Mountainbiker sind gerne auf engen Strecken unterwegs. Radfahren ist in Wäldern aber nur auf Wegen gestattet, die breiter als zwei Meter sind. Foto: dpa/Patrick Seeger

Mountainbiker wehren sich gegen ihr schlechtes Image. Naturschutz von großer Bedeutung.

Uhlbach - Am 8. Oktober hatten sich Vertreter der Naturschutzverbände BUND und Nabu sowie Mitarbeiter des Jagdverbands und verschiedener Forstämter an der Waldschänke Sieben Linde getroffen, um auf die „erheblichen Schäden“ hinzuweisen, die Mountainbiker verursachen (wir berichteten). Es wurde kritisiert, dass die Radfahrer häufig illegal auf schmalen Strecken durch die Wälder rollen. Man müsse sie in ihre Schranken weisen, lautete das Fazit der Vorortbegehung.

Schlag ins Gesicht der Mountainbiker

Als Patrick Ortwein, Sprecher der Deutschen Initiative Mountainbike (DIMB), Interessensgemeinschaft Rems-Murr, von den Plänen der Naturschützer erfuhr, war er schockiert. „Es betrifft zwar vorrangig den Nachbarkreis, dennoch gleichen sie einem Schlag ins Gesicht aller Mountainbiker.“ Ziel seines Verbands sei es, gerade den umweltverträglichen Mountainbikesport zu fördern. Oft werde er aber undifferenziert mit Naturzerstörung gleichgesetzt. „Dabei sind uns intakte Wälder mindestens genauso wichtig, wie ein technisch einwandfreies Fahrrad oder eine anspruchsvolle Strecke.“ Und diese Einstellung gebe man beharrlich in der Szene weiter, genauso wie die gegenseitige Rücksichtnahme, wenn man mit dem Bike auf Fußgänger treffe. „Es ist unserer Auffassung nach selbstverständlich, dass man sich entsprechend respektvoll begegnet.“

Ortwein kritisiert, dass an dem Treffen bei den Sieben Linden keine Mountainbiker teilgenommen haben. „Es muss endlich nicht mehr über uns, sondern mit uns gesprochen werden.“ Dass es besser geht, zeige ein „toller, konstruktiver Prozess“, den das Forstamt im Rems-Murr-Kreis im Juli gestartet hat. Um ein bestmögliches Nutzungskonzept für alle Interessensgruppen zu finden, will dort Fellbachs Bürgermeisterin Beatrice Soltys sich nicht nur mit den Nachbarkommunen Kernen und Weinstadt absprechen, sondern auch die angrenzenden Landkreise sowie ehrenamtliche Vertreter der verschiedenen Vereine und Interessensgemeinschaften in die Entscheidungsfindung miteinbeziehen.

Mountainbiker bauen Absperrung

Den Radsportlern liege indes am Herzen, nicht immer als illegale Rowdys wahrgenommen zu werden. „Schwarze Schafe gibt es überall, die können wir nicht einfangen. Die allermeisten von uns sind aber anständige Leute, die sich einfach gerne in der Natur aufhalten und dabei keine Schäden verursachen wollen“, betont Ortwein. Bestes Beispiel sei eine gemeinsame Aktion mit dem Fellbacher Naturschutzbund (Nabu). Rund ein Dutzend Mountainbikerinnen und Mountainbiker haben am vergangenen Samstag geholfen, auf dem Kappelberg einen Beweidungszaun zu errichten. „Für das Setzen der rund 100 Pfosten erwiesen sich die sportlichen Mithelfenden, die kräftig mit anpackten, als ein wahrer Segen“, sagt Nabu-Sprecher Ulrich Rohde.

Kritik aus der Bike-Community

Mit dem Bau des Zauns habe man eine der attraktivsten Bike-Strecken und gleichzeitig eine wichtige Verbindung zum Kappelberg erst mal stillgelegt, sagt Ortwein. „Dafür haben wir in der Bike-Community Kritik geerntet.“ Doch es sei an der Zeit, Scheuklappen abzulegen. Jeder müsse verstehen, dass es nur Miteinander geht. Zugleich betont er, dass man zeitnah Alternativrouten entwickeln müsse, damit „wieder ein fahrbarer Weg ins Tal offen ist“. Ortwein lobt in diesem Zusammenhang die Stadt Fellbach, die „gemerkt hat, dass etwas getan werden muss“. Von ihr erhoffe er sich unbürokratische Unterstützung.

Probleme auf breiten Wegen

Anders sehe das bei Anfragen an die Landeshauptstadt aus. „Stuttgart stellt sich meist quer. Wir kämpfen hier gegen Windmühlen.“ Man brauche sich nicht zu wundern, dass immer mehr illegale Trails entstehen, wenn man im Gegenzug keine funktionierenden Strecken anbietet und die Mountainbiker seit über 20 Jahren in die Illegalität drängt? „Dabei wird völlig verkannt, dass auch wir Natursportler sind, denen einfach kein Platz eingeräumt wird. Dass der Wildbau von Trails geregelt werden muss, eben durch legale Angebote, wissen wir selbst.“ Es gehe ihm in erster Linie nicht um Downhill-Strecken wie den „Woodpacker-Trail“, der von Degerloch über mehrere hölzerne Rampen und Steilwandkurven nach Heslach hinab führt.

1200 Mitglieder in acht Monaten

„Nur ein kleiner Teil der Bike-Community benötigt solche Anlagen, die breite Masse ist einfach gerne auf engeren Wegen im Wald unterwegs“, so Ortwein, für den das Hauptproblem nicht die kurvenreichen, schmalen Trampelpfade darstellen. „Dort ist man meist langsamer unterwegs, weil man sich an die Trails herantasten muss. Spaziergänger, die sich über zu schnelle Mountainbiker beschweren, trifft man dort nicht, sondern auf den legalen, breiten Waldwegen“, so der DIMB-Sprecher. Ähnlich sieht es auch Conny Bucher, Vorstandsmitglied des Vereins Mountainbike Stuttgart. Er ist erst im vergangenen Februar gegründet worden, hat bereits rund 1200 Mitglieder und sieht sich als „starke Stimme“ der Mountainbiker.

In der Corona-Krise ist der Absatz von Mountainbikes stark gestiegen. „Es ist ein richtiger Boom zu verzeichnen“, sagt Bucher. Dementsprechend sei auch in den Wäldern mehr los. Dass die Polizei darauf mit mehr Kontrollen reagiert habe und Strecken zurückgebaut wurden, sei aus Sicht des Vereins das falsche Zeichen. „Solange es in Stuttgart kein Alternativangebot gibt, wird es immer illegale Trails geben.“ Der Bedarf sei definitiv vorhanden, dem müsse die Stadt Rechnung tragen. „Ansonsten wird es immer Konflikte geben. Wir haben bereits ein tolles Streckennetz in Stuttgart, aber dürfen es eigentlich nicht nutzen“, sagt Bucher. Dieses freizugeben, würde vollkommen reichen.

Hoffen auf Naherholungskonzept

Der Verein könnte als direkter Ansprechpartner für Förster, Jäger oder Naturschützer dienen und Strecken entsprechend beschildern. Ein weiterer Vorteil der Legalisierung sei, dass man Jugendliche abholen könne. „Ihnen bei Ausfahrten zeigen, auf was es beim Trailbau und der Pflege von Strecken ankommt. Außerdem könnte man ein Bewusstsein für die Natur schaffen, auf Rückzugsorte der Tiere eingehen und ihnen erklären, warum bestimmte Bereiche während der Brut gesperrt sind“, so Bucher, die auf das im vergangenen Doppelhaushalt bewilligte Naherholungskonzept hofft. Die Stadt Stuttgart habe bereits ein externes Unternehmen beauftragt. „Das Ganze soll in Absprache mit den lokalen Mountainbikern geschehen. Ich hoffe auf einen regen Austausch.“

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