SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält es für verfrüht, alle Einschränkungen schon im Laufe des Sommers aufzuheben. Foto: dpa/Kay Nietfeld

Manche pochen auf ihre Freiheitsrechte, manche warnen vor der vierten Welle – in der Talkshow Maybrit Illner am Donnerstag wurde heftig darüber gestritten, ob man jetzt zur Normalität zurückkehren kann. Und es gab auch einige Bekenntnisse.

Berlin - In Großbritannien fallen zum 19. Juli alle coronabedingten Einschränkungen, Nordrhein-Westfalen will in einem Modellprojekt schon ab diesem Freitag die allermeisten Gebote aufheben. Ist es also richtig, angesichts der niedrigen Inzidenzen und der fortgeschrittenen Impfquote zur Normalität zurückzukehren – oder rennt man damit sehenden Auges in die vierte Welle? Das war das Thema der Polit-Talkshow Maybrit Illner an diesem Donnerstagabend.

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Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) erläuterte in der Sendung sein Konzept: Wenn die Inzidenz in einer Kommune mehr als fünf Tage lang unter zehn liege, gelte die neue „Inzidenzstufe 0“ und es seien weitgehende Öffnungen möglich. So könnten dann zum Beispiel Hochzeiten mit 200 Personen stattfinden oder auch Jahrmärkte. Auch Discos dürften öffnen. „Wenn in einem Fußballstadion bald wieder 25 000 Zuschauer sein dürfen, dann muss eine Kirmes in meinem Heimatdorf auch erlaubt sein“, so Laumann.

NRW-Minister Laumann hält Öffnung für verantwortungsvoll

Allerdings gebe es viele flankierende Maßnahmen. So müsse bei Hochzeit oder Kirmes jeder getestet sein. Jeder Arbeitnehmer, der aus dem Urlaub zurückkomme, müsse am ersten Arbeitstag einen negativen Test vorlegen. Und das Tragen von Masken gelte natürlich weiter. Die Öffnungen seien deshalb verantwortungsvoll.

Christina Berndt, Medizin-Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, findet das Vorgehen in NRW dagegen „vollkommen unklug“. Sie erinnerte daran, dass man den gleichen Fehler schon im März dieses Jahres gemacht habe, als die Alpha-Variante des Coronavirus nach Deutschland kam. Jetzt bringe bald die Delta-Variante neuen Wind in das Infektionsgeschehen, so Berndt.

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck verhielt sich in dieser Frage dagegen einigermaßen neutral. Er finde nicht gut, was Großbritannien plane, aber er würde es auch nicht waghalsig nennen, sagte Streeck. Und in Nordrhein-Westfalen gelte sowieso, dass die Öffnungen sofort zurückgenommen würden, wenn die Inzidenz wieder über zehn steige.

Herdenimmunität ist bis zum Sommer nicht zu erreichen

Heftig und auch emotional diskutiert wurde in der Sendung über den Vorstoß des (nicht anwesenden) SPD-Außenministers Heiko Maas, der gefordert hatte, im August alle Einschränkungen zurückzunehmen, sobald jedem Bürger ein Impfangebot gemacht worden sei – es sei dann nicht mehr akzeptabel, die Freiheitsrechte der Menschen zu beschränken. Die Chefreporterin der Welt, Anne Schneider, unterstützte in der Talkshow diesen Vorstoß: Für sie sei es zwingend zu lockern, wenn jeder die Wahl gehabt habe, sich impfen zu lassen oder nicht. Sie finde es deshalb irritierend, dass Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) diesen Vorstoß sofort wieder kassiert habe.

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SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach widersprach dagegen vehement seinem Parteifreund Maas. Erstens werde man im August noch nicht genügend Impfstoff haben, um wirklich jedem ein Angebot zu machen. Zweitens gebe es Personengruppen, die sich etwa aus medizinischen Gründen gar nicht impfen lassen könnten. Und drittens werde man keinesfalls im August schon eine Herdenimmunität erreicht haben; dazu müssten aufgrund der Delta-Variante 85 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft sein.

Karl Lauterbach korrigiert eine seiner früheren Aussagen

Die Folge bei solch weitreichenden Lockerungen wäre laut Lauterbach, dass man wieder mit hohen Fallzahlen und mit vielen Patienten mit Long-Covid-Symptomen rechnen müsse. Der Staat dürfe nie die Haltung haben, dass die Bürger selbst schuld seien, „wenn es uns Politikern nicht gelingt, die Leute zu erreichen.“

Die Sendung mit Maybrit Illner entwickelte sich aber etwas überraschend auch zu einem Abend der Bekenntnisse und Abrechnungen. Lange wurde darüber gestritten, wer was wann in der Vergangenheit gesagt hatte und ob sich das nun als richtig oder falsch herausgestellt hatte. Karl Lauterbach etwa zog das Büßergewand an und bezeichnete seine frühere Einschätzung als falsch, in der vierten Welle hätten überwiegend Patienten um die 50 auf den Intensivstationen gelegen – er habe dies zwar auf der Grundlage von Rückmeldungen aus Kliniken gesagt, aber diese seien nicht repräsentativ gewesen.

Privatstreit zwischen Lauterbach und Virologe Streeck

Virologe Streeck griff Karl Lauterbach dann noch direkt an: Es sei „höchst unanständig“ gewesen, wie Lauterbach ihm immer wieder Aussagen unterstellt habe, die er so nicht gemacht habe, etwa dass er, Streeck, in der dritten und vierten Welle einen Lockdown für unangemessen gehalten habe. Aus in Wahrheit differenzierten Äußerungen habe Lauterbach einen Aspekt herausgegriffen und zum Killerargument gemacht. Lauterbach wies die Vorwürfe zurück und bestand auf der Korrektheit seiner Aussagen.

Zuletzt ging es in der Talkshow noch um die „Impfschwänzer“ und ob man diese mit einem Bußgeld belegen sollte. Die gebürtige Österreicherin Anna Schneider nannte diese Debatte typisch deutsch – so etwas würde man selbst in Österreich, das auch zur Bürokratie neige, niemals überlegen. Karl-Josef Laumann hielt Strafen ebenfalls für falsch: Bis vor zwei Wochen habe man beim Impfterminservice in NRW Termine gar nicht oder nur schwer absagen können – wie wolle man jetzt die Leute dafür bestrafen?

Minister nimmt die jüngeren Menschen in Schutz

Er nahm übrigens auch die jüngeren Menschen in Schutz: Diese hätten sich bis vor kurzem gar nicht impfen lassen dürfen, und jetzt würden sie schon kritisiert, weil sie noch nicht geimpft seien – das sei ungerecht.

Auch Hendrik Streeck sprach sich gegen Bußgelder aus. Vielmehr müsse man jetzt den Menschen niedrigschwellige Impfangebote machen und man müsse die Aufklärung verbessern. Einig waren sich zumindest alle, dass es alles andere als einfach werden wird, die Herdenimmunität mit 85 Prozent an geimpften Bürgerinnen und Bürgern zu erreichen.

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