Von Juli 1995 bis März 2002 war Pauls Boutique im ehemaligen Kartenhäusle des Kleinen Schlossplatzes ein Zentrum des Stuttgarter Nachtlebens. Foto: Kraufmann/Susanne Kern

In den Clubs geht drinnen noch lange nix. Ein Gast pro zehn Quadratmetern, wie bei niedriger Inzidenz erlaubt, findet wenig Fans. Daher sollen DJs draußen auf dem Kleinen Schlossplatz loslegen – die Idee des Club Kollektivs weckt tolle Party-Erinnerungen an Pauls Boutique.

Stuttgart - Winni Klenk, Chef der Boutique Abseits auf dem Kleinen Schlossplatz, drückt fest die Daumen, dass es mit den DJ-Abenden draußen vor seinem Laden klappt. „Je mehr in Stuttgart stattfindet, desto besser“, sagt er. Der Modemann hätte es auch so formulieren können: Je mehr die Stadt was jungen Leuten bietet, desto weniger kommen diese auf dumme Gedanken. Donnerstags bis samstags, so lautet der Plan des Club-Kollektivs, soll die Freifläche hinter dem Kunstmuseum von 16 bis 22 Uhr zum Open-Air-Club werden – also an einem Ort, der als Partytreff Stadtgeschichte geschrieben hat. Klenk erinnert sich gern daran zurück, was vor über 20 Jahren hier abging.

Geschäftsführer von Wittwer/Thalia unterstützt die Initiative

Ein weiterer Nachbar unterstützt das Vorhaben der Stuttgarter Clubbetreiber, die sich abwechseln wollen auf diesem ganz besonderen Platz. Rainer Bartle, Geschäftsführer des Buchhauses Witter/Thalia „begrüßt die Initiative des Clubs Kollektiv sehr“, wie er sagt, „da sie zu einer Belebung der Örtlichkeit und zu einem hoffentlich friedlichen Beisammensein von Clubgängern führt.“ Allerdings hält er die Uhrzeit für schlecht gewählt: „19 bis 24 Uhr wäre besser!“

Noch hat die Stadt kein grünes Licht für DJ-Abende im Freien gegeben. Man wartet noch auf ein Lärmgutachten. Was für den Plan spricht: In der Nachbarschaft sind keine Wohnungen, fast nur Geschäfte und Gastro.

Kartenhäusle hat 1998 für immer geschlossen

Der Kleine Schlossplatz ist ein Ort der Emotionen. Max Herre hat ein Liebeslied über ihn geschrieben. „Es ist schön, dich zu sehen, Love, hab dich vermisst“, heißt es in „1ste Liebe“. Zwölf war der 1973 geborene Rapper, als er über den Kleinen Schlossplatz auf Rollerskates gebrettert ist und viele Freunde hier kennen gelernt hat. Über die 1980er singt Herre also.

Auf der Betonburg, die 1968 über dem Verkehrsknoten und Planie-Durchbruch eröffnet worden ist, befand sich das legendäre Kartenhäusle. Überwiegend Frauen suchten darin aus Kartenkästen und Schachteln das gewünschte Ticket heraus. In jener Zeit, als sich Konzertbesucher noch nichts über Netz eindeckten, war dies so üblich. 1998 ist die analoge Vorverkaufsstelle für immer geschlossen worden, worauf ein neues, bis heute unvergessenes Party-Kapitel begonnen hat.

In der ersten Nacht war nach zwei Stunden Schluss

Pauls Boutique machte aus dem ehemaligen Kartenhäusle ein Zentrum des Stuttgarter Nachtlebens – und auch aus dem gesamten Platz drumherum. Angefangen hat alles damit, dass der spätere Wirt Klaus Morlock, heute ist er CEO einer Investment-AG in Zürich, mit einem Freund durch die Stadt lief auf der Suche nach einer Location. Auf dem Kleinen Schlossplatz legten sie eine Pause ein, auf der Treppe beim Il Mulino. Gegenüber war gerade das Kartenhäusle ausgezogen. Seine Frau Renate Morlock erinnert sich an die erste Nacht der neuen Location: „Schon nach zwei Stunden mussten wir zumachen, weil wir, so naiv wie wir waren, von den Gästen überrannt wurden und mangels Wechselgeld und kalten Getränken nicht weiter wussten.“

In Pauls Boutique gab’s keinen Chef, der Paul hieß. Den Namen verdankt die Bar einer amerikanischen Hip-Hop-Band. Eine LP von den Beasty Boys hieß Pauls Boutique. Auf der Facebook-Seite unseres Stuttgart-Albums erinnert sich Eszter Vonnák. „Nur auf ein After-Office-Zäpfle hingegangen und am nächsten Morgen noch ziemlich blau den Sonnenaufgang auf der Treppe geguckt. Und dort die ersten Latte im Glas mit Strohhalm getrunken.“ Zdenka Scheinman hat ein Foto von Original-Gläsern aus Pauls Boutique gepostet. „Der Caiphirina hat 14 D-Mark gekostet“, schreibt sie, „da es für mich eine Unsumme von Geld war, hab’ ich die Gläser einfach mitgenommen – die sind heute noch in Gebrauch und stehen jetzt noch in meiner Küche als tolle Erinnerung.“ Die damalige Geschäftsführerin Renate Morlock erwidert: „Hehe! Da waren fünf D-Mark Pfand drauf.“ Alles verjährt!

Das Rezept für den legendären Pauls-Caipi

Pauls Boutique galt als der größte Caipirnha-Ausschank außerhalb von Lateinamerika. Stephanie Daniela schreibt im Internet-Portal des Geschichtsprojekts: „Leider habe ich seitdem nie wieder so gute Caipis gefunden.“ Die Sommernächte auf dem Kleinen Schlossplatz seien „lustig und fröhlich“ gewesen. „Hat jemand zufällig das genaue Rezept von den Caipis damals?“, fragt sie. Die ehemalige Chefin Renate Morlock antwortet: „Limetten waschen. Eine Limette achteln. Großes Ikea-Glas (0,4 Liter) mit den Limettenwürfel füllen. Braunen Zucker anstampfen. Eiskaltes Crashed-Ice bis zum Glasrand auffüllen und 10 cl Nega Fulo dazu. Umrühren! So haben wir das damals gemacht.“

Im Jahr 2002 war Schluss damit. Denn mit dem Abriss des Kleinen Schlossplatzes für das Kunstmuseum war das gastronomische Wunder beendet. Fast 20 Jahre später also soll die nächste Generation an diesem fürwahr historischen Ort friedlich feiern – und wird eines Tages auch so schöne Party-Geschichten erzählen?

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