Ein Meister des magischen Realismus: Terry Gilliam 2009 beim Filmfestival in Toronto Foto: imago/ZUMA Press/Armando Gallo

Oft waren seine Ideen größer als sein Budget – doch fast immer hat Terry Gilliam seine dystopischen Film-Illusionen trotzdem realisiert. Am 22. November wird der Regisseur und Illustrator 80 Jahre alt.

Stuttgart - Terry Gilliam gehört zu den Regisseuren, deren Handschrift sofort zu erkennen ist. Mit fantastischen Kulissen und Kostümen erschafft er surreale, weitwinklige Bildwelten, denen die Zuschauer sich kaum entziehen können. Meistens geht es darin um dunkle Visionen, virtuos spielt er mit Ebenen von Realität und Illusion, von Authentizität und Fälschung, echtem ­Erleben und schaler Inszenierung. Wie in einem Fiebertraum bewegen sich seine Figuren und immer an der Kante – schon in seinen Animationsszenen für Monty Python’s Flying Circus ließ Gilliam seine Schöpfung gerne von Mündern verschlingen und von Füßen zertreten.

Der einzige gebürtige Amerikaner in der legendären britischen Comedy-Truppe Monty Python führte 1975 gemeinsam mit Terry Jones Regie bei der König-Artus-Persiflage „Ritter der Kokosnuss“, und trat darin ebenso auf wie in der Messias-Satire „Das Leben des Brian“ (1979). 1977 drehte Gilliam im Alleingang die anarchische Mittelalter-Farce „Jabberwocky“, betitelt mit einem Fantasiewort aus einem Gedicht in Lewis Carrolls Buch „Alice hinter den Spiegeln“ und deutlich beeinflusst vom Monty Python-Humor.

Das erste Meisterwerk: „Brazil“

Seinen eigenen Stil fand Gilliam mit der Fantasy-Farce „Time Bandits“ (1981). Darin reist eine Gruppe Zwerge mit einer gestohlenen magischen Karte durch die Zeit und die Epochen und gabelt dabei aus Versehen einen englischen Jungen mit großer Fantasie auf. Jon Cleese ist da als Robin Hood zu sehen, Ian Holm als Napoleon und Sean Connery als antiker König Agamemnon. Die Kulisse wirkt gigantisch – so etwas hatte vor Gilliam noch niemand inszeniert mit einem Budget von nur fünf Millionen Dollar.

Zum ersten Meisterwerk geriet ihm das paranoide Endzeitstück „Brazil“ (1985). Er entwarf die perfekte Dystopie einer verschmutzten, konsumistischen, hyperbürokratischen Gegenwart in einem Überwachungsstaat – und erzählte dabei von einem unglücklichen Traumtänzer in Gestalt von Jonathan Pryce. In Hollywood etablierte Gilliam sich mit dem anrührenden Drama „Der König der Fischer“ (1991), um mit „Twelve Monkeys“ (1995) dann ganz zu sich selbst zurückzukehren: Wieder entwarf er eine apokalyptische Gegenwart mit irrwitziger Kulisse, in der der Protagonist (Bruce Willis) sich selbst nachjagt, ohne zu ahnen, dass er in einer Zeitschleife festhängt.

Die Ideen waren oft größer als die Mittel

Gilliam war nun gesetzt als Regisseur unerhörter Geschichten, die jenseits der Regeln von Raum und Zeit spielen und in verrottenden Welten kurz vor der Auflösung. Die Vergeblichkeit menschlichen Strebens war sein Thema, und das betraf auch ihn selbst: Oft waren seine Ideen größer als die ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und die aufwendigen Produktionen zum Albtraum.

Probleme mit mechanischen Tricks und am Flughafen festhängende Kostüme belasteten „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ (1988), was man dem humorvoll inszenierten Film nachher nicht anmerkte. Weil er nur rund 8 Millionen Dollar einspielte, aber gut 46 Millionen Dollar gekostet hatte, hing er dem Regisseur trotzdem als Misserfolg nach. Während der den Dreharbeiten zu „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ (2009) starb der australische Schauspieler Heath Ledger, doch weil seine Figur in die Traumwelt hinter einem magischen Spiegel gehört, konnte Gilliam den Film retten: In weiteren Szenen sprangen Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell ein, und es wirkte wie ein eleganter Kunstgriff.

An „Don Quijote“ zunächst gescheitert

Zum Versicherungsfall wurde Gilliams erster Versuch mit „Don Quijote“ im Jahr 2000. Erst störte der Lärm einer Nato-Übung mit Kampfjets die Dreharbeiten, dann schwemmten sintflutartige Regenfälle die halbe Ausstattung fort, schließlich konnte der damalige Hauptdarsteller Jean Rochefort wegen Prostataproblemen nicht mehr auf einem Pferd sitzen. Einen Film gab es dann trotzdem, die Augenzeugen Keith Fulton und Louis Pepe, die eigentlich ein Making-of drehen wollten, veröffentlichten unter dem Titel „Lost in La Mancha“ eine minutiöse Dokumentation des Scheiterns. Darin sagt ein Mitglied der Filmcrew über Terry Gilliam: „Er ist selbst Don Quixote, der Träumer, der Idealist.“

Tatsächlich hat Gilliam nicht aufgegeben – 2018 kam „The Man who killed Don Quijote“ in die Kinos. In Cervantes’ Roman ist Don Quijote einer, der zu viele Ritterromane gelesen hat und sich irgendwann in deren hehren Idealen verliert, bei Gilliam ist er ein vom Filmemachen angefixter Schuster der Gegenwart, der Realität und Illusion nicht mehr auseinanderhalten kann. Jonathan Pryce ging prächtig auf in der charismatischen Entrückung der Figur.

Die Welt hinter dem Zauberspiegel

Visuell sind Gilliams Filme über jeden Zweifel erhaben, inhaltlich allerdings wirken manche nicht ganz ausgegoren. In der Hunter S. Thompson-Verfilmung „Fear and Loathing in Las Vegas“ (1998) schickte Gilliam Johnny Depp und Benicio de Toro auf einen Trip als drogenentrückte Wahnsinnige, die sich der Zerstörungslust hingeben und in verwüsteten Hotelzimmern zu ekligen Zombies werden. „Brothers Grimm“ (2005) ist eine groteske Horror-Persiflage und blutsudelige Nummernrevue aus Slapstick und Effekten, die sich nicht wirkliche Auseinandersetzung mit den Grimmschen Märchen auseinandersetzt, deren Subtext seit Generationen Germanisten und Psychologen beschäftigt.

Ein Film verrät besonders viel darüber, wie Gilliam sich selbst sieht. In der digitalisierten Welt in „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ nimmt kaum jemand noch Notiz von einer strikt analogen Illusionisten-Truppe, in deren hölzernem Wagen sich ein Zauberspiegel verbirgt. Dieser lässt Menschen zu ihren Sehnsüchten und Ängsten reisen, hinter dem Spiegel kann sich ein süßer Spielplatz auftun, ein Modeparadies, ein Tempel mit schwebenden Mönchen oder ein Brandgebiet am Abgrund – je nach Gemütslage dessen, der hineinschaut. Gilliams Handschrift ist da in jeder digitalen Illusion so klar zu erkennen wie in den analogen aus Stoff und Holz. Und wenn der viel zu hoch gebaute Wagen zu kippen droht, glaubt man, selbst darin zu sitzen.

Am 22. November wird Terry Gilliam, dieser große Fantast unter den Filmemachern, 80 Jahre alt. Er feiert in seinen Werken die Kraft und die Ausdrucksmöglichkeiten der Kunstform Film – und er feiert all diejenigen, die es noch wagen, Träumer und Idealisten zu bleiben, so ­verrückt sie dabei auch wirken mögen.

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