Immer wieder liegt Baumaterial, wie hier bei der Sanierung im Bahnhof Bad Cannstatt, direkt neben den Gleisen. Foto: Alexander Müller

Bislang unbekannte Täter legen in der Nacht auf vergangenen Samstag schwere Ballastsäcke auf die Bahnstrecke in Obertürkheim. Stammen sie von der S21-Baustelle?

Was hätte im schlimmsten Fall passieren können? Das will sich auch der Sprecher der Bundespolizei Stuttgart, Samuel Rosenberger, nicht vorstellen. Am vergangenen Freitagabend, 27. Februar, hatten bislang unbekannte Täter mehrere etwa zehn Kilogramm schwere Ballastsäcke auf die Bahngleise zwischen Untertürkheim und Obertürkheim gelegt. Eine mit rund 100 Fahrgästen besetzte S-Bahn der Linie S1 in Fahrtrichtung Kirchheim/Teck überrollte die Hindernisse und kam dadurch kurzfristig ins Trudeln, blieb aber auf den Gleisen. Verletzt wurde bei dem Vorfall niemand, wie die Bundespolizei berichtet.

Mehr als 100 Tonnen schwere S-Bahnen sehr spurtreu

Das Tatzeitraum lässt sich genau eingrenzen. Gegen 23.08 Uhr nutzte die letzte S1 noch ohne Probleme die Gleise im Neckartal. Hingegen kam es um 23.30 Uhr trotz einer sofort eingeleiteten Vollbremsung des Lokführers zur Kollision mit den Ballastsäcken. Schließlich hatte der Zug laut Bundespolizei zu diesem Zeitpunkt eine Geschwindigkeit von rund 90 Kilometern pro Stunde auf dem Tacho. Durch den Aufprall schaukelte sich die S-Bahn kurzfristig auf. „Wie bei einem Auto verfügen auch die Rollen der Züge über eine entsprechende Federung“, zieht Rosenberger einen bildhaften Vergleich. Davon, dass der Zug gar aus den Gleisen hätte springen können, sei man im vorliegenden Fall aber zum Glück weit entfernt gewesen. Durch das mit mehr als 100 Tonnen sehr hohe Eigengewicht sei die S-Bahn äußerst spurtreu.

Dennoch werde nun wegen des Verdachts des gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr ermittelt. Noch am Tatort wurden etliche Spuren gesichert. Aufgrund der umfangreichen Maßnahmen konnte die S-Bahn erst gegen 0.47 Uhr ihre Fahrt in Richtung Kirchheim/Teck fortsetzen. So lange mussten die rund 100 Fahrgäste im Zug ausharren. Aufgrund der schwierigen örtlichen Gegebenheiten habe „man auf eine Evakuierung verzichtet“, erklärt Rosenberger. Die Bahnstrecke war bis gegen 1.51 Uhr für den Zugverkehr gesperrt.

Ballastsäcke stammen vermutlich von S21-Baustelle

Nach ersten Erkenntnissen der Bundespolizei stammen die Ballastsäcke von einer neben den Schienen gelegenen Baustelle. Sie werden eingesetzt, um eine Plane am Boden zu halten. „Dieser Bereich ist auch mit einem Bauzaun gesichert“, ergänzt Rosenberger. Ob es sich dabei um Bauarbeiten im Rahmen des Milliardenprojekts Stuttgart 21 handelt, wollen weder Bundespolizei noch Deutsche Bahn aufgrund der laufenden Ermittlungen bestätigen. Da seit 28. Februar aber die S-Bahnstrecke zwischen Bad Cannstatt und Esslingen von einer Teilsperrung aufgrund des mit S21 verknüpften Ausbaus des Digitalen Knoten Stuttgart betroffen ist, „liegt die Vermutung nahe“, sagt ein Bahnsprecher.

Generell werde das Baumaterial in der Nähe der Baustelle, sprich oft neben den Gleisen, gelagert. „Aus logistischen Gründen natürlich dort, wo es benötigt wird“, so der Bahnsprecher weiter. Allerdings sei alleine der Aufenthalt im Gleisbereich extrem gefährlich, weil die Züge einen sehr langen Bremsweg hätten, warnt er. Wer sogar noch Gegenstände auf die Gleise lege, gefährde den Bahnbetrieb und begehe eine Straftat, „die auch konsequent verfolgt wird“. Auch im vorliegenden Fall hat die Bundespolizei ein Verfahren eingeleitet. Sollten die Täter ermittelten werden, droht ihnen eine Anzeige wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr. Der Gesetzgeber sieht dafür eine Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren vor.

Die Bundespolizei bittet Zeugen, die Hinweise zur Tat oder zu den Tätern geben können, sich unter der Telefonnummer 0711/550 491 020 zu melden.