217 Meter ragt der Stuttgarter Fernsehturm in die Höhe. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Liebe zu dem Fernsehturm ist groß in Stuttgart – jetzt soll sein Ruhm noch weiter erhöht werden. Land und Stadt setzen sich dafür ein, dass die schlanke Betonnadel Weltkulturerbe wird.

Stuttgart - Am Freitag hat OB Frank Nopper (CDU) sein neues Dienstzimmer in Stuttgart bezogen. Die Begrüßung, berichtet er, war herzlich. Das Erste, was er unternahm, war ein Rundgang im Rathaus. Hoch ging’s bis zum Glockenturm. „Da können 71 Stücke gespielt werden“, schwärmte der 59-Jährige hinterher.

In der Stadt ist Musik! Land und Stadt stimmen nun eine kräftige Hymne auf den Fernsehturm an, der den 61 Meter hohen Rathausturm, na klar, überragt und sowieso immer der Größte bleibt. Die Ikone der Ingenieurkunst vom Hohen Bopser ist am Freitag 65 Jahre geworden – just auf diesen Tag fiel Noppers Dienstbeginn in seiner Heimatstadt. Und just seinen ersten Tag konnte der neue Rathauschef nutzen, um tief unten im Kessel den ersten Schritt zu unternehmen, um die schlank Richtung Himmel ragende Touristenattraktion noch weiter nach oben zu bringen.

Große Konkurrenz aus Bayern

Ist’s ein Zufall der Stadtgeschichte? Vorgänger Fritz Kuhn (Grüne) musste zu seinem Start dem Leuchtturm Stuttgarts wegen des Brandschutzes das Licht ausknipsen. Frank Nopper landet nun gleich zu Beginn seiner Amtszeit eine positive Fernsehturm-Nachricht. Gemeinsam mit Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) will er alles unternehmen, damit der 1956 von Fritz Leonhardt erbaute Fernsehturm von der Unesco als Weltkulturerbe geadelt wird.

Dies wird nicht leicht. Die Konkurrenz ist groß. Bayern etwa beansprucht den deutschen Platz beim Weltkulturerbe für die Schlösser Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee. Ministerin Hoffmeister-Kraut ist dennoch zuversichtlich in Bezug auf den eleganten Giganten. „Der Turm steht für eine Denkmalkategorie, die auf der Welterbeliste unterrepräsentiert ist“, sagt sie. Dies erhöhe „die Chancen für eine erfolgreiche Nominierung“. Am Freitag hat die CDU-Politikerin die Informationen unserer Zeitung bestätigt, dass sie in der nächsten Woche das Landeskabinett über die Einzelheiten informieren will.

Bis zur Ernennung dauert es oftmals Jahre

Ihr Ziel sei es, dass der erste Stahlbetonfernsehturm der Welt mit Aussichtsplattform und Gastronomie als architektonisches Meisterwerk zum schützenswerten Kulturgut für kommende Generationen erklärt wird. „Wir werden ein überzeugendes Konzept für das nationale Vorauswahlverfahren erarbeiten“, versichert Hoffmeister-Kraut. Ihr Ministerium darf als oberste Denkmalschutzbehörde des Landes zwei Kandidaten benennen, die auf die deutsche Vorschlagsliste (die sogenannte Tentativliste) für das Unesco-Welterbe gesetzt werden. Im Jahr 2024 wird diese Liste fortgeschrieben. Die Aussichten steigen, wenn der Name einer schützenswerten Stätte, die weit über das eigene Land hinausstrahlt, möglichst früh genannt wird.

Aus Stuttgart wird also der Fernsehturm nominiert. Dass man oft einen langen Atem braucht, um in den Genuss der Ehre zu kommen, hat die Stadt bereits erlebt. Erst im dritten Anlauf schafften es zwei Weißenhof-Häuser von Le Corbusier 2016 in den Kreis jener Denkmäler, die von außergewöhnlichem universellem Wert sind. Ein Weltkulturerbe – in Deutschland stehen 46 Natur- und Kulturstätten auf der Unesco-Liste – lockt zusätzliche Touristen und erhöht die Attraktivität der Stadt. Dies würde dem Stuttgarter Imagegewinn dienen, den sich Nopper auf die Fahnen geschrieben hat.

In Stuttgart hat fast jeder seine Fernsehturmgeschichte

Warum das Stadtwahrzeichen erst jetzt in die Vorauswahl fürs Welterbe kommt? „Der Fernsehturm steht schon länger im Blickfeld für eine Nominierung“, sagt Ministerin Hoffmeister-Kraut. Da die Unesco erklärt habe, die Liste des Erbes müsse ausgewogener und repräsentativer werde, habe man sich entschlossen, mit dem von vielen sehr geliebten Betonriesen ins Rennen zu gehen.

„Dass der Fernsehturm als Weltkulturerbe vorgeschlagen wird, macht uns sehr stolz“, erklärt SWR-Intendant Kai Gniffke. Der damalige SDR habe in den 1950ern die Finanzierung übernommen. Als „bahnbrechendes Bauwerk“ verkörpere der Turm einen „bedeutenden Abschnitt in der Rundfunkgeschichte“ und stehe für den Pioniergeist von Baden-Württemberg.

In Stuttgart können viele eine eigene Fernsehturmgeschichte erzählen. Nopper fuhr beim Schulausflug zum ersten Mal hinauf. Seitdem war er unzählige Male dort, meist dann, wenn auswärtiger Besuch kam. Nebenan auf der Waldau hat er als 14-Jähriger für den Tus Stuttgart gegen die Kickers gespielt. Bei den Blauen war Guido Buchwald sein Gegner. „Sogar der höchste Fernsehturm der Welt, der Tokyo Skytree, gilt als Ableger des Stuttgarter Originals“, so der OB. Wie die Chancen stehen, dass der Turm die nationalen Hürden nimmt und die Unesco überzeugt? „Wir werden sehen“, sagt Nopper sportlich-kämpferisch, „aber wir geben alles.“