Quelle: Unbekannt

Mit dem SWR Symphonieorchester gelingt dem Dirigenten eine aufwühlende und kompromisslose Interpretation von Mahlers vierter Sinfonie und George Crumbs „Ancient Voices of Children“.

StuttgartGustav Mahlers vierte Sinfonie im heiteren G-Dur – das ist Musik, die das Blaue vom Himmel herunterlügt und ihm die Schellenkappe aufsetzt. Dass es hier nicht geheuer ist mit Gemütlichkeit und Behaglichkeit und all den fröhlich tutenden Kinderliedmotiven, stellt schon der Anfang klar: Dem bedächtig-graziösen Thema geht ein ganz anderer Kommentar voraus, ein schellenklingelndes Staccato mit krude pfeifendem Flötensignal. Im Finale mit dem „Wunderhorn“-Lied von den „himmlischen Freuden“ wird just dieses Signal wie der dionysische Wahnsinn dazwischenfahren – zwischen die naiven (und gierig-grausamen) Strophen vom jenseitigen Schlaraffenland. Die selig erinnerte Kinderwelt, die es so nie gab, und ihre Projek­tion auf ein ewig währendes Paradies bilden den unvergänglichen Traum- und Wunschhorizont der Menschheit. In dieser Sinfonie grenzt er an den Wahnsinn – und den Tod. Dessen fiedelnden Tanz im Scherzo spielt die Konzertmeisterin Mila Georgieva auf der einen Ganzton höher gestimmten ­Violine gebührend grell, aggressiv aufgeraut, mit knochentrocken pochenden Pizzicato-Tonrepetitionen, wenn am Ende die ganze Musik skeletthaft und leichenfahl wird: einer von vielen aufreibenden Momenten in der überragend intensiven Aufführung mit Teodor Currentzis und dem SWR Symphonieorchester im Stuttgarter Beethovensaal.

Offenkundig hat Currentzis wie immer die Partitur sehr genau gelesen, und er vermittelt seine Lesart in einer Art kongenialer Fügung den SWR-Symphonikern, die ihm auf den schmalen Graten der feinen Nuancen, der expressiv austarierten Melodik mitatmend, mitdenkend und hoch konzentriert folgen. Es ist eine Lesart, die um die Intensität des Leisen weiß, auf sensiblen Pfaden die Klangspuren erforscht, Figuren und Gestalten mit zartem Stift zu zeichnen vermag – etwa im wunderbar durchleuchteten dritten Satz mit der Bezeichnung „Ruhevoll“. Gleichwohl hat Currentzis’ Interpretation absolut nichts zu tun mit Leisetreterei oder pusseligem Klangblütensammeln. Davor bewahrt schon die so exakte wie lebendige Mikrodynamik, die selbst den scheinbaren Heile-Welt-Passagen den Gärstoff der Unruhe beimischt, eine nervöse Ahnung kommender Katastrophen. Currentzis geht distanzlos nah heran ans Kindliche, ans vermeintlich Harmlose, doch umso eindringlicher spitzt er die Entwicklung zu ins Schmerzhafte und Unheimliche: etwa in der Durchführung des Kopfsatzes, wo munterer Kinderzimmer-Lärm ins apokalyptische Chaos umschlägt.

Das Fazit aus alldem zieht das finale Lied, das in solch unter- und abgründiger Gespanntheit vielleicht noch nie gehört wurde. Die Sopranistin Christina Gansch singt vibratoarm, in Feinabstimmung mit den Instrumenten und mit subtilstem Gestaltungsvermögen. Operettenhaftes darf zwar – ganz ohne Parodie, wie es Mahler vorschreibt – aufscheinen in diesem zwiespältigen Paradiesgesang, doch die Sängerin biegt die naiven Freuden gezielt zurück in einen äußerst verhaltenen Ton: Er klingt wie traumatisiert. Mahlers Vertonung, die den Wortlaut dementiert, wird auf eine radikale Spitze getrieben. Wenn am Ende „alles für Freuden erwacht“, fällt die Musik ins Koma, und vom paradiesisch lichten E-Dur bleibt nur der Grundton – in finster verklingender Kontrabass-Tiefe. Dieses Paradies ist die Hölle.

Als Ohrenputzer für seine kompromisslose Mahler-Interpretation hat Currentzis die 1970 entstandenen „Ancient Voices of Children“ von George Crumb vorangestellt, ein weiteres Kindheitsdrama, gespiegelt in Gedichten Federico Garcia Lorcas, visualisiert mit Bildern kriegsverletzter, einsamer oder in Armut lebender Kinder. Ein fragiles Gespinst von Zupf-, Schlag- und bukolisch hereinwehenden Oboentönen beschwört hier die Gespenster unerfüllter Sehnsucht, verlorener Kindheit, äußerer Bedrohung durch Krieg und Gewalt, die trommelnd Laut geben. Die assoziativ schweifenden Klangfelder des kammermusikalischen Ensembles entwinden sich einer knisternd gespannten Stille, die Sopranistin Sophia Burgos singt – zusammen mit dem Knabensopran Johannes Rempp – mit berührender Musikalität und ekstatischer Kehlkopfakrobatik.

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