Die Verbindung vom Veielbrunnengebiet zum Seelberg ist eine finstere Röhre. Foto: Uli

Gemeinderatsfraktion kritisiert schlechte Anbindung für Radfahrer und Passanten ans Neubaugebiet.

Bad Cannstatt - Auf dem ehemaligen Güterbahnhofs-Areal sollen einmal rund 5000 Menschen wohnen und arbeiten. Die städtebauliche Entwicklung dafür macht enorme Fortschritte: Der autofreie Marga-von-Etzdorf-Platz als öffentliches Zentrum wurde im vergangenen „eröffnet“, längst fertig sind der Quartierspark „Grüne Mitte“, das Quartiersparkhaus an der neuen Benzstraße und in dem Volksbank-Komplex wird ebenfalls schon seit mehr als einem Jahr gearbeitet. Nimmt man noch das Sportbad dazu, das Anfang 2022 eröffnet werden soll, so scheint die Aufsiedelung der einstmals riesigen Brachfläche, welche die Stadt vor 20 Jahren von der Deutschen Bahn erworben hatte, auf einem guten Weg.

Rampe zu steil

Dennoch hat die Gemeinderatsfraktion der Grünen große Sorgen: Der bestehende, etwa 200 Meter lange Durchlass, der bisher die Fußwegverbindung in den Seelberg auf der anderen Seite der Bahngleise darstellt, ist unzureichend für Radfahrer und auch nicht barrierefrei aufgrund seiner zu steilen Bestandsrampe an der Deckerstraße. Doch attraktive Rad- und Fußwegeverbindungen sind für die Grünen Voraussetzung, um das versprochene „autoarme“ Quartier zu realisieren. In einem umfangreichen Antrag hat die stärkste Gemeinderatsfraktion ihre Sorgen, aber auch Kritik an den Stadtplanern zusammengefasst.

Wenig einladende Unterführung

„Da die Wichtigkeit der Wegebeziehung zwischen Seelberg und Neckarpark mit dem Neubau des Neckarparks wegen der Einkaufsmöglichkeiten, den schulischen Angeboten auf der einen Seite und den städtischen Angeboten – wie dem Bildungshaus, der VHS, dem Zollamt und dem Sportbad – auf der anderen Seite, weiter zunehmen wird, sehen wir dringenden Handlungsbedarf für Verbesserungen“, heißt es in dem Papier.

Und der herrscht definitiv. Die Unterführung, die vom neuen Quartiersplatz in zwei Etappen bis hin zur Deckerstraße/Höhe Marienbader Straße führt, wirkt wenig einladend. Finster und durch mehrere Richtungswechsel ist sie – trotz Spiegel – unübersichtlich und verströmt durch die offen liegenden Rohre und der tiefen Decken den Charme eines Maschinenraums.

Pesch & Partner, Sieger des städtebaulichen Wettbewerbs für das Güterbahnhof-Areal, schlugen deshalb vor 14 Jahren schon vor, auf Höhe der Wendefläche einen neuen Durchgang durch den Bahndamm zu bauen. Auch die Gemeinderatsfraktionen der SPD und der Grünen forderten 2008 die Verwaltung zum Handeln auf. Doch eine Machbarkeitsstudie zeigte schnell: Ein neuer Tunnel ist nicht nur bautechnisch schwierig, sondern auch teuer. Wie teuer, das wurde dem Bezirksbeirat 2009 durch einige Studentenentwürfe aufgezeigt. Denn zwei Varianten befassten sich ebenfalls mit einer neuen, gut 110 Meter langen Röhre. Allein die Vortriebskosten würden mit gut fünf Millionen Euro zu Buche schlagen. Alles in allem haben die Studenten für einen Tunnelneubau elf Millionen Euro berechnet.

Gespräche mit der Bahn

Die Stadtverwaltung ging damals sogar noch einen Schritt weiter und sprach von mindestens 20 Millionen Euro Baukosten. Denn allein eine barrierefreie Anbindung an der Deckerstraße, heute gibt es dort eine Treppe und eine etwa 40 Meter lange, steile Rampe, könne mit dem Bau eines Aufzuges schnell einen zweistelligen Millionenbetrag ausmachen.

Nun ist es nicht so, dass die Stadtverwaltung untätig geblieben wäre. Im Gegenteil, jede Menge Gespräche wurden mit der Deutschen Bahn geführt. Doch die sind bekanntermaßen nicht einfach, eher zäh. Dennoch sei es laut Stadtplanungsamt ein Vorteil, dass durch die Maßnahmen für Stuttgart 21 rund um den Bahnhof Bad Cannstatt ein Gleis wegfällt und die Stadtplaner dadurch mehr Spielraum hätten, den „schauerlichen“ Tunnel zu verschönern.

Platzmangel

„Wir wollen den Tunnel, so weit es geht, öffnen und heller gestalten“, sagte Heinz Sonntag im Jahr 2016. Hierbei, so der Stadtplaner, sitze auch die Firma Daimler mit im Boot. Denn die Stadt denke darüber nach, für ihre Verschönerungsmaßnahmen angrenzendes Gelände vom Automobilbauer zu erwerben. Die Kosten für das Maßnahmenpaket: rund drei Millionen Euro, allerdings ohne Aufzug an der Deckerstraße, weshalb es dort keine 100-prozentige Barrierefreiheit geben könne. Denn für eine längere und flachere Rampe fehle der Platz. Damals war sich der Bezirksbeirat Bad Cannstatt jedoch einig, dass das „Angebot“ der Stadt unakzeptabel sei. Nur eine optische Verschönerung werde seine Akzeptanz nicht steigern und werde schlussendlich auch nicht der Entwicklung auf dem Güterbahnhof-Areal gerecht.

Die Ablehnung hatte jedoch laut der grünen zur Folge, dass bis heute weder eine größere Neubaulösung noch die Aufwertung des Bestands weiter vorangetrieben wurde. Zuletzt habe daher auch die Bürgerinitiative Veielbrunnen nochmals auf notwendige Baumaßnahmen hingewiesen. „Wir finden es daher wichtig, dass wir nun bei der barrierefreien und radgerechten Anbindung des Neckarparks Maßnahmen prüfen, um Verbesserungen noch vor der Wohnbebauung 2025 fertigzustellen“, so die Antragssteller, die hierbei ein zweistufiges Vorgehen vorschlagen.

Grüne fordern Antworten

Denn unabhängig von der finalen Tunnellösung muss in der Deckerstraße ein sicherer Überweg installiert werden. Und um die Nachteile der heute sehr engen und nicht barrierefreien Rampe in Richtung Norden auszugleichen, schlagen die Grünen den Bau einer zweiten, barrierefreien und nach heutigen Vorgaben weniger steilen Rampe vor, die auf Höhe der Martin-Luther-Straße endet und die zu wesentlichen Zielen im Seelberg führt. Die Grünen wollen für beide Maßnahmen genauso eine Kostenermittlung haben, wie für den städtischen Vorschlag aus dem Jahr 2016. Alternativ zu der damaligen Planung soll jedoch eine weitere Möglichkeit geprüft werden. Denn wenn die Stadt nur den zweiten Tunnelabschnitt neu bauen würde, wäre das sehr viel günstiger. Was wichtig ist: Eine neu zu bauende Rampe an der Deckerstraße sollte sich so an den Bestand anschließen, dass auch ein komplett neuer Tunnel noch später umsetzbar wäre. Die Stadtplaner sollen prüfen, ob eine gerade Tunnellösung machbar ist und ob hierfür Kostenschätzungen möglich sind.

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