Landwirt Horst Binder Foto: Mathias Kuhn

Die extreme Trockenheit bereitet den Landwirten Sorgen. Sie müssen ihre Pflanzen beregnen oder gießen, damit sie nicht verkümmern. Sie rechnen dennoch mit erheblichen Ernteausfällen.

Hedelfingen - Tiefe Risse im Boden, ausgetrocknete Bachläufe, Staubwolken hinter den Traktoren, mit denen die Landwirte ihre Felder bewirtschaften, und erste Waldbrände. Die anhaltende Trockenheit treibt Land- und Forstwirten tiefe Sorgenfalten auf die Stirn. Seit mehr als vier Wochen hat es in Stuttgart nicht nennenswert geregnet. Die Meteorologen auf dem Schnarrenberg haben im für seine Wetterlaunen bekannten April bislang keinen Tropfen Niederschlag gemessen. Nicht nur die extreme Trockenheit sowie die vielen Sonnenstunden, sondern auch der Wind machen Pflanzen und Böden schwer zu schaffen.

Für Horst Binder und seine Familie sind die Tage zurzeit zu kurz. Der Hedelfinger besitzt Weinberge am Lenzenberg und auf Esslinger Gemarkung, gleichzeitig hat er sich auf den Anbau von Kräutern für die feine Küche spezialisiert. Seine Äcker liegen überwiegend im Neckartal bei Esslingen-Mettingen und Brühl.

Selbst wenige Meter vom Neckar entfernt sind die Auswirkungen der extremen Trockenheit zu sehen. „In den Böden zeigen sich tiefe Risse, obwohl wir unsere Pflänzchen seit Tagen bewässern und den Boden lockern“, sagt sein Sohn Simon und zeigt auf die tiefen Furchen auf dem Feld unweit des Daimler-Werks Mettingen. Die Binders bauen dort Petersilie an. „Wenn wir sie nicht kontinuierlich gießen würden, wären sie längst verkümmert“, sagt Horst Binder. Die Auswirkungen der Dürre zeigen sich nicht nur an den etwas kurzen Petersilienstängel. „Auf dem Großmarkt gibt es kaum normalgroßen Rhabarber, die Stangen sehen verkümmert aus. Schnittlauch bekommt gelbe Spitzen, Thymian und andere Kräuter blühen rund 14 Tage früher als normal und Salate, wie der empfindliche Rucola, müssen ständig gegossen werden.“ Auf rund der Hälfte der Felder kann Binder die Beregnungsanlage anstellen. Die anderen Äcker müssen er und seine Familie manuell versorgen – also Wasser führen. „Dies ist ein enormer Zeit- und Kostenaufwand“, sagt Simon Binder. Der eigene Brunnen führe kaum Wasser und dem Neckar dürfe kein Wasser entnommen werden. Deswegen müssten sie auf Bodenseetrinkwasser zurückgreifen.

In den vergangenen Jahrzehnten hat der erfahrene Landwirt schon einige Wetterkapriolen erlebt, aber solch ungewisse Perspektiven sind auch ihm neu. Zur Trockenheit kommen Absatzsorgen. „Wir bedienen mit unseren Kräutern vor allem die Gastronomie, die momentan gerade noch 20 Prozent der normalen Mengen benötigt“, sagt Horst Binder.

Auch in den Weinbergen zeigen sich die Auswirkungen. „Alte Reben kommen mit ihren Wurzeln noch an die wasserführenden Schichten, aber Jungpflanzen und sogar Zweijährige müssen wir gießen“, sagt Wengerter und Gemüseerzeuger Michael Warth. Beim Rhabarber und Blumenkohl wächst ohne die Beregnung nichts. „Trotz Bewässerung rechnen wir beim Rhabarber mit 50 Prozent weniger Ernte“, sagt Warth. So früh haben er und selbst seine Eltern noch nie den Wasserhahn aufdrehen müssen. „Wir haben das dritte trockene Jahr in Folge. Es gab auch kaum eine Winterfeuchte.“ Zudem konnte 2019 das Regendefizit der Vorjahre nicht wettmachen. Der Grundwasserspiegel konnte sich nicht erholen.

Dies zeigt sich auch in den Wäldern. Obwohl an den Bäumen frische Blätter wachsen, ist das Unterholz extrem trocken. Ein Funke reicht, um – wie am Donnerstag – einen Waldbrand rund um den Bärensee zu entfachen. Mit einem Großaufgebot konnte die Feuerwehr einen größeren Flächenbrand verhindern. Die Gefahr bleibe jedoch bestehen, warnen die Förster. Ihre Blicke richten sich gen Himmel, die Hoffnung ruht auf den Wolken. Die Meteorologen kündigen für heute und Mittwoch Regen an. „Schwere Niederschläge wären aber das Falsche. Der steinharte, trockene Boden würde die Mengen nicht aufnehmen können und zu Überschwemmungen führen“, befürchtet Warth.