Seit 1976 war der Kaufhof eine tragende Säule des Cannstatter Einzelhandels. Foto: Uli Nagel

Betroffenheit über Kaufhof-Aus bei Altstadt-Verantwortlichen und Gewerbe- und Handelsverein.

Bad Cannstatt - Der gestrige Freitag wird als ein tiefschwarzer in die Analen des Cannstatter Einzelhandels eingehen. Denn das Unternehmen Galeria Karstadt Kaufhof hat die Liste der Filialen bekannt gegeben, die im Rahmen des vorgesehenen Einsparprogramms geschlossen werden. Während die beiden großen Filialen in der Stuttgarter Innenstadt weitergeführt werden, heißt es Abschied nehmen von der Filiale in Bad Cannstatt. Insgesamt sind bundesweit 62 Filialen mit rund 6000 Beschäftigten von dem „Kahlschlag“ betroffen. In Baden-Württemberg werden neben Bad Cannstatt die Filialen in Mannheim, Göppingen, Leonberg und Singen dicht gemacht. Betroffen davon sind insgesamt rund 300 Beschäftigte, 38 davon aus Bad Cannstatt.

Schwarzer Tag für die Betroffenen

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.dizeigt sich am Freitag entsetzt. „Für die Betroffenen und ihre Familien ist heute ein ganz schwarzer Tag“, sagte Martin Gross, Landesbezirksleiter Baden-Württemberg. „Die Corona-Krise ist zwar Anlass für die jetzigen Schließungen, die Leitungen der Unternehmen haben jedoch in den vergangenen Jahren Fehlentscheidungen getroffen, für die nun die Beschäftigten den Kopf hinhalten müssen. Neben der Betroffenheit löst das Wut aus.“

Bestürzung in Bad Cannstatt

Die Nachricht löste große Bestürzung in Bad Cannstatt aus, denn der Kaufhof ist seit mehr als vier Jahrzehnten ein Stadtbein für den lokalen Einzelhandel. „Sehr bedauerlich“, so Dirk Strohm, Sprecher des Vereins „Die Altstadt Bad Cannstatt“. Kaufhof sei über Jahrzehnte hinweg eine wichtige Anlaufstelle für die Altstadt-Kundschaft und Frequenzbringer für die Marktstraße gewesen. „Ich hatte bis zum Schluss gehofft, dass dieser Kelch an uns vorbei geht“, so Strohm. Er selbst habe nur Wünsche, aber keine konkrete Vorstellung, was mit den künftig leeren Flächen geschehen soll. Auch Achim Barth, Vorsitzender des Gewerbe- und Handelsvereins (GHV) zeigte sich betroffen, will allerdings die Zukunft der Marktstraße nicht gleich als „zappenduster“ bewerten. „Ob beim Parkraummanagement oder autofreien Marktplatz, schon oft wurde vom Untergang des Einzelhandels gesprochen“, so der GHV-Chef. Man müsse jetzt lernen, auch mit dieser veränderten Situation umzugehen. Nicht ganz überrascht kam dagegen die Botschaft für Bezirksvorsteher Bernd-Marcel Löffler: „Die Spatzen pfiffen es schon länger von den Dächern.“ Was aber die Situation für die Altstadt sicher nicht besser machen würde. Doch im Rahmen der Generalsanierung des Konzerns habe man mit dieser Entscheidung fast rechnen müssen.

Seit vier Jahrzehnten tragende Säule

Seit vier Jahrzehnten ist der Kaufhof eine tragende Säule der lokalen Geschäftswelt. Auch der Einzelhandelweiß heute die Wichtigkeit des Namens des Unternehmens am Wilhelmsplatz zu schätzen. Doch das war nicht immer so. Als Kaufhof Anfang der 70er-Jahre seine Baupläne publik machte, hagelte es Kritik. Vor allem das Stellplatzkonzept, geplant waren Parkplätze auf dem Dach, wurde abgelehnt. Damals gründete sich sogar eine Bürgerinitiative. Doch letztendlich gab’s grünes Licht vom Gemeinderat für das Vorhaben – allerdings ohne Parkdeck. Nach 15 Monaten Bauzeit war das Gebäude für 18 Millionen Mark fertig.

Doch bevor am 11. November 1976 die ersten Kunden unter mehr als 70 000 Artikeln, die auf rund 6500 Quadratmetern Verkaufsfläche verteilt waren, stöbern durften, gab‘s einen „Probelauf“. Die 320 Mitarbeiter der damals 84. Kaufhof-Filiale übten vier Tage vor Eröffnung beim „Probekaufen“ den Ernstfall, denn keiner der Verantwortlichen konnte einschätzen, wie groß der Ansturm am 11. November werden würde. Und der wurde zu einem „Orkan“. Nachdem der damalige Geschäftsführer Peter Jülke punkt 8 Uhr die Türen geöffnet hatte, wurden in den folgenden Stunden rund 50 000 Besucher gezählt. Die Geburtsstunde einer Erfolgsgeschichte in der Marktstraße, die jetzt durch die geplante Schließung ein Ende findet – leider.

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