Auch in vielen technischen Berufen sind Zuwanderer willkommen. Foto: imago images/Rupert Oberhäuser

Die Erwartungen der kleinen und mittleren Firmen an das neue Gesetz zur Fachkräfteeinwanderung sind gering. Eine Umfrage des Verbandes „Der Mittelstand“ für unsere Zeitung zeigt die Gründe auf.

Der Ende März von der Bundesregierung beschlossene Gesetzesentwurf zur Fachkräfteeinwanderung weckt Hoffnungen auf Entlastung des Arbeitsmarktes – die Kritik der Wirtschaft an den noch immer bürokratischen Regelungen ist jedoch nicht verstummt. Die großen Nöte der Firmen mit dem sich verschärfenden Personalmangel werden dadurch kaum kleiner werden.

In einer Umfrage des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), deren Ergebnisse unserer Zeitung exklusiv vorliegen, gibt genau die Hälfte der baden-württembergischen Mitgliedsunternehmen an, dass der Fach- und Arbeitskräftemangel ihre Geschäfte erheblich einschränkt – zu 13 Prozent „sehr stark“ und zu 37 Prozent „stark“. Weitere 37 Prozent fühlen sich dadurch „mäßig“ eingeengt, 13 Prozent „gar nicht“.

Die Suche nach neuen Mitarbeitern hat sich mittlerweile komplett verändert. Den Angaben zufolge haben schon sieben Prozent der Firmen ihre bisherigen Anforderungen an neue Kräfte schon „sehr stark“, 30 Prozent „stark“ und 40 Prozent immer noch „mäßig“ abgesenkt – 23 Prozent „gar nicht“.

„Wir könnten viel mehr Aufträge annehmen und damit weitere Arbeitsplätze schaffen, wenn wir entsprechend Fachkräfte hätten“, sagt einer der Teilnehmer, Christopher Nagel, Niederlassungsleiter des Bauunternehmens Goldbeck Süd in Ulm. Gute Deutschkenntnisse der Mitarbeitenden seien aber weiterhin zwingend erforderlich.

Geringe bis keine positiven Erwartungen an neues Gesetz

Die Erwartungen an das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz sind relativ gering. Dass es die Situation „stark“ verbessern kann, glauben laut der Erhebung lediglich sieben Prozent – 47 Prozent haben „mäßige“ Hoffnungen und 30 Prozent keine positiven Erwartungen. Befragt hatte der Verband „Der Mittelstand“ etwa 200 Mitgliedsunternehmen – rund 80 Firmen von sehr wenigen bis zu 170 Beschäftigten haben sich beteiligt. Eine langwierige Bürokratie und schleppende Bearbeitung werden am häufigsten als Hindernisse der Zuwanderung genannt. Zwar habe es Verbesserungen gegenüber dem bestehenden Fachkräfteeinwanderungsgesetz gegeben, so der Vorsitzende der Kommission Bildung im Bundesverband BVMW, Thiemo Fojkar. „Prinzipiell sollte aber mehr auf die Bedürfnisse der kleinen und mittleren Unternehmen eingegangen werden.“ Die vielfach intransparenten Anforderungen hinderten den Mittelstand oftmals an Neueinstellungen.

Fast jedes vierte befragte Unternehmen hofft auf eine Überarbeitung des Gesetzesentwurfs. „Insgesamt wäre hier eine zentrale, digitalisierte Anerkennungsstelle für Fachkräfteeinwanderung empfehlenswert“, so Fojkar. Auch mangele es in den neuen Regelungen bisher gänzlich an unbürokratischen digitalen Möglichkeiten zur Qualifizierung – etwa Sprachkurse, die kostenlos angeboten werden sollten.

Mehrere Wochen Warten auf einen Botschaftstermin

Elke Müller, geschäftsführende Gesellschafterin von Compass international, eines Stuttgarter Beratungsunternehmens zur Rekrutierung und Integration internationaler Fach- und Führungskräfte, berichtet: Es sei eine „Katastrophe“, wenn diese im Ausland mehrere Wochen auf einen Termin an der Botschaft warten müssten, um Formalien zu klären. Beispielhaft berichtet sie von einem Masterstudiengang-Absolventen aus Pakistan, der derzeit in Rom auf einen Termin bei der deutschen Vertretung warte. Er hätte in der deutschen Textilbranche bei einem namhaften Modelabel eine gute Anstellung gefunden, doch sei der nächste freie Termin erst in sechs Wochen – ein Zeitverlust auch für den künftigen Arbeitgeber. Zudem könnte sich der gut ausgebildete Mann in dieser Phase eine andere Stelle mit weniger bürokratischen Hürden suchen.

Studien zufolge würden künftig 300 000 bis 400 000 Fachkräfte jährlich aus dem Ausland benötigt, sagt Müller. „Ich frage mich, wie die Behörden das stemmen sollen, wenn sie jetzt schon ausgelastet sind.“ Die fehlende Digitalisierung sei eines der großen Mankos. „Digitalisierung bedeutet für mich nicht, dass ich ein Formular im Internet ausfüllen und drucken kann, dann aber dem Postweg zur zuständigen Behörde schicken muss.“

Müller zufolge belasten die Hürden rund um Visumsprozesse und Behördengänge generell das Image als Zuwanderungsland. „Mir sagen Fachkräfte immer wieder, dass sie nicht noch einmal nach Deutschland ziehen würden, wenn sie die Entscheidung noch mal treffen müssten“, versichert die Dienstleisterin. Dass dies auch an den Universitäten im Ausland schnell die Runde mache und damit für die Zukunft wichtige Arbeitnehmer abschrecke, liege für sie auf der Hand.