Absagen, Verschiebungen: Die Pandemie hat Pop-Veranstalter besonders stark ausgebremst. Die Stuttgarter brennen nach knapp zwei Jahren darauf, endlich wieder loszulegen.
Stuttgart - Offiziell herrscht derzeit kein Lockdown, in manchen Branchen fühlt es sich aber so an. Die Stuttgarter Pop-Veranstalter zum Beispiel hängen seit fast zwei Jahren in der Luft. „Niemand hat erwartet, dass das so lange dauert“, sagt Christian Doll von C2 Concerts. „Wir haben das ganze Jahr 2021 darauf hingearbeitet, dass es wieder losgeht, und dann mussten wir doch das meiste ein weiteres Mal verschieben.“
Ein Grund für die Krise: Das Geschäftsmodell verträgt sich nicht mit der Pandemie. „Ein Konzert zu planen braucht Monate Vorlauf, Regeln ändern sich aber kurzfristig“, sagt Hans-Peter Haag vom Stuttgart Veranstalter Music Circus. Er musste gerade die Antilopengang im Wizemann von Ende Januar in den Herbst verlegen. „Wir verlegen Konzerte zum dritten, vierten, fünften Mal. Es ist anstrengend und sehr unbefriedigend, so ins Ungewisse zu arbeiten. Wir fühlen uns wie im Hamsterrad, und irgendwann beginnt man an dem zu zweifeln, was man tut.“
Es fehlen die Erfolgserlebnisse
Doll erklärt: „Wir müssen zum Teil Veranstaltungen aufsplitten, weil wir nach dann geltenden Regeln zu viele Karten verkauft haben. Der Arbeitsaufwand ist exorbitant und letztlich oft für die Tonne. Das ist die Hölle, reine Beschäftigungstherapie.“ Für Matthias Mettmann, Geschäftsführer im Wizemann und beim Stuttgarter Label und Veranstalter Chimperator, kommt „die psychische Belastung der Mitarbeitenden an eine Grenze. Die Leute arbeiten in der Branche wegen des coolen Umfelds, weil es Spaß macht. Aber derzeit gibt es keine Erfolgserlebnisse, nur dieses ständige Hin und Her.“
C2 veranstaltet auch komplette Tourneen und hat deswegen noch eine andere Sorge: „Wenn in jedem Bundesland andere Regeln und Zuschauerzahlen gelten, funktioniert das nicht“, sagt Doll. „Mono Inc. und Versengold haben wir zum x-ten Mal verlegt, auch Hans Klok müssen wir verschieben, weil das wirtschaftlich so keinen Sinn macht.“ Er hofft auf den Sommer: „Der Vorverkauf fürs Kessel-Festival läuft gut.“
Zuspruch vom Publikum
Dank Hilfsgeldern und Kurzarbeit ist keiner der Stuttgarter Pop-Veranstalter in existenzielle Not geraten, auch wenn zweimal das wichtige Weihnachtsgeschäft weggefallen ist. Paul Woog von der Michael Russ GmbH versucht, die positive Seite zu sehen: „Wir haben über die gesamte Pandemie Karten verkauft und auch viel Zuspruch aus dem Publikum bekommen – aber natürlich verdienen wir seit zwei Jahren kein Geld.“ Wie alle sehnt er sich nach dem Normalbetrieb zurück: „Hilfen vom Staat sind uns ja eher unangenehm“, sagt er. „Wir wollen unser Geld selbst verdienen.“
Seiner Beobachtung nach sind „jüngere Themen einfacher, große Namen auch. Problematischer ist es mit Acts, die noch nicht so bekannt sind.“ Das Konzert von Iron Maiden am 9. Juli auf dem Wasen, bereits zweimal verschoben, sei ausverkauft – immer aufs Neue: „Wenn Karten zurückkommen, gehen sie sofort wieder weg.“ Mettmann hat ein vergleichsweise junges Publikum: „Die Impfquote ist sehr hoch, und Jüngere haben in der Regel weniger Angst, sie wollen etwas erleben“, sagt er. „In der kurzen 2G-Phase ohne Maske Mitte 2021 hat es sich fast wieder angefühlt wie früher. Der Einbruch kam mit der Wiedereinführung der Maskenpflicht, da sind dann im Schnitt 30 Prozent weggeblieben.“
Am Anfang hat die Lobby gefehlt
Ein Handicap der Branche: Sie musste gegenüber der Politik erst zu einem Schulterschluss finden, wie ihn in die Gastronomie im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) längst hat. Inzwischen haben sich die Veranstalter organisiert, sowohl in Stuttgart als auch in ganz Süddeutschland. „Die Lobbyarbeit der Dehoga war zu Beginn deutlich besser, eingespielter“, sagt Mettmann. „Hätten wir früher mehr Einfluss gehabt, wäre vielleicht manches entspannter gelaufen. Die Livebranche ist ein Vorreiter in Sachen Hygienekonzepte und Belüftung. Aber natürlich sind die volle Halle und der Körperkontakt das Ding – das wollen die Leute.“
Das unterscheidet den Pop von der klassischen Musik, die live zum einen mehr bietet, weil die Besucher wie im Kino still sitzen und nicht miteinander sprechen, was das Infektionsrisiko erheblich senkt. Zum anderen wird ein beträchtlicher Teil der Klassik mit öffentlichen Mittel subventioniert und muss nicht zwingend Gewinn machen, während der Pop weitgehend privatwirtschaftlich organisiert ist. So sind etwa das Sinfonieorchester des Südwestrundfunks oder die Stuttgarter Philharmoniker auch während der Pandemie im Dienst und in der Lage, Konzerte zu spielen, die sich eigentlich nicht rechnen.
Eine komplexe Maschinerie
Am Wiedereinstieg hängt ein Fragezeichen: „Das ist eine komplexe Maschinerie mit Dienstleistern und Subunternehmern, die seit zwei Jahren stillsteht“, sagt Haag. „Sie wieder in Gang zu setzen wird nicht einfach sein.“ Ein Grund: Viele Spezialisten, Lichttechniker, Gerüstbauer, Mischer, haben sich mangels Beschäftigung beruflich umorientiert. „Was da zurückkommt oder neu aufgebaut werden kann, ist die große Frage“, sagt Haag. Für Woog ist entscheidend, ob die Leute sofort wieder zurückkommen: „Wir brauchen bei Konzerten oft Auslastungen von 90 Prozent, um etwas zu verdienen, vor allem bei großen Produktionen.“
Alle hoffen – auch darauf, dass Omikron die Zahl der Genesenen anhebt und es endlich zu einer Herdenimmunität kommt.