Die Weinmanufaktur hat eigens ein Schild im Weinberg angebracht. Foto: Elke Hauptmann

In den Weinbergen werden jetzt wieder vermehrt Blätter gestohlen – vermutlich, um daraus orientalische Köstlichkeiten zu bereiten. Der Haken: Die Blätter sind gespritzt und sollten eigentlich nicht verzehrt werden.

Untertürkheim - E in Sonntagnachmittag im Weinberg an der Augsburger Straße in Untertürkheim: Zwei Männer laufen eine Rebreihe hinauf, immer wieder greifen sie dabei ins frisch sprießende Laub, reißen Blätter von den Trieben und stopfen sie in eine halb volle Plastiktüte. Von Spaziergängern lassen sie sich nicht abhalten. Auf ihr Tun angesprochen, entgegnet einer barsch: „Was ist denn schon dabei, gibt doch genug Blätter.“

Über diese Dreistigkeit ärgert sich Stefanie Schwarz. „Am Altenberg gegenüber vom Kaufland ist es wirklich sehr schlimm, was den Blätterdiebstahl angeht“, sagt die Wengerterin – viele der Rebstöcke dort werden vom Weingut Schwarz bewirtschaftet. Gut 100 Meter weiter hat die Weinmanufaktur Untertürkheim an ihren Rebstöcken eigens Schilder angebracht. „Finger weg von den Blättern“, steht darauf. Und auch: „Privatgrundstück. Betreten verboten.“

Keine Einzelfälle

Einzelfälle seien es „definitiv nicht, es ist ein sehr konstantes, aber gefühlt größer werdendes Problem“, sagt Stefanie Schwarz. Mutmaßlich wird das Laub vor allem von Privatpersonen zum Verzehr abgezupft: Gefüllte Weinblätter gelten als Spezialität der orientalischen Küche. Meist sind einige Dutzend Rebstöcke betroffen, aber es gab auch schon Fälle, wo Blätter massenhaft gestohlen wurden. 2014 zum Beispiel wurden in einem Cannstatter Weinberg an etwa 1200 Weinstöcken die Blätter abgerissen. Bei größeren Mengen sei davon auszugehen, dass zumindest teilweise ein Weiterverkauf stattfinde, meint die Wengerterin.

Trollinger und Merlot beliebt

Der Diebstahl beginne immer dann, wenn die Blätter eine für die Diebe sinnvolle Größe haben, berichtet Stefanie Schwarz. „In diesem Jahr ging es Anfang Mai los.“ Gut erreichbare Rebstöcke wie jene am Altenberg oder auch am Mönchberg seien für die Täter besonders attraktiv. „Letztendlich ist es aber zunehmend so, dass nicht mehr nur schwer einsichtige Ecken zum Klauen gewählt werden.“ Besonders begehrte Beute seien Rebsorten wie Trollinger und auch Merlot wegen ihrer weichen und recht großen Blätter, ebenso der Lemberger, sagt Stefanie Schwarz. Auf frischer Tat ertappt würden die Diebe selten.

Gefahr für das Traubenwachstum

Der Schaden im Weinberg kann enorm sein: „Das hängt stark vom Entwicklungsstand der Reben, der Sorte und der Anzahl an abgerissenen Blät tern pro Trieb ab. Fehlen dem Trieb wirklich viele oder gar alle Blätter, hat er eine deutlich geringere Chance, gesunde und gute Früchte entstehen zu lassen“, erklärt die Fachfrau. Denn die Blätter seien für die Fotosynthese zuständig, sie versorgen die entstehenden Trauben mit Energie und sorgen am Ende für ausgereifte, süße Früchte. Seien zu wenige Blätter an einem Trieb, könne das zu einer Qualitätsminderung der Ernte führen. Deshalb seien Laubarbeiten enorm wichtig – und nur etwas für Profis. „Wir wissen, was wir tun, der Laie hingegen nicht“, sagt Stefanie Schwarz.

Zum Verzehr nicht geeignet

Vom Verzehr der Weinblätter raten Experten übrigens ab – weil diese gespritzt sind. „Die traditionellen Keltertrauben und Rebsorten, welche bei uns in Deutschland und auch weltweit zum allergrößten Teil angebaut werden, sind sehr anfällig gegenüber den Pilzkrankheiten Oidium und Peronospora“, erklärt Schwarz. „Deshalb sind über die Vegetationsperiode alle 10 bis 14 Tage Pflanzenschutzmaßnahmen nötig.“ Je nach Art des verwendeten Mittels lasse sich dieses nicht so einfach abwaschen. „Es gibt Mittel, die nur auf der Blattoberfläche haften, es gibt aber auch Mittel, die ins Innere der Blätter und Triebe aufgenommen werden.“ Aus diesem Grund müssten die Weinbauern strenge Vorschriften beachten: „Jedes Pflanzenschutzmittel hat eine sogenannte Wartezeit, welche gesetzlich vorgeschrieben ist und je nach Präparat zwischen 21 bis 56 Tage beträgt. Vor Ablauf dieser Frist dürfen keine Trauben geerntet oder Blätter zum Verzehr gepflückt werden“, erläutert Stefanie Schwarz.

Jeder Diebstahl wird angezeigt

Hinnehmen will die Wengerterin die dreiste „Mitnahmementalität“ einiger Mitmenschen jedenfalls nicht mehr. „Bis jetzt haben wir es bei sehr deutlichen Zurechtweisungen belassen, werden aber in Zukunft jeden Diebstahl, den wir beobachten, zur Anzeige bringen. Es bringt nichts, an die Einsicht und Vernunft der Menschen zu appellieren.“

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