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Sportdirektor Sven Mislintat stellte schon vor Wochen fest: „Wir schießen zu wenig Tore.“ 20 Treffer aus zwölf Spielen ist keine sonderliche gute Bilanz.

StuttgartDas Tor steht in der Mitte“, wusste schon Franz Beckenbauer. Nur beim VfB Stuttgart erweckt es den Anschein, als würden die Stürmer statt des 7,32 Meter breiten und 2,44 Meter hohen Kastens häufiger Eckfahnen oder Stadionuhr ins Visier nehmen. Der Torabschluss markiert die eklatante Schwäche beim Tabellendritten der zweiten Liga. Und da sich das Problem nicht nur beim 3:1-Sieg gegen Dynamo Dresden offenbarte, sondern schon die gesamte Saison über auftritt, lässt es sich fast schon als chronisch bezeichnen.

„Wir müssen den Deckel viel früher drauf machen“, beklagte Kapitän Marc Oliver Kempf nach dem Spiel gegen die Dresdener, in dem Philipp Förster zum größten Chancentod mutierte. Sportdirektor Sven Mislintat stellte schon vor Wochen fest: „Wir schießen zu wenig Tore.“ 20 Treffer aus zwölf Spielen ist keine sonderliche gute Bilanz (Platz sechs im Ligavergleich). Erst recht nicht in Relation zum erbrachten Aufwand. 17,8 Torschüsse haben die Stuttgarter im Schnitt pro Partie in dieser Saison abgegeben, die meisten davon Nicolas Gonzalez (27). So viele Abschlüsse wie der VfB verzeichnet sonst keine Mannschaft der zweiten Liga.

Durchschnittlich 1,67 Treffer resultierten daraus pro Spiel, was 10,7 Versuche pro Tor und Platz zwölf in der Chancenverwertung bedeutet. Nicht in dieser Berechnung berücksichtigt ist die Qualität der Torschüsse beziehungsweise der Torchancen. Nicht nur das Spiel gegen Dynamo Dresden legt zumindest den Eindruck nahe, dass niemand sonst in der Liga so viele eindeutige Möglichkeiten wie der VfB erspielt – und auslässt.

Doch woran liegt das? Pech, Unerfahrenheit und teils starke Torhüterleistungen wie in den Spielen gegen Dynamo Dresden oder den SV Wehen Wiesbaden sind nur ein Teil der Antwort. Trainer Tim Walter bemüht in seiner Erklärung die psychologische Komponente: „Im Training hauen sie die Dinger rein, das ist famos. Im Spiel ist es durch den Gegner, den Spieldruck und die Zuschauer aber etwas komplett anderes.“

Nun ist es keine neue Erkenntnis des Sports, dass im Training vieles leichter von der Hand geht. Doch entscheidend ist nun mal im Spiel. Wo sich bisweilen der Verdacht aufdrängt, dass zwischen dem Herausspielen und dem Auslassen der vielen Chancen ein Zusammenhang besteht. Dergestalt, dass den Spielern angesichts der hohen Intensität, den anspruchsvollen Positionswechseln, dem frühen Attackieren des Gegners und der Vorgabe, sich mit Ball nach Möglichkeit bis zum Fünfmeterraum durchzukombinieren, das Entscheidende abgeht: den Ball auch im Kasten unterzubringen. Weil am Ende vielleicht fünf Prozent an Kraft und Kondition für den Abschluss fehlen.

Schon unter Ex-Trainer Alexander Zorniger und dessen rabiatem Powerfußball erfasste die Mannschaft regelmäßig die Torschusspanik, einige Spieler bemängelten die fehlende Ruhe und Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. Seither hat kein VfB-Trainer mehr derart offensiven Fußball spielen lassen.

So ähnlich sieht es auch Cacau. Für den früheren VfB-Stürmer (263 Spiele/80 Tore) steht Walters Ballbesitzfußball außer Frage. Dennoch findet der Integrationsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes: „Man muss nicht immer den Ball ins Tor tragen. Man kann auch mal aus 16 oder 18 Metern abschließen.“ Die Devise des früheren Scharfschützen lautet: „Wer nicht schießt, gibt dem Ball auch keine Chance reinzugehen.“

Walter schüttelt den Kopf. Der 43-Jährige bestreitet den Zusammenhang von Spielweise und Chancenwucher, er stellt sein System weiter über alles. „Dass wir die meisten Torchancen in der Liga herausspielen, ist für mich entscheidend. Es zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind,“ wiederholte der 43-Jährige vor dem Auswärtsspiel beim VfL Osnabrück (Samstag, 13 Uhr).

Beim Torabschluss handelt es sich um die letzte Komponente in einer langen Reihe einstudierter Spielzüge. Und vielleicht die am Schwierigsten zu trainierende. „Wir studieren die Räume und die Positionierungen ein, sodass wir immer wieder zu Abschlüssen kommen“, erklärt Walter. Und fügt mit einem Seufzen hinzu: „Den Druck im Spiel kannst du leider nicht simulieren.“

18 Fast 18 Torschüsse gibt der VfB im Schnitt pro Spiel ab – einsamer Spitzenwert in der Liga. Unerreicht sind bislang die 29 Torschüsse bei der 1:2-Niederlage gegen den SV Wehen Wiesbaden.

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