53 Kunstrasenplätze für Fußball gibt es in Stuttgart. Der Kunstrasen des SV Gablenberg soll in wenigen Wochen ausgetauscht werden. Das alte Spielfeld ist mit Quarzsand bestreut. Foto: SebastianSteegmüller - SebastianSteegmüller

Rund 40 Millionen Euro hat die Stadt in den vergangenen Jahren in neue Kunstrasenplätze investiert. Doch genau die sollen ab 2022 wegen des dafür verwendeten Granulats verboten werden.

Bad Cannstatt Das Timing ist bemerkenswert. Just als nach fast 20 Jahren alle Tennenplätze in Stuttgart von der roten Asche befreit und in Kunstrasenplätze umgewandelt sind, grätscht die EU dazwischen. Sie will von 2022 Granulat verbieten.

Die Landesregierung hat bereits reagiert und will keine Zuschüsse mehr für Kunstrasenplätze mit Granulat erteilen. Granulat, das sind jene kleinen Kunststoffkügelchen, die zwischen die Plastikhalme geschüttet werden und vom Regen ausgeschwemmt als Mikroplastik in der Umwelt landen. Das Granulat wird auf den Rasen gestreut, um Verletzungen der Spieler zu vermeiden und sorgt für eine bessere Dämpfung des Bodens. In der Landeshauptstadt betrifft dies 53 Plätze, die von 89 Vereinen und rund 33 000 Fußballern genutzt werden.

Was tun angesichts des angedrohten Verbots in drei Jahren? Verzichten auf die Plätze? „Das ist definitiv nicht möglich“, sagt Dominik Hermet, Vorsitzender des Sportkreises, der Interessenvertreter und Sprachrohr der Stuttgarter Sportvereine ist. Die Kunstrasenplätze sind strapazierfähiger als jene mit Naturrasen. Man kann dort öfter und länger trainieren. Sprich, auf Naturrasen würden die Vereine gar nicht alle Mannschaften unterbringen können, müssten viele Trainingszeiten streichen. Dominik Hermet: „Das ist keine Alternative.“ Er hat sich einmal die 56 Kunstrasenplätze genauer angeschaut. Drei davon sind für Hockey gedacht. Der Vorteil: Sie kommen ohne Granulat aus. Heißt, 53 der 56 Plätze sind mit Granulat verfüllt. Dies ist nötig, um auf den Plätzen spielen zu können. Das Granulat wirkt wie Erde bei Naturrasen. Es dämpft und schützt, verhindert Verletzungen der Fußballspieler. Der Nachteil: Dafür braucht es eine ganze Menge, auf einem Platz liegen rund 35 Tonnen.

Die Sportler tragen an den Schuhen und in den Trikots manches hinaus, ein erklecklicher Teil wird aber vom Regen davongespült und landet über das Grundwasser in der Natur; letztlich über das Trinkwasser, Gemüse, Fleisch und Fisch wieder in unseren Körpern. Forscher des Fraunhofer-Instituts schätzen, dass Kunstrasenplätze in Deutschland rund 10 000 Tonnen Mikroplastik je Jahr an die Umwelt abgeben.

Da immerhin kann Hermet für Stuttgart Entwarnung geben. Alle Stuttgarter Plätze sind von Umlaufrinnen gesäumt, in denen sich das viele Granulat sammelt. Damit ist das Problem allerdings auch nicht beseitigt, das weiß Hermet. „Natürlich haben wir als Sport die Pflicht, uns einzubringen und die Umwelt zu schützen.“ Die Lösung könne letztlich nur sein, dass die Hersteller in den kommenden Jahren zügig eine Alternative zu dem bisher verwendeten Granulat entwickeln. Kork nutzt man, das kann allerdings aufschwemmen bei Nässe. Sand wiederum macht den Platz stumpfer.

Insgesamt hat die Stadt Stuttgart in den vergangenen Jahren sehr viel Geld in die Kunstrasenplätze investieret, insgesamt wurden knapp 40 Millionen Euro für die Umwandlung der Plätze gezahlt. Ungefähr 700 000 Euro kostet ein Platz. Die Lebensdauer beträgt etwa 20 Jahre. Man saniert also mittlerweile jene Plätze, die als erste umgewandelt worden sind. 2019 sind die Plätze der SpVgg Möhringen, SV Gablenberg, TV Zazenhausen an der Reihe. Dafür stehen je Jahr 875 000 Euro bereit. Sportkreisvorsitzender Hermet: „Das hilft uns jetzt enorm.“ Die Mittel seien eingestellt im Haushalt. Wenn ein Platz saniert werden müsse, werde man dies natürlich unter dem Gesichtspunkt tun: „Welches Füllmaterial kann man problemlos ausbringen?“ Und damit das Granulat ersetzen.

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