Uta Zöphel vor dem Eingang der Leonhardstraße 13. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Seit 2008 lebte Uta Zöphel über der Fou Fou Bar. Sie kennt die guten und weniger guten Seiten des Leonhardsviertels. Welche Erinnerungen sie aus diesem ganz speziellen Kiez mitnimmt.

Uta Zöphel tritt aus der Haustür, bückt sich, hebt eine zerbrochene Bierflasche auf und wirft sie in die Mülltonne. „Das hat man mitunter“, sagt sie. „Da kümmert man sich dann eben drum. Es ist halt ein Ausgehviertel.“ Zöphel, eine zierliche dunkelhaarige Frau, der man ihre 66 Jahre so gar nicht ansieht, schaut auf ihr Leonhardsviertel wie auf einen guten Freund, den man schon lange kennt: Man liebt seine Stärken, weiß um seine Fehler und nimmt ihn so wie er eben ist.

Von diesem Freund nimmt sie jetzt Abschied. Denn nach 18 Jahren in der Leonhardstraße 13, über der Fou Fou Bar, sitzt Uta Zöphel auf gepackten Kisten. Beinahe leer ist die Wohnung im ersten Stock, die 66-Jährige wird – ganz anderes Pflaster – in die Kochenhofsiedlung ziehen. Killesberg, gediegen, ruhig.

Uta Zöphel ging an das Leonhardsviertel ran, wie sie an alles rangeht: Offen, neugierig, ohne Vorurteile. Eigentlich kommt sie aus Ostdeutschland, wurde zu DDR-Zeiten in Eisenach geboren, lebte dann lange im Vogtland. Sie hat mal Veterinärmedizin studiert, arbeitete lange in einer Tierklinik, reiste dann als Hundefriseurin auf Wettbewerben durch die halbe Welt. Als ihr Vermieter in der sächsischen Kleinstadt Falkenstein sie fragte, ob sie als seine Assistentin anfangen wolle (dafür müsse sie aber nach Stuttgart umziehen), überlegte sie eine Nacht und sagte dann ja.

Manfred Hund ist Diplomingenieur und hat sich auf die Kernsanierung von Altbauten spezialisiert. Ihm gehört das Haus aus dem Jahr 1905 in der Leonhardstraße 13, in das seine Assistentin 2008 zieht. Einst wurde es vom Stuttgarter Architekten Theodor Fischer geplant, als Wohnhaus für Arbeiter. Wo jetzt die Fou Fou Bar ist, hatte vor der Renovierung jahrzehntelang Sigrid Moore ihren Edeltrödelladen. Von Moore, der guten Seele des Viertels, bekam Uta Zöphel damals ihr Bett geschenkt. Es bleibt, auch wenn seine Besitzerin jetzt weiterzieht.

Ihr Bett aus dem Laden von Sigrid Moore bleibt. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

„Ich lasse mich vom Leben gern überraschen“, sagt die 66-Jährige. „Ich nehme das, was mir vor die Füße fällt.“ In diesem Fall 2008 in Stuttgart: Eine frisch renovierte Altbauwohnung mit zauberhaftem Mini-Balkon. In die zogen sie und ihr Dobermann Zita ein. Und vor ihrer Haustür tat sich das Leonhardsviertel auf. Die Tabledancebar Messalina ist ums Eck, direkt gegenüber liegt das Eros-Center Edelweiß. In den Nullerjahren standen die Animierdamen noch vor den Etablissements, Straßenprostituierte warben um Freier. Rasch grüßte man sich, „mit den Mädels, aber auch mit den Luden“, erinnert Zöphel sich.

Stuttgart will, dass sich das Leonhardsviertel ändert

Uta Zöphel ist keine, die ein schnelles Urteil über Menschen fällt. „Warum jemand da steht – da maße ich mir kein Urteil an. Manchmal spielt das Leben eben so.“ Leben und leben lassen. Dass die Stadt das Gewerbe raushaben will aus dem Leonhardsviertel, kann sie einerseits verstehen, andererseits hat sie von Sozialarbeitern aus dem Café La Strada, dem Hoffnungshaus und der Caritas gehört, dass die sich sorgen, dann keinen Zugriff mehr auf die Frauen zu haben, denen sie helfen wollen. „Die Prostitution ist ja nicht weg, nur weil sie nicht mehr mitten in der Stadt stattfindet. Und die Helfer und Helferinnen hier leisten tolle Arbeit.“

Uta Zöphel bei einer Tasse Kaffee auf ihrem Balkönchen. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Die Straßenprostituierten verschwanden in der Coronazeit aus den Gassen des Viertels. Auch dass sie von Freiern angesprochen wird, kam schon lange nicht mehr vor. Früher antwortete sie auf „Hosch Luscht?“ mit einem frechen: „Das kannst du dir gar nicht leisten!“ Längst hat sich das Leonhardsviertel durchmischt, ist ein Weggehviertel geworden, in dem sich die Anwohner eher am Lärm stören als am Gewerbe. Dazu hat auch ihr Chef Manfred Hund beigetragen, der den Besitzer eines benachbarten Gebäudes in der Weberstraße dazu ermunterte, lieber an die Macher einer Bar wie dem Botanical Affairs zu vermieten, als dass wieder ein Tabledanceschuppen aufmacht.

Selbst Freunde aus Berlin oder Leipzig sind beeindruckt

Am Leonhardsviertel liebte Uta Zöphel immer das Familiäre: Man trifft sich in der Weinstube Fröhlich oder der Kiste im Bohnenviertel. Geht zum Jazz hören ins Bix und zum Frühstücken ins Herbertz. Früher, als es noch die alte Uhu-Bar gab, war sie immer bei Oskar Müllers Neujahrsempfang, um Landjäger zu essen. Dass es dort heute Ärger gibt, weil viele Leute auf der Straße weiterfeiern, hat sie am Rande mitbekommen. Sie ist daran gewöhnt, dass es nachts mal laut wird. Wenn’s zu arg ist, öffnet sie das Fenster, und ruft raus. Und ab und an musste sie auch schon mal die Polizei rufen, weil es unten brenzlig wurde. „Man braucht eine gewisse Toleranz, um hier zu leben – sonst wird man im Leonhardsviertel nicht glücklich.“ Selbst Freunde aus den In-Städten Berlin und Leipzig waren immer beeindruckt, wie urban man in Stuttgart leben kann.

Einst fing eine beherzte Animierdame ihre Katze Miez ein, als die durchs Leonhardsviertel streifte. An ihren üppigen Busen gepresst, brachte sie die ausgebüxte Katze zurück. Und einmal sammelten Streifenpolizisten den 13-jährigen Sohn von Freunden ein, der heimlich allein nach unten gegangen war, weil er neugierig war auf das, was im „Städtle“ alles vor sich ging. Die Polizisten hatten Sorge, er könne von Freiern angesprochen werden. Geschichten, die so nur das Leonhardsviertel schreibt.

Die „besondere Lebendigkeit“ vom „Städtle“ wird ihr fehlen

Seit Kurzem ist sie in Rente, macht eine Yoga-Ausbildung, ein Ortswechsel habe sich plötzlich stimmig angefühlt. Was ihr fehlen wird, wenn sie jetzt an den Kochenhof zieht? „Die besondere Lebendigkeit im Viertel und unsere tolle Hausgemeinschaft.“ Sie machen miteinander Sport und gehen abends aus, leihen sich Eier und ein offenes Ohr. Auch mit ehemaligen Nachbarn, die schon seit Jahren woanders wohnen, hat sie immer noch Kontakt. Was sie nicht vermissen wird, darüber muss Uta Zöphel länger nachdenken. Dann lacht sie und sagt: „Dass einem jemand vor die Haustür pinkelt. Das kam neulich tatsächlich wieder vor, nachdem es jahrelang nicht passiert ist.“ Darauf kann sie – verständlicherweise – gut verzichten.

„Natürlich ist es emotional, das alles hinter sich zu lassen“, sagt die 66-Jährige. Als sie ihrem Nachbarn sagte, dass sie auszieht, habe der sie erst mal in den Arm genommen. „Und ich sagte zu mir selbst: Jetzt heul’ bloß nicht los.“