Grigor Asmaryan am Flügel und Oboist Philipp Tondre. Foto: Marin Smesnoi (z)

Erfolgreiches Konzert bei Cultur in Cannstatt im Kleinen Kursaal mit virtuosem Klavier- und Oboenspiel.

Bad Cannstatt - Konzerte zu Corona-Zeiten haben ihre eigenen Gesetze, gekennzeichnet durch Namensregistrierung, sinnvolle Hygienemaßnahmen und Abstandseinhaltung zur Eindämmung der Pandemie. Elementare Ausdrucksformen der Musik, wie Chor- oder Chorsinfonische Werke, Singen im Gottesdienst, Blasen im Musikverein sind derzeit nicht nur als Konzerte, sondern auch als Proben, sogar als Teil des Musikunterrichts an Schulen, verboten. Bei kammermusikalischen Aufführungen in größeren Räumen ist die Infektionsgefahr geringer und bei Einhaltung entsprechender Regeln seit 1. Juni wieder möglich. Wie die Menschen nach Normalität lechzen, was ausführende Künstler und Zuhörer in der Vergangenheit als Normalfall erlebt haben, konnte man nach monatelanger Zwangspause in den zwei Konzerten bei Cultur in Cannstatt im Kleinen Kursaal erleben, zuletzt am Sonntag.

Schon nach den ersten Tönen von Robert Schumanns Drei Romanzen op. 70 war deutlich zu spüren, wie der auswendig spielende Oboist Philipp Tondre mit dem Pianisten Grigor Asmaryan zu einer klanglichen Einheit verschmolz. Jeder „Aufschwung“ in Schumanns Melodik wurde gemeinsam beatmet, jedwede agogische Verzögerung oder Beschleunigung, die nicht exakt notierbar ist, übten Spannung und Faszination aus. Camille Saint-Saëns Sonate D-Dur op. 166 für Oboe und Klavier wirkte dagegen, obwohl 72 Jahre später komponiert, eher etwas altväterlich und konstruiert. Einen klanglichen Höhepunkt bildeten Robert Schumanns Fantasiestücke a-Moll op. 73, ursprünglich für Klarinette (Violine oder Violoncello) und Klavier konzipiert, hier in der Bearbeitung für Oboe d’amore (auch ein in A stehendes Instrument). Schumanns Satz-Angaben Zart und mit Ausdruck, Lebhaft, leicht sowie Rasch, mit Feuer wurden von beiden Interpreten blindlings, ideal eingelöst. Eine wirklich sehr gelungene Alternative zur gängigen Interpretation auf Klarinette oder Violoncello.

In Francis Poulencs Sonate für Oboe und Klavier, 1962 dem Andenken Sergej Prokovjew gewidmet, wurden alle Register an Geläufigkeit, Dynamik, verschmitztem Walzer und akkuratem Zusammenspiel gezogen und mit höchstem Können gemeistert. Dagegen wirkte das Morceau de Salon G-Dur op. 228 des an der fürstlichen Residenz zu Donaueschingen wirkenden Böhmen Johann Wenzel Kalliwoda als elegantes, wirkungsvolles Bravourstück, das dem Oboisten ungemein hohe Meisterschaft abfordert. Langanhaltender, verdienter Beifall für diese kammermusikalische Sternstunde erzwang eine eher lyrische Dreingabe von Tschaikowsky.

Hörbare Beweise für die außerordentliche Qualität des Oboisten Philippe Tondre, der eine Marigaux-Oboe spielt, der „Mercedes“ unter den Oboen, und seines Begleiters Grigor Asmaryan sei mit zwei Aussagen belegt: In jedem Instrumentationslehrbuch ist zu lesen, dass das tiefe Register der Oboe einen „etwas groben, durchdringenden Klang entfaltet, kein pianissimo möglich“ sei. Tondre hat die Zuschauer mit seinem dynamischen Zurückgehen auch in tiefen Lagen und geradezu lieblichen Tönen vom Gegenteil überzeugt. Welche Farben und Spannungen Asmaryan aus dem nicht mehrt taufrischen Flügel im Kleinen Kursaal zauberte, immer seine eher dienende Rolle als echter Begleiter einnehmend. Asmaryan ist nicht von ungefähr ein gefragter Liedbegleiter, beweist einmal mehr, mit welcher Kompetenz der Pianist den Flügel bezwingt.

Die Reihe der Sonntagskonzerte von Cultur in Cannstatt entwickeln sich – im 32. Jahr seit ihrer Gründung, zum Hotspot auserlesenster Kammermusik-Interpretationen. Das liegt auch an der Kompetenz des künstlerischen Leiters Marin Smesnoi, der als Solocellist des SWR-Rundfunk-Sinfonieorchesters weltweite Beziehungen zu außerordentlichen Musikern, zu internationalen Preisträgern, jungen Talenten, den „Großen von Morgen“ hat, Kooperationen etwa mit der Internationalen Musikakademie Liechtenstein und der Kronberg-Akademie initiierte. Insofern werden langjährige, bewährte Verbindungen zur Internationalen Hugo-Wolf-Akademie oder zum Treffpunkt Polen sinnvoll ergänzt, denen die Förderung junger Preisträger ein besonderes Anliegen war.

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