Quelle: Unbekannt

Eine Frau spürt ihrem Vater nach, den sie nur von Fotografien kennt – und den sie in jedem älteren Mann mit einer Mischung aus Begierde und Verachtung wiederzuerkennen glaubt: Thomas Beutels Stück schildert den Versuch der Frau, Begegnungen in der Sprache herbeizuführen und dadurch zur Gewissheit ihrer selbst zu gelangen.

EsslingenDie letzten hochprozentigen Tropfen gekippt, die letzten Gäste gegangen, die Nacht stürzt in den frühen Morgen. Es ist die Stunde der eisheißkalten Empfindung, die undefinierbare Zwischenzeit, die Lücke, durch die brandhell die Vergangenheit der Gegenwart ins Gesicht blickt , während draußen in der Winterkälte die schneeweiße Dunkelheit jede sichtbare menschliche Gestalt auslöscht. Drinnen in der versifften Bar lauscht die einsam zurückgebliebene Barfrau auf nichts als sich selbst. Aber mehr als von sich redet sie von Spuren abwesender anderer; Spuren, die ihr Leben zerfurchen, an erster Stelle die des Vaters: ein „Erzeuger“, den sie als Kind nie zu Gesicht bekommen, nur auf einem Foto betrachtet hat. Und das war ein grausames emotionales Training: „Wie hab ich es als Kind geliebt, zu warten, dass es mir keinen Stich versetzt, das Betrachten deines Fotos, Vater.“

Der Esslinger Autor und Sprachdozent Thomas Beutel schickt in seinem Theaterstück „Bedienung gesucht!“ die in der Bar verbunkerte Frau auf eine paradoxe Spurensuche. Denn die erste und wichtigste Spur hinterließ keiner, der irgendwann mal da war, sondern einer, der von Anbeginn der Erinnerung an faktisch nicht mehr existierte: der Vater. In bitterer Ironie ruft sich der Verschwundene ausgerechnet im Moment seines endgültigen Verschwindens in die Gegenwart und die Imagination der Tochter zurück: als todkranker Alkoholiker. Dieser Endstation ihrer Vaterbeschwörung gingen Suchaktionen voraus: Jeder anbaggernde Gast unter den ausnahmslos älteren Barbesuchern wird der namenlosen Frau zum begehrten wie verachteten Vaterersatz, allen voran ihr „Rosenkavalier“, ihr „Leihväterchen“, ein Kieferorthopäde unter der Fuchtel seiner bissigen 83-jährigen Mutter.

Beutels Stück ist freilich weder psychoanalytische Fallstudie noch Milieu- oder Sozialdrama, sondern ein virtuoses Sprachkunstwerk, wo sich Alltagsjargon und Floskelhaftes an assoziativen Verdichtungen und präzis inszenierter Tagtraum-Symbolik reiben. Der Text gleicht einer in den Wachzustand versetzten Traumphase, einer Art sprachlichem Rapid Eye Movement. Nur wird die gesteigerte und grenzenlos fantastische Gehirntätigkeit nicht vom Schlaf entfesselt, sondern von den Bewusstseinsschüben im Kopf der Frau, vom imaginierten Gespensterspuk der zur Sprache gebrachten Abwesenden – und vom sorgsamen Protokoll, das der Autor seiner Kunstfigur und ihrer Texterzeugung erstellt. Letztlich ist sie selbst – vom Leben und Altern abgebrüht, – ein altes Kind geblieben, gelockt von Zeichen der unwiederbringlichen Kindheit, etwa jenem in kindlicher Schrift geschriebenen Zettel „Bedienung gesucht!“, der sie in den Orkus der Bar hinabzog. Zurück ans Licht weisen am Ende nur die alten, aber ewig ungelösten Sinn- und Kinderfragen nach dem menschlichen Sein: „Wer bin ich, und wohin des Wegs?“

Beutel hat eine Videolesung seines Stücks auf Youtube gestellt: Die Stuttgarter Schauspielerin Andrea Leonetti liest stoisch, betont ungestisch, ganz dem Text gewidmet, aber wach für die quasi einschleichenden empathischen Impulse.

Die Lesung mit Andrea Leonetti ist auf Youtube unter „Ausgang Be“ zu finden.

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