Von Tina Turner im Boxauto bis zu den ersten Trachten: Das Cannstatter Volksfest erzählt seit über 200 Jahren Geschichten und spiegelt den Zeitgeist. Erinnerungen an früher.
Im Herbst 1976 spazierte eine weltberühmte Sängerin unerkannt über den Cannstatter Wasen. Tina Turner, die „Queen of Rock“, lebte damals für ein paar Wochen im Stuttgarter Dachswald, auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann Ike. Unterkunft fand sie beim Architekten Jochen Baeuerle und seiner Familie, mit der sie auch das Volksfest besuchte. Der Sohn durfte mit der Kopftuch tragenden Ikone im Autoscooter Runden drehen – ein Bild, das zeigt: Das Volksfest ist für alle da, ob Weltstar oder Cannstatter Nachbarskind.
Cannstatter Volksfest: Ein Fest aus der Not geboren
So bunt und ausgelassen das Fest heute ist, sein Ursprung war düster. 1816 veränderte ein Vulkanausbruch im fernen Indonesien das Klima in Europa: Regen, Kälte, Missernten, Hunger. König Wilhelm I. von Württemberg reagierte mit Reformen – und schenkte seinem Volk ein Fest. Am 28. September 1818, einen Tag nach seinem 36. Geburtstag, sollen 30.000 Menschen gekommen sein, weit mehr, als Stuttgart und Cannstatt damals Einwohner hatten. Gefeiert wurde in den feuchten Auen beim damals nicht aufgestauten Neckar, wo bisher die Rammler ungestört waren. „Aufm Wasa graset Hasa“ singt man noch heute.
Der Hase ist nicht das einzige Fruchtbarkeitssymbol auf dem Wasen. Seit Anbeginn ist die Fruchtsäule das Wahrzeichen für das „größte Fest der Schwaben“. Schon 1818 ragte eine Säule mit Getreide und Gemüse hoch empor und erinnert bis heute an den landwirtschaftlichen Ursprung des Festes. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Fruchtsäule einige Jahre nicht aufgestellt – mit der königsblauen Farben galt sie als „monarchistisches Überbleibsel“. Die heutige Fruchtsäule entstand 1972 und ist in Durchmesser, Höhe und Farbe dem historischen Modell nachempfunden.
Das Cannstatter Volksfest auf Postkarten in die Welt geschickt
Was heute Selfies auf Instagram und Whatsapp-Nachrichten sind, waren einst Postkarten. Anfangs kunstvoll gezeichnet, später fotografisch. Die Besucherinnen und Besucher wollten ihre Freude teilen – und schickten die Volksfeststimmung ins weite Land hinaus. Manche Motive erzählen allerdings auch von den Schatten der Zeit: Eine Karte von 1916 pries „10.000 Portionen Sauerkraut“ und zeigte schwarze Menschen als exotische „Kameruner“. Solche Darbietungen, damals Teil des Programms, wären heute zu Recht undenkbar.
Volksfest-Rekorde im Krugstemmen und Boxautos für Halbstarke
Das Cannstatter Volksfest war nie nur Zecherei, sondern immer auch Rummel und sportliche Herausforderung. Kellnerinnen stemmen bis heute bis zu zehn Maßkrüge auf einmal – mehr als 20 Kilogramm. Der Rekord liegt sogar bei 14 Krügen. In den 1950er Jahren traf man sich am Autoscooter: die Älteren an der Fruchtsäule, die Jungen – die sogenannten Halbstarken – bei den Boxautos. Erst in den 1980ern wurde es schicker: Festwirt Hans-Peter Grandl, der in München gearbeitet hatte, brachte Dirndl und Lederhose mit. Mit der Verlegerin Karin Endress trug der heutige Rentner maßgeblich dazu bei, dass die Tracht den Wasen von Jahr zu Jahr immer stärker erobert hat.
Dass die Schwaben bayerische Traditionen übernehmen, mag Grandl nicht hören. „Längst sind Trachten internationalisiert“, sagt er. Und es gibt auch die württembergische Tracht. Noch in den 1980er Jahren seien Leute in ihren ältesten Kleidern gekommen – heute dagegen machten sie sich schön fürs Fest. Dies habe ein „besseres Niveau“ gebracht und stifte ein Gemeinschaftsgefühl, sagt Grandl.
Treue und Wandel – Einige Dinge auf dem Cannstatter Volksfest haben Bestand
Vom Jahr ohne Sommer bis zum Selfie-Zeitalter, von Tina Turner bis zu den Halbstarken – der Wasen spiegelt stets seine Zeit. Und doch bleiben manche Dinge unverändert: die Fruchtsäule als Wahrzeichen, Zuckerwatte für die süße Nostalgie, das Riesenrad für den Blick über das Neckartal.
An diesem Freitag beginnt das 176. Cannstatter Volksfest. Wer auf einem Volksfest-Karussell seine Runden dreht, der dreht in seine Kindheit zurück. So ist ein Wasenbummel bis heute immer auch eine nostalgische Reise.