Der Sendesaal, entworfen von Architekt Egon Eiermann, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg erst in die Villa Berg gebaut.Archiv Foto: dpa Quelle: Unbekannt

Von Sebastian Steegmüller

Stuttgart - Was wird aus der Villa Berg? Diese Frage stellten sich am Mittwochabend rund 130 Teilnehmer der Auftaktveranstaltung zur Bürgerbeteiligung in der Cotta-Schule im Stuttgarter Osten. Vor allem der riesige Sendesaal, der den Großteil des Gebäudes einnimmt, sorgte für Diskussionen. Soll er in seiner jetzigen Form erhalten oder umgebaut werden. Unantastbar ist er weder für Oberbürgermeister Fritz Kuhn, der die Eröffnungsrede hielt, noch für die Denkmalpflege.

Egal, für welchen Vorschlag die Bürger sich am Ende entscheiden: Klar ist, dass die Stadt viel Geld in die Hand nehmen muss, um das ehemalige Lustschloss auf Vordermann zu bringen. Auch wenn der Zustand der von 1845 bis 1853 erbauten und seit fast zehn Jahren leer stehenden Villa laut eines Gutachters der Arcadis Deutschland GmbH in Anbetracht des Alters „sehr gut“ sei, gibt es einiges zu tun: Vor allem am Dach habe man erhebliche Schäden festgestellt, sagte Projektleiter Matthias Rieker. „Die Türen und Fenster sind ebenfalls undicht.“ Sanitäranlagen, die Warmwasser-Aufbereitung, die Leitungen und die Elektrik sind nicht mehr zu retten und müssen komplett saniert werden, ebenso ist die Notbeleuchtung und der Brandschutz veraltet. „Er hat große Mängel. Im Nordteil der Villa fehlt zudem eine Fluchttür.“ Damit jedoch nicht genug: Im Gebäude wurden neben Schimmel, bedingt durch das undichte Dach, auch Schadstoffe wie Asbest, polychlorierte Biphenyle (PBH) und künstliche Mineralfasern (KMF) gefunden.

Die Kosten für die zwingend notwendigen Maßnahmen sind Baubürgermeister Peter Pätzold bekannt, in die Karten schauen ließ er sich am Mittwochabend jedoch noch nicht. Ein Grund: Wie viel Geld die Stadt letztlich in die Villa stecken muss, hängt auch von dem Nutzungskonzept ab, das in den kommenden Monaten erarbeitet werden soll. „Wichtig ist, dass wir aus den vielen Vorschlägen und Ideen jetzt zu einer Verdichtung kommen, da wir am Ende nur eine Variante umsetzen können.“ Im Optimalfall habe man sich bis Dezember auf eine Lösung, die von möglichst vielen Bürgern mitgetragen wird, verständigt. „Es kann aber auch sein, dass wir dann vielleicht drei oder fünf Vorschläge haben, die dann in die Prüfung gehen“, so Pätzold. Das werde der Prozess jetzt zeigen.

Egal, wohin die Reise geht, wird es zwei grundsätzliche Varianten geben. Mit Sendesaal oder eben ohne, machte Arcadis-Projektleiter Rieker den Zuhörern in der Aula der Cotta-Schule klar. Diese Entscheidung habe Auswirkung auf die Barrierefreiheit, die bislang noch nicht gegeben, aber gewünscht ist, auf Fluchtwege und natürlich auf den Grundriss des Gebäudes.

Doch wäre solch ein Einschnitt überhaupt möglich? Claus Wolf, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, unterstrich die Bedeutung des Saals, der von Architekt Egon Eiermann nach dem Zweiten Weltkrieg entworfen wurde. „Dort fanden viele unvergessene Konzerte statt.“ Aufgrund seiner Bauweise sei er von der Außenwelt akustisch abgekoppelt. „Lärm dringt weder nach außen noch ist innen ein Martinshorn zu hören.“ Für Wolf ein „idealer Proben- und Veranstaltungsraum“. Man dürfe ihn aber nicht falsch verstehen, festgezurrt sei die Zukunft der Villa Berg noch nicht. Er fordere nur ein „behutsames Nutzungskonzept“, schließlich sei sie als Kulturdenkmal ein Geschichtszeugnis der Stadt. „Wir begrüßen es sehr, dass sie wieder in den Händen der Stadt ist.“

Seit 13 Jahren macht sich eine Bürgerinitiative für die Villa Berg stark, auch in Projektgruppen wurden bereits zahlreiche Ideen gesammelt. Eine Tendenz, welches Konzept bei den Bürgern am beliebtesten ist, gab es jedoch auch bei der ersten von vier geplanten Veranstaltungen zur „informellen Bürgerbeteiligung“ nicht. Dafür eine rege Diskussion, in der mancher Gegensatz aufgedeckt wurde.

„Der Abend war ein großer Erfolg, ein sehr positives Signal für die Zukunft der Villa und des Parks“, so Baubürgermeister Pätzold. „Er hat gezeigt, dass es eine sehr interessierte Bürgerschaft gibt, die sich auch gerne einbringt.“ Trotz der extremen Hitze seien um 22 Uhr noch rund 50 Leute dagewesen. Erfreulich seien auch, die Aussagen der Fachleute. „Man muss zwar sanieren, dennoch ist die Bausubstanz solide. Und trotz aller baulichen Restriktionen hat die Villa großes Potenzial.“