Ein paar Bücher und eine Fensterscheibe dienen als Stativ fürs Smartphone, mit dem Pfarrer Andreas Krause die Gottesdienste aufzeichnet. Anschließend lädt er sie über Nacht ins Internet hoch. Foto: Sebastian Steegmüller

Die beiden Pfarrer Andreas Krause und Florian Link drehen am Dienstag gemeinsam ein Video.

Bad Cannstatt - Auf einem Tisch am Eingang der Liebfrauenkirche liegt ein kleines Stück Schokolade, daneben ein Blatt Papier. Ein Din-A5-Ausdruck, auf dem das Gebet „Der Engel des Herrn“ zu lesen ist. Bemerkenswert ist auch die kurze Nachricht, die ein Unbekannter per Hand an den Rand geschrieben hat: „Danke, dass ihr die Kirche offen lasst.“

Pfarrer Andreas Krause, der die katholische Gesamtkirchengemeinde Stuttgart-Neckar mit den Gemeinden Liebfrauen, St. Martin und St. Peter betreut, freut sich über diese Rückmeldung. „Es ist schön, dass wir sie nicht schließen müssen. Gerade ältere Menschen würden in der schweren Zeit den Weg in die Gotteshäuser suchen“, sagt er mit Blick auf die Corona-Krise. „Sie kommen zum Beten, um eine Kerze anzuzünden oder auch einfach nur um ein paar Minuten innezuhalten.“

Alle Kirchen läuten gleichzeitig

Wichtig sei es, dass die Menschen zusammenhalten, sich helfen, merken, dass sie nicht alleine sind, so der Geistliche. Dementsprechend habe man am Schriftenstand einen Aushang angebracht. Personen, die Hilfe suchen oder anbieten, können sich dort eintragen. Als Solidaritätsbekundung hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart zudem empfohlen, alle Kirchenglocken gleichzeitig, immer um 19.30 Uhr, läuten zu lassen. „Dieser Idee haben wir uns in der Gesamtkirchengemeinde angeschlossen.“

Nicht mehr stattfinden können jedoch Gottesdienste. Sie fielen dem Veranstaltungsverbot, das zur Eindämmung der Pandemie bundesweit gilt, zum Opfer. Für Andreas Krause eine nachvollziehbare Entscheidung. Das Virus ist für ihn jedoch kein Grund gewesen, die Füße hochzulegen. Im Gegenteil. „Mir war klar, dass ich meiner Gemeinde eine Alternative anbieten muss. Eine Online-Andacht.“

In Facebook einarbeiten

YouTube sei für ihn absolutes Neuland gewesen, auch das soziale Netzwerk Facebook habe er nur sehr selten genutzt. „Als ich das Video vom ersten Gottesdienst auf unsere Internetseite stellen wollte, habe ich jedoch schnell gemerkt, dass ich mich in beide Plattformen einarbeiten muss.“ Gesagt, getan.

In der Sakristei, in der normalerweise die Kinderkirche stattfindet, hat er sich ein kleines TV-Studio eingerichtet. Als Videokamera dient das Smartphone, das in der Hauskapelle auf gestapelten Büchern an der Fensterscheibe lehnt. „Ich wollte nicht in der großen Liebfrauenkirche ohne Menschen feiern, deshalb habe ich den kleinen Gottesdienstraum eingerichtet.“ Weil ein Pfarrer während einer Eucharistiefeier immer auch im Dialog mit den Kirchgängern steht, wird er unter anderem von einem seiner Brüder und dessen Tochter unterstützt.

Bis zu 45-minütige Videos

Aufgezeichnet wird bislang immer samstags um 18 Uhr, anschließend werden die 25- bis 45-minütigen Videos ungeschnitten über Nacht ins Internet hochgeladen, damit sie sonntags zur gewohnten Gottesdienstzeit zur Verfügung stehen. „Eine Liveübertragung war mir technisch zu aufwendig“, sagt Krause, der zudem in den Videos auf Elemente, wie die Kommunionausteilung, verzichtet. „Sie wird nach dem Dreh durchgeführt, weil sie einfach zu lange dauert.“

Mittlerweile stehen vier Gottesdienste online. Die Resonanz darauf sei durchweg positiv – und auch überraschend, so der 49-Jährige. „Selbst in Ecuador haben wir Zuschauer.“ Auch Verwandte aus den Vereinigten Staaten hätten ihm geschrieben, dass sie seine Gottesdienste verfolgen. Aber auch Gemeindemitglieder haben sich bei ihm gemeldet. „Unter anderem haben Kinder ihren Eltern YouTube auf dem Fernseher eingerichtet“. Sie seien froh, ihren Pfarrer zu sehen und mit ihm weiter Gottesdienst feiern zu können. „Wenn auch in anderer Umgebung als sonst.“

Ökumenische Osterandacht

Am kommenden Dienstag steht für Krause ein besonderer Dreh auf dem Programm. Denn dann trifft er sich mit Pfarrer Florian Link in der Stadtkirche, um eine ökumenische Osterandacht aufzunehmen, die ab den Feiertagen dann im Internet zu sehen ist. Auch in evangelischen Nachbargemeinden werden schon fleißig Videos produziert. „Wir stellen nach und nach Andachten auf unsere Homepage“, sagt Link. „Drei sind schon erschienen, die Vierte folgt zum Wochenende.“

Andreas Krause und Florian Link ist klar, dass ihre Aufzeichnungen nicht so perfekt sind, wie ein TV-Gottesdienst. „Aber in den Videos haben die Leute einen persönlichen Bezug zu ihrem Pfarrer“, so die beiden unisono. Dementsprechend würde die Aktion auf jeden Fall solange fortgesetzt werden, bis man wieder Veranstaltungen durchführen dürfe. „Es ist denkbar, dass wir auch im Anschluss Gottesdienste ins Internet stellen. Eventuell zu besonderen Ereignissen, schließlich wird es auch nach der Corona-Krise Menschen geben, die aufgrund einer Krankheit nicht in die Kirche kommen können“, so Krause.

Die Links zu den Online-Gottesdiensten finden sich unter https://liebfrauen-badcannstatt.drs.de/gottesdienste.html und unter www.stadtkirche-bad-cannstatt.de.