Nachdem 2014 das Alte Rathaus mit Schriftzügen verunstaltet wurde und für viel Geld gereinigt werden musste, war lange Ruhe – bis vor wenigen Wochen. Foto:  

Illegal angebrachte Graffiti sind für Hauseigentümer aber auch Passanten ein Ärgernis. Die Polizei rät, jeden Fall anzuzeigen.

Bad Cannstatt - Immer wieder sorgt illegales Graffiti für Ärger, Frust und hohe Sachschäden. Die Deutsche Bahn, deren Gebäude, Bauwerke und vor allem Züge oftmals Opfer der Graffiti-Szene sind, bezifferte 2018 die Schäden auf rund 38 Millionen Euro, die durch mehr als 20 000 Fälle entstanden sind. Die Kosten der Beseitigung belief sich auf etwa 13 Millionen Euro. Angesichts von solchen Summen kann man nicht mehr von Kavaliersdelikten oder jugendlichem Leichtsinn sprechen, vor allem wenn es sich um rassistische, fremdenfeindliche oder politisch extremistische Sprüche und Zeichen handelt.

Auch in Bad Cannstatt sorgt illegales Graffiti immer wieder für großen Ärger bei Hausbesitzern in der Altstadt; oder beim Bezirksvorsteher. Denn Bernd-Marcel Löffler blieb vor einigen Wochen die Spucke weg, als er die Hauswand seines Alten Rathauses zur Marktstraße hin mit einem Schriftzug verunstaltet sah. Nicht zum ersten Mal: Bereits kurz nach der Wiedereröffnung wurde das frisch sanierte Gebäude Anfang 2014 mit etlichen Schriftzügen verunstaltet. Insgesamt wurden damals rund 30 weitere Gebäude besprüht und mussten – wie das Alte Rathaus – für viel Geld gereinigt werden.

Auch sechs Jahre später war nicht nur das unter Denkmalschutz stehende Gebäude Opfer von Graffiti. Zahlreiche Gebäude in der näheren Umgebung wurden ebenfalls Opfer von einem oder mehreren Tätern. Natürlich wurde der „Farbanschlag“ auf das städtische Gebäude gemeldet und zur Anzeige gebracht. Doch die Suche nach dem Verursacher verlief bisher ohne Erfolg – ganz im Gegensatz zum 9. April. Damals hatte ein Bahnmitarbeiter auf dem Abstellbahnhof beobachtet, wie zwei junge Männer einen Intercity-Zug besprühten. Er alarmierte die Polizei, die das Duo, einen 18- und einen 24-Jährigen, kurz darauf festnehmen konnte. „In diesem Fall hatten wir Glück und die Sprayer wurde auf frischer Tat – mehr oder weniger – ertappt“, sagt Polizeisprecher Jens Lauer. Ein Umstand, der nur ganz selten der Fall sei.

Ebenfalls Glück hatte die Polizei vor einigen Wochen, als sich im Ortszentrum tagelang ein selbst ernannter Graffiti-Künstler austobte und mehrfach den gleichen Schriftzug an die Fassaden gekritzelt hatte. Nur kurz nach der Tat wurde der 23-Jährige gefasst. Seine Aktion kommt ihn nun teuer zu stehen: „Er wird wegen Sachbeschädigung angezeigt und muss mit Schadensersatzforderungen rechnen“, so Lauer. Die Summe könnte sich auf mehrere tausend Euro belaufen. Ob ihm das vorher schon bewusst war? „Nur die wenigsten Sprayer sind sich offenbar über die rechtlichen und finanziellen Konsequenzen ihres verbotenen Hobbys im Klaren“, so der Polizeisprecher. „Viele wissen gar nicht, dass es eine Straftat ist. Wer als Täter ermittelt wird, kann bis zu 30 Jahre lang für diese Tat finanziell haftbar gemacht werden.“ Übrigens: Sobald die Sprüche und Zeichen rassistisch, fremdenfeindlich oder politisch extremistisch seien, ermittelt nicht mehr nur die Polizei, sondern der Staatsschutz.

Illegale Graffiti verursachen einen enormen Schaden. Auf rund 200 Millionen Euro summieren sich alljährlich die derart verursachten Kosten, so das Ergebnis einer Studie des Deutschen Städtetags. Allerdings sind die Zahlen der polizeilich erfassten Fälle von Sachbeschädigungen durch Graffiti in Deutschland rückläufig. Waren es bundesweit 2011 noch 115 623, so ist die Zahl mittlerweile bei 96 244 (2019). Im Jahr 2016 wurden in Stuttgart 1464 Taten angezeigt, 2017 waren es 1588 Taten, 2018 noch 1558. „Im vergangenen Jahr gab es dagegen nur 1151 Anzeigen“, so der Polizeisprecher.

Sind etwa weniger illegale Sprayer als noch vor einigen Jahren unterwegs? Die Stuttgarter Polizei hat hier so ihre Zweifel. „Ich habe eher eine andere Vermutung“, interpretiert Jens Lauer die rückläufigen Zahlen in Stuttgart. Die Dunkelziffer wird nach wie vor hoch sein, da nicht jeder Hausbesitzer Anzeige erstattet. Was für Lauer allerdings falsch sei. „Wir raten jedem, der aktuell von illegalen Graffiti betroffen ist, dies bei der Polizei auch anzuzeigen.“

Das raten auch die Verantwortlichen des Fördervereins Sicheres und Sauberes Stuttgart. „Wir empfehlen dringend, illegale Graffiti so schnell wie möglich zu entfernen. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass illegale Graffiti rasch weitere nach sich ziehen.“ So heißt es in einer entsprechenden Broschüre (siehe Hintergrund). Und diese wilden Schmierereien würden dazu beitragen, dass sich ein Teil der Bevölkerung im öffentlichen Raum unwohl und unsicher fühle.

In Bad Cannstatt waren Graffiti regelmäßig auch im Oberen und Unteren Kurpark zu sehen. Selbst vor der Wandelhalle und dem Daimlerturm wurde nicht Halt gemacht. Dort hat sie die Stadt mittlerweile entfernen lassen. An der Rilling-Mauer sind sie dagegen genauso noch zu sehen, wie im Travertinpark auf dem Hallschlag – sehr zum Ärger der Stadt, die sie dort schon mehrmals hat entfernen lassen.

Bei allem Ärger, Graffiti gehören sie zu jeder Stadt. Groß, klein, bunt, hässlich oder schön – man sieht sie überall und sie sind – vor allem wenn sie legal angebracht worden sind – oftmals richtige Kunstwerke. Auf diese Weise wurde schon aus vielen tristen Betonmauern eine attraktive, kunstvoll besprühte Wand an Haltestellen. Und für den Martin-Meyer-Steg im Bereich des Wilhelmsplatzes gab es unlängst den Vorschlag aus den Reihen des Bezirksbeirats, ihn doch von Graffiti-Künstlern verschönern zu lassen. Ein weiteres positives Graffiti-Beispiel: Die Kaufhof-Passage. Nicht nur, dass die dunkle Passage jetzt heller und freundlicher wirkt. Sie wird seitdem so gut wie nicht mehr als „WC“ missbraucht.

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