Aufnahme aus dem Jahr 1970: Italienische Gastarbeiter warten vor ihrer Abfahrt in den Heimaturlaub auf dem Hauptbahnhof von Stuttgart. Foto: dpa

Deutsches Auswandererhaus in Bremerhaven und das Haus der Geschichte in Stuttgart suchen Objekte von Zeitzeugen.

Untertürkheim - Wer erinnert sich an die Arbeitskämpfe ausländischer Arbeitnehmer, die zwischen 1966 und 1979 geführt wurden? Das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven, das anhand realer Familiengeschichten und inszenierter Ausstellungsräume 330 Jahre deutscher Aus- und europäischer Einwanderungsgeschichte präsentiert, sucht für seine neue Dauerausstellung Zeitzeugen aus Stuttgart. Aber auch in der Landeshauptstadt selbst rückt das Thema Arbeitsmigration in den Fokus: Das Haus der Geschichte Baden-Württemberg bittet die „Gastarbeiter“ von einst, dem Museum für eine neue Ausstellung Schilder, Flugblätter oder Transparente von Protesten gegen niedrige Löhne, schlechte Wohnbedingungen oder rassistische Übergriffe zur Verfügung zu stellen.

Anwerbung von 1955 bis 1973

N ach der Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und Italien am 20. Dezember 1955 setzte eine Zuwanderung von Arbeitskräften ein. Gedacht war zunächst nur an die Gewinnung von Saisonarbeitskräften für die Landwirtschaft, schon bald begannen aber auch Industriebetriebe in immer größerem Umfang, ausländische Arbeitnehmer einzustellen. Um den wachsenden Bedarf zu decken, wurden Anwerbeabkommen mit zahlreichen weiteren Ländern geschlossen: 1960 schloss Deutschland mit Spanien und Griechenland ein solches Abkommen, 1961 mit der Türkei, 1963 folgten Marokko und Südkorea, dann Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968). Der geplante Zustrom ausländischer Arbeitsmigranten wurde mit der Wirtschaftskrise 1973 beendet.

Einfachste Unterkünftre

Stuttgart wurde aufgrund großer Firmen wie Bosch und Daimler sowie der Nähe zu umliegenden Betrieben zur neuen Heimat für eine große Anzahl an „Gastarbeitern“. Die Zahl der ausländischen Bürger der Landeshauptstadt vervierfachte sich zwischen den Jahren 1961 und 1973 – von rund 26 000 Menschen auf über 100 000. Von den Behörden den Unternehmen zugewiesen, erlebten die überwiegend jungen Männer einen ersten Schock: Für sie wurden einfache Holzbaracken in der Nähe ihrer Arbeitsstellen bereitgestellt – auch in Untertürkheim gab es solche Daimler-Unterkünfte. Doch nicht nur die Wohnverhältnisse waren schlecht. Die ausländischen Arbeiter wurden vor allem im Bereich der Industrie und Gastronomie für schwere, schmutzige, teils gefährliche und gering bezahlte Arbeit engagiert. Früh schon keimten Proteste gegen die hiesigen Arbeitsbedingungen auf: Oft herrschten ein hohes Arbeitspensum und immenser Arbeitsdruck, viele „Gastarbeiter“ verdienten trotz gleicher Arbeit weniger Geld als ihre deutschen Kollegen.

Streiks für bessere Löhne

In dieser Zeit kam es zu größeren Streiks für bessere Arbeits- und Lohnbedingungen – 1966, 1971 und 1973 zum Beispiel auch bei Daimler in Untertürkheim, wo mit den Einheimischen auch mehrere tausend „Gastarbeiter“ streikten. Die Proteste waren zudem ein Kampf der ausländischen Arbeitnehmer um Anerkennung, mit dem sie in der Bundesrepublik erstmals politisch in Erscheinung traten. Sie organisierten sich größtenteils selbst in eigenen Interessenverbänden unabhängig von den deutschen Gewerkschaften, um ihre Forderungen bekannt zu machen.

Flugblätter, Fotos, Transparente gesucht

Das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven sucht jetzt Personen, die über die Arbeitskämpfe in den 1960er und 1970er Jahren berichten: damals engagierte Ausländer oder deren Nachfahren, aber auch Deutsche, die sich gegen die vorherrschenden Arbeits-, Lebens- und Wohnbedingungen von ausländischen Arbeitnehmern einsetzten, etwa durch Proteste, Streiks, Demonstrationen oder Arbeitsniederlegungen. Darüber hinaus interessieren sich die Museumswissenschaftlerinnen für Transparente und Schilder mit Forderungen, für Zeitungsberichte, Fotos, Kündigungen, Vermerke von Behörden oder ähnliche Objekte, die an die damaligen Arbeitskämpfe erinnern.

Beiträge kann man schicken an: Deutsches Auswandererhaus, Stichwort: „Arbeitskampf“, Columbusstraße 65, 27568 Bremerhaven. Oder per E-Mail an r.zamora@dah-bremerhaven.de. Für Rückfragen steht Rosalia Zamora, Telefonnummer 0471/90220-0, zur Verfügung.

Wer dem Haus der Geschichte in Stuttgart weiterhelfen kann, wendet sich am besten an die Kuratorin Sabrina Müller: sabrina.mueller@hdgbw.de.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: