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In vielen Bereichen ist das öffentliche Leben lahmgelegt, auch die Altstadt Bad Cannstatt sowie das Bahnhofsviertel wirken wie leer gefegt.

Bad Cannstatt - Wie sich die Bilder der Innenstädte, Fußgängerzonen und Einkaufsstraßen in diesen Tagen doch gleichen: Zusammengeklappte Sonnenschirme, vor sämtlichen Cafés ist aufgestuhlt, die meisten Geschäfte sind geschlossen und es herrscht teilweise nicht nur gähnende Leere, sondern eine fast schon beängstigende Ruhe. Nur wenige Menschen sind momentan natürlich auch in der Cannstatter Altstadt unterwegs, einige mit Mundschutz, andere mit einem hochgezogenen Schal. Zumeist sind sie auf dem Weg zum Wochenmarkt, denn der hat offen und informiert – wie Apotheken, Drogeriemärkte, Bäcker und Metzger – über die wichtigste Verhaltensregel während des Einkaufs: Abstand halten, eine Schutzmaßnahme gegen Ansteckung, welche von den Wochenmarktbesuchern beherzigt wird.

Unter den Kunden befindet sich heute auch Bernd-Marcel Löffler, der natürlich in den schweren Coronazeiten nicht nur „Stallwache“ in seinem Büro hält. „Der Verwaltungsbetrieb muss ja irgendwie weitergehen“, sagt der Bezirksvorsteher. Allerdings unter anderen Prämissen. Wichtige und unaufschiebbare Termine im Alten Rathaus oder im Verwaltungsgebäude gibt es nur noch nach telefonischer Absprache. Doch in beiden Amtsgebäuden sei nicht nur der Publikumsverkehr auf ein Minimum reduziert. „Wir schauen, dass so wenig Personal wie möglich gleichzeitig arbeitet.“ Generell nimmt der so oft zitierte deutsche „Amtsschimmel“ in vielen Bereichen eine Auszeit. „Das gilt beispielsweise für die Sozialhilfe“, erklärt Löffler. Die müsse zur Zeit „nicht bürokratisch“ jeden Monat neu beantragt werden. Die Arbeit des Standesamts wird in den kommenden Tagen wohl „gegen Null gehen“, bekanntermaßen hat die Landeshauptstadt Anfang der Woche verfügt, dass Trauungen ab sofort nur noch mit dem Paar und ohne weitere Gäste durchgeführt werden dürfen. Hochzeit sieht irgendwie anders aus.

Herrscht in der Altstadt – vor allem an den Wochenmarkttagen – noch so etwas wie Betriebsamkeit, so wirkt das Szenario in der Bahnhofstraße „wie leer gefegt“. Auch vor und im Bahnhofsgebäude ist so gut wie gar nichts los, die Pommesbude hat geschlossen und ein paar Obdachlose halten sich an ihrem Stammplatz auf. Vereinzelt geht ein S-Bahnfahrer in Richtung Wilhelmsplatz. Keine Frage: Das öffentliche Leben ist auf ein absolutes Minimum reduziert, in einigen Ecken der Altstadt sogar fast zum Erliegen gekommen.

Die Coronavirus-Pandemie trifft natürlich auch die Cannstatter Geschäftswelt bis ins Mark. „Die Folgen sind gravierend und in ihrer Dimension noch gar nicht absehbar“, sagt Dirk Strohm, Sprecher des Vereins Die Altstadt Bad Cannstatt. Für viele stehe die Existenz auf dem Spiel. Rechnungen für die Ware, die jetzt nicht verkauft werden kann, müssen genauso bezahlt werden, wie das Personal“, so Strohm. Immerhin verfüge er – wie manche anderen Einzelhandelskollegen in der Altstadt – über ein Online-Auftritt und die Möglichkeit, auf diesem Weg Waren zu verkaufen. Das Problem: Die Internetseite „Die Altstadt Bad Cannstatt e. V.“ wird aktuell überarbeitet. „Kunden erreichen uns weiterhin per E-Mail unter info@die-altstadt-bad-cannstatt.de“, so Strohm. In diesem Zusammenhang könnte eine gute Idee aus dem Stuttgarter Westen Abhilfe schaffen.

Dessen Bezirksvorsteher Bernhard Mellert will eine Liste mit Geschäften und Läden in seinem Innenstadtbezirk erstellen, die ihre Produkte auch direkt an die Kunden liefern oder so herrichten, dass sie einfach abgeholt werden können. In den nächsten Tagen soll die Liste dann veröffentlicht werden. Nach Aussagen von Andrea Teicke von der Partei Die Stadtisten werde dieselbe Aktion auch im Stuttgarter Süden durchgeführt. Auch Bernd-Marcel Löffler könnte sich solche eine Liste für Stuttgarts größten Stadtbezirk vorstellen. „Eine gute Idee, ich werde Kontakt mit meinem Kollegen aufnehmen.“ Auch Dirk Strohm hält dies für einen guten Ansatz, das „Geschäftsleben“ etwas in Schwung zu halten. Generell kann er an die Bürger nur appellieren, ihren Online-Einkauf nicht nur bei den großen der Branche zu tätigen. „Wer jetzt beim lokalen Einzelhändler bestellt, zeigt wahre Solidarität.“

Nur wenige Kilometer entfernt in Untertürkheim zeigt sich das gleiche Szenario. Die Corona-Epidemie gefährdet nach Angaben von Uta Smolik die Einzelhandelsstruktur von Untertürkheim ebenfalls extrem. Die stellvertretende Vorsitzende und Sprecherin des Einzelhandels spürt es am im eigenen Unternehmen. Die Optikermeisterin hat die Öffnungszeiten ihres Brillenfachgeschäfts stark reduziert. „Durch die Regelung zur Eindämmung des Corona-Virus sind kaum mehr Kunden auf der Straße“, berichtet Smolik vom Geschehen auf der Widdersteinstraße und auf dem Storchenmarkt. Selbstverständlich sei sie aber per E-Mail und Anrufbeantworter erreichbar und würde in Notfällen auch zum Kunden kommen. Ansonsten würde sie die Kunden einzeln bestellen und nach jeder Beratung alle Geräte und Brillen gründlich desinfizieren. Vielen Kolleginnen und Kolleginnen ginge es ähnlich. Josephine Buller musste ihr Fachgeschäft schließen. Die Goldschmiedin und Schmuckdesignerin hätte noch einige Aufträge in der Werkstatt, die sie nun anfertigen könne. „Aber danach?“, fragt Smolik. Bullers Nachbarn, die Buchhandlung Roth, hofft darauf, dass treue Kunden online Bücher bei ihnen bestellen. Friseur-, Schönheitssalons und andere Dienstleister hätten dagegen komplett geschlossen. Einige Gastronomen versuchen zudem, über „Lieferdienste an die Haustür“ wenigstens einen kleinen Teil des normalen Umsatzes zu erzielen. Toll sei auch der Obstautomat der Familie Warth, so Smolik. „Aber dies sind nur kleine Tropfen in die leeren Kassen.“ Insofern sieht sie den von der Bundesregierung beschlossenen Zuschuss als einen weiteren Lichtblick. „Ein Polster von etwa zwei Monatsmieten“, so Uta Smolik, die sich unabhängig von der wirtschaftlichen Situation auch medizinisch im Stich gelassen fühlt. „Wir bekommen keinen Mund- oder anderen Schutz, obwohl wir bei der Anpassung der Brillen und auch sonst nah an den Menschen dran sind“, sagt sie.

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