Ameisen gelten als die Gesundheitspolizei des Waldes. Der Grünspecht singt eine markante Melodie. Foto: dpa/Federico Gambarini

Wer mit offenen Augen durch Wald und Flur geht, kann spannendes entdecken. Hinschauen lohnt sich – auch die heimische Flora und Fauna hat viel zu bieten.

Untertürkheim - Was kreucht und fleucht da in Wald und Flur? Diese Frage können heute viele Menschen nicht mehr beantworten. „Die Wissenserosion in der Bevölkerung schreitet voran“, schlägt die Umweltakademie Baden-Württemberg Alarm. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, die Gesellschaft für Natur, Nachhaltigk eit und Heimat zu begeistern. Denn Artenwissen sei für den Erhalt der Biodiversität unverzichtbar, so Akademieleiter Claus-Peter Hutter. Man schütze nur, was man kenne – weshalb die beim Umweltministerium des Landes angesiedelte Akademie auf vielfältige Weise Artenwissen an Fachleute und Laien vermittelt. Zudem will sie jedermann dazu ermutigen, mit wachen Augen durch die Landschaft zu gehen. Am Wegesrand gebe es schließlich viel Spannendes zu entdecken – gerade in Stuttgart mit seinen Wäldern und Weinbergen, Streuobstwiesen und Parks, Flusstälern und Halbhöhenlagen. Wie wäre es denn mal wieder mit einer kleinen Wanderung vor der eigenen Haustür? An vielen heimischen Pflanzen und Tieren laufen wir achtlos vorbei. Dabei macht das Beobachten von Käfern, Hummeln und Co. Spaß und ist eine tolle Beschäftigung für Familien in den Sommerferien. Hinschauen lohnt sich – einige Beispiele:

Waldameise

Das große Tummeln und Wuseln nahe eines Ameisenhaufens ist kaum zu übersehen. Ameisen gelten als die Gesundheitspolizei des Waldes, weil sie sich von Blattläusen, Spannerraupen und anderen Insekten ernähren. So sorgen sie in ihrer Umgebung dafür, dass sich andere Insektenarten nicht übermäßig vermehren und zu Schädlingen werden. Man hat festgestellt, dass die „Arbeiterinnen“ an einem Tag über 100 000 Insekten und deren Larven in den Bau tragen können. Ihr Nest kann bis zu zwei Meter hoch und vier Meter im Durchmesser werden – und wird ständig umgebaut. Ein einzelner Staat der Roten Waldameise kann bis zu einer Million Bewohner haben, darunter nicht nur einige hundert Königinnen, sondern auch eine ganze Reihe von „Untermietern“: Tierarten wie Springschwänze, Schaben, Milben und manche Schwebfliegenlarven sowie Käfer, die von Vorräten und Abfällen im Ameisenstaat zehren. Immer wieder trifft man bei Spaziergängen auf unsichtbare Hauptverkehrsstraßen der Roten Waldameise, die um ihren Bau herum strahlenförmig verlaufen. Die Ameisen können diese Straßen riechen, denn sie versehen sie mit einem Duftstoff. Mit dieser Duftspur kann eine Ameise neue Pfade gehen, ohne den Anschluss zum Nest zu verlieren.

Grünfink

Wer singt denn da? Der Grünfink war einst Bewohner von lichten Baumbeständen und Waldrändern, heute ist er auch in der Stadt vorzufinden: in Hecken, begrünten Hausfassaden, Streuobstwiesen und Parkanlagen. Der 14 bis 16 Zentimeter große und 23 bis 34 Gramm leichte Vogel kommt überall dort vor, wo sich dem Brutpaar gute Verstecke für den Nistplatz bieten. Die gelbgrün bis graugrünen Männchen unterscheiden sich anhand der Färbung etwas von den Weibchen, die insgesamt deutlich matter daher flattern. Bei beiden sind die Handschwingen auffällig gelb gefärbt und die schwarzen Flügelspitzen setzen sich vom restlichen grünen Gefieder ab. Der Grünfink lebt fast ausschließlich vegetarisch und ernährt sich mit einem dafür bestens ausgerüsteten Schnabel von Samen, Knospen und Beeren. Zu seinen Leibspeisen zählen aber auch die Früchte der Hagebutte. Sein Gesang ähnelt dem eines Kanarienvogels: Auf mehre kurze, kräftige „jüpp“ folgt oft ein gesteigertes Trällern, das am Ende in ein lang gezogenes „quäääääk“ mündet.

Holunder

Ob als Saft, Likör oder Gelee, ob Holunderblüten-Sekt oder frittierte Holunderblüten – der Holunder hat den Weg in deutsche Küchen gefunden. Zu Recht: Er ist nicht nur ein kulinarisches Multitalent, sondern auch ein guter Vitamin C- und Kalium-Lieferant. Im Frühjahr sind es die Blüten, die eine bedeutende Nahrungsgrundlage für viele Insekten sind, im Herbst sind die Früchte begehrt, die ein typisches, süßliches Aroma entfalten. Zuhause ist der Holunder in ganz Europa. Er gilt als besonders robust, anspruchslos, frosthart und gedeiht auch im Halbschatten. Der Strauch verbreitet sich über seine schwarzen Früchte. Für deren Transport sind meist Vögel wie Amseln, Drosseln oder Mönchsgrasmücken zuständig, aber auch Säugetiere und Menschen. Schon in der Steinzeit dienten Holunderbeeren als Nahrungsmittel und im alten Griechenland wurde Holunder als Medizin eingesetzt.

Blindschleiche

Die Blindschleiche ist früh „auf den Beinen“ – auch wenn sie, anders als noch ihre Vorgänger vor Millionen von Jahren, gar keine hat. Im Lauf der Zeit hat sie sich ihrer Umgebung angepasst und die Beine zurückgebildet. Das bis zu 50 Zentimeter lange Reptil zählt daher zu den Echsen und nicht zu den Schlangen, obgleich es sich wie diese vorwärts bewegt. Auch blind ist die Blindschleiche nicht: Sie hat Augen mit einer goldenen Iris, die sie sogar mit Lidern verschließen kann. Die Blindschleiche findet sich in fast allen Landschaftstypen zurecht. Sie besiedelt Steinriegel, Trockenmauern, an Weinberge grenzende Böschungen, Hecken und Waldränder. Tagsüber sieht man sie selten. Nur früh am Morgen oder in der Abenddämmerung, wenn sie auf der Jagd nach Regenwürmern, Nacktschnecken, Ameisen und kleinen Gliedertieren ist, kann man sie mit etwas Glück entdecken. Nachts ruht sie. Ein Tipp der Umweltakademie: Blindschleichen wärmen sich gerne früh morgens auf dem Asphalt. Damit sie nicht zertreten werden, kann die Blindschleiche vorsichtig in eine nahe liegende Wiese umgesetzt werden. Auf den Schwanz muss dabei besonders aufgepasst werden, da er leicht abbricht – eine Schutzeinrichtung, welche die in Gefahr geratene Blindschleiche oftmals nutzt, um Fraßfeinde wie Krähe, Marder oder Iltis davon abzuhalten, sie zu fressen.

Wiesensalbei

Überall dort, wo der Boden nicht überdüngt ist und Wiesen noch Wiesen sein dürfen, blüht von Mai bis in den August hinein der blau leuchtende Wiesensalbei. Die Blume gedeiht auch an so mancher Straßen- und Wegböschung. Der Salbei gehört zu den weltweit etwa 7000 Arten von Lippenblütlern. Sie zeichnen sich durch die typische Form der Blüten aus, sie haben nämlich eine „Oberlippe“ und entsprechend eine „Unterlippe“, die in der Regel aus drei zusammengewachsenen Blütenkronblättern besteht. Der Wiesensalbei ist ein wichtiger Nektarlieferant für eine große Anzahl an Insekten wie Hummeln oder Schmetterlingen. Aber auch die Menschen haben ihn für sich entdeckt: Viele Salbeiarten haben einen hohen Anteil charakteristischer ätherischer Öle, wegen derer der Salbei besonders in der Küche geschätzt wird. Der echte Salbei – ein Verwandter des Wiesensalbeis – wird bereits seit dem Altertum auch als Heilmittel eingesetzt. Von der antiviralen, bakterien- und entzündungshemmenden Wirkung wird auch heute noch Gebrauch gemacht.

Tagpfauenauge

Vier große bunte Augen leuchten Wanderern entgegen – das Tagpfauenauge ist unverkennbar. Mit seinen schillernden Farbtönen macht diese Schmetterlingsart der Zugehörigkeit zu den sogenannten Edelfaltern alle Ehre. Doch besitzt der Falter die Augenflecke nicht, um hübsch auszusehen. Sie sollen eher mögliche Fressfeinde wie Vögel abschrecken. Die schmucklose Unterseite der Flügel dient ebenfalls zur Tarnung – mit geschlossenen Flügeln ist er leicht zu übersehen. Einst eine der häufigsten Schmetterlingsarten ist das Tagpfauenauge inzwischen selten geworden. Der Falter bevorzugt vielgestaltige, offene Landschaften mit einem reichhaltigen Nahrungsangebot. Besonders häufig ist er am Flieder zu beobachten. Es fliegen jährlich zwei Generationen von Tagpfauenaugen: Die erste Generation ist von Juni bis August, die zweite von August bis Oktober flatternd unterwegs. Die Falter der zweiten Generation überwintern in geschützten Verstecken und sind dann im darauffolgenden Jahr von März bis Mai zu sehen.

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