23 Jahre alte Frauen sterben im zerstörten Wrack. Die Anklage lautet auf Mord.
Der Landkreis Ludwigsburg ist auch so ein Brennpunkt in der noch nicht veröffentlichten Unfallstatistik – denn auf den Straßen waren im Vorjahr auch schon 14 Menschen gestorben. Nun wieder ein Höchstwert. Die meisten Opfer, nämlich zehn, waren in einem Auto unterwegs – unter anderem ein zweijähriges Mädchen im Januar 2025 in Gemmrigheim. Dieses saß in einem Wagen, der von einer entgegenkommenden Autofahrerin gerammt wurde. Zu den Verkehrstoten des Jahres zählen fünf Motorradfahrer, drei Fußgänger und ein Radfahrer.
Landkreise Böblingen und Göppingen
Im Kreis Böblingen hat sich die Zahl der Unfalltoten von sechs auf zehn erhöht. Darunter ein 18-Jähriger, der im Juni in Weil im Schönbuch mit einem E-Scooter einen Bahnübergang queren wollte – und mit einem Zug kollidierte. Überdies starben in Gäufelden, Renningen, Leonberg, Weil der Stadt, Weil im Schönbuch, Grafenau, Sindelfingen und Bondorf drei Pkw-Insassen, drei Fußgänger, zwei Motorradfahrer, ein Radfahrer. Im Kreis Göppingen stieg die Zahl von fünf auf sechs Opfer – zwei waren zu Fuß unterwegs, drei in Autos, einer starb bei einem Motorradunfall.
Landkreise Esslingen und Rems-Murr
Immerhin gibt es auch relativ tröstliche Nachrichten: Im Landkreis Esslingen wiederholt sich nicht noch einmal ein Schreckensjahr, wie es 2024 eines gewesen ist – mit 17 Verkehrstoten und der getöteten Mutter und ihren zwei Kindern in Esslingen-Weil. 2025 registrierte die Polizei insgesamt sieben Opfer – und keine Fußgänger. In Hochdorf, Kirchheim/Teck, Esslingen, Nürtingen und Filderstadt kamen aber drei Radler, drei Motorradfahrer und eine 82-jährige Autofahrerin ums Leben, letztere kurz vor Weihnachten bei der Kollision mit einem Linienbus. Den geringsten Blutzoll auf der Straße verzeichnet der Rems-Murr-Kreis, wo letztes Jahr ein Autofahrer, ein Passant und ein Motorradfahrer in Alfdorf, Spiegelberg und Backnang tödlich verunglückten. Drei Tote – im Jahr davor waren es acht gewesen.