Die Kandidaten der Bad Cannstatter SPD im Jahr 1975 vor dem Rathaus Foto: Sammlung/Pro Alt-Cannstatt

Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte die fortschreitende Industrialisierung das Gesicht von Bad Cannstatt: Der international bekannte Kurort wandelte sich immer mehr zu einem Industriestandort.

Bad Cannstatt - Die Cannstatter Sozialdemokratie kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte die fortschreitende Industrialisierung das Gesicht der Oberamtsstadt, die sich vom international bekannten Kurort immer mehr zu einem Industriestandort wandelte. Die Firmen brauchten Arbeitskräfte, die durch Zuzug aus dem Umland in die Stadt kamen und für die bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden musste. Die schwierige Lage der Arbeiterschaft führte in Cannstatt, wie in anderen deutschen Städten, zur Gründung zunächst von Arbeiterbildungsvereinen – der Cannstatter entstand 1866.

Mehr und mehr organisierten sich die Arbeiter auch in politischen Vereinen, die Kerngedanken der Sozialdemokratie formten sich. Am 23. Mai 1863 wurde in Leipzig unter dem Vorsitz von Ferdinand Lasalle der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein“ gegründet, dieses Datum ist das erste einer lange Reihe der SPD. Von Anfang an gab es Richtungskämpfe: 1869 entstand – gegen „Lassaleaner“ - in Eisenach die „Sozialdemokratische Arbeiterpartei“ (SDAP), beide Flügel vereinigten sich 1875 in Gotha.

Im „Gasthof zum Lamm“ in der Lammgasse wurde am Sonntag, den 19. Dezember 1869, in einer „Allgemeinen Arbeiterversammlung“ die Gründung eines „sozialdemocratischen Arbeiter-Vereins“ beschlossen, neun Tage später lud der „provisorische Ausschuß“ zur Wahl der „Verwaltungs-Mitglieder“ in die „Krone“. Im März 1870 schlossen sich die Cannstatter der SDAP an, Schuhmacher Kost war der erste Vorsitzende.

Sozialistengesetzt im Oktober 1890

Das 1878 durch den Reichskanzler Bismarck angeregte „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ führte zum reichsweiten Verbot der Partei. Konnte man keine eigene Veranstaltungen mehr durchführen, so agitierte man trotzdem weiter. Cannstatter Sozialdemokraten störten 1880 eine Versammlung der Deutschen Reichspartei mit dem Reichstagsabgeordneten von Varnbühler im Kursaal, bei Beerdigungen von Sozialdemokraten zeigte man deutlich Präsenz, am Gedenktag der Pariser Kommune wurde 1884 eine Rote Fahne am Turm der Stadtmühle befestigt.

Die große Zeit der Cannstatter Sozialdemokratie begann mit dem Ende des „Sozialistengesetzes“ im Oktober 1890.

Bedeutender SPD-Vertreter dieser Epoche war Menrad Glaser, dessen Grabstein auf dem Uffkirchhof nahe der Kirche bis heute erhalten ist. 1893 wurde er Cannstatter Gemeinderat, 1895 konnte er sich bei einer Stichwahl gegen den Vertreter der Deutschen Partei durchsetzen und errang ein Landtagsmandat. Sein früher Tod 1896 wurde allgemein bedauert, im persönlichen Verkehr genoss er „die Achtung seiner politischen Gegner.“

Der Seilerwasen sah Mai- und Turnfeste der hiesigen Arbeitervereine. Der Cannstatter Wasen war am 18. August 1907 Schauplatz der größten Massenversammlung aus Anlass des Internationalen Sozialistenkongresses in Stuttgart. Zehntausende hörten den Rednern aus Frankreich, Italien, Belgien und Polen zu, die zweite der sechs Tribünen stand unter dem Vorsitz von Clara Zetkin, Rosa Luxemburg fungierte dort als Übersetzerin.

Demokratischer Neubeginn nach Kriegsende

Der zeitweilige Reichstagsabgeordnete Wilhelm Blos lebte seit den 1880er Jahren mehrere Jahrzehnte in Cannstatt und hatte regelmäßige Auseinandersetzungen mit Oberbürgermeister Nast. Seine Frau Anna Blos war die erste Ortschulrätin in Deutschland und engagierte Vorkämpferin des Frauenwahlrechts, der Gleichberechtigung der Frau. Während sie 1919 in die Weimarer Nationalversammlung zog, wurde Wilhelm Blos erster Staatspräsident der Republik Württemberg.

Die unterschiedliche Haltung zum Ersten Weltkrieg und anderen Fragen führte zur Abspaltung der USPD und schließlich der KPD, die in Cannstatt aufgewachsene Bertha Schöttle-Thalheimer ging als politische Journalistin diese Schritte mit, war jedoch ab Ende der 1920er Jahre aktives Mitglied der württembergischen KPD-Opposition, die den Stalinismus verurteilte. Die Zeit des Nationalsozialismus bedeutete ein erneutes Verbot, auch Vertreter der Cannstatter Sozialdemokratie wurden verfolgt und wie Franz Engelhardt und Karl Ruggaber ins KZ Heuberg gebracht.

Der demokratische Neubeginn nach Kriegsende 1945 brachte auch die Wiedergründung des Cannstatter Ortsvereins. Unter den Gründungsmitgliedern war Hermann Banhart, von 1949 bis 1956 Bezirksvorsteher in Bad Cannstatt, erster Ortsvereinsvorsitzender wurde Karl Hof, Ministerialrat im Arbeitsministerium. 1946 saß Menrad Glasers Sohn Oskar wieder im Stuttgarter Gemeinderat. Thaddäus Troll schrieb einmal im Rückblick auf seine Kindheit in der Marktstraße über die sozialdemokratischen Familien Glaser und Baitinger: „Das war erschreckend, denn ‚Sozialdemokrat’ war damals für Bürger der Marktstraße geradezu ein Schimpfwort, Sozialdemokrat und Cannstatter, das schloß sich eigentlich aus.“ Viele Cannstatter Sozialdemokratinnen und -demokraten haben in den letzten Jahrzehnten mit ihrem Einsatz das Gegenteil bewiesen.

Jubiläumsfeier am 8. Oktober

Die Stadträtinnen Gertrud Möller und Liselotte Bühler, die ab 1976 für sechzehn Jahre im Landtag aktiv war, sind nur zwei bis heute bekannte Namen. In den 1970er Jahren war der Ortsverein der mitgliederstärkste in ganz Stuttgart. Für die jüngste Vergangenheit haben sich Ingo Maile auf Ortsvereins- und Bezirksbeiratsebene, Marita Gröger als Stadträtin im Stuttgarter Rathaus und Inge Utzt als Landtagsabgeordnete um die traditionsreiche Cannstatter Sozialdemokratie verdient gemacht. Die Covid19-Pandemie verhinderte im Frühjahr des vergangenen Jahres allerdings eine 150 Jahr-Feier, die nun am 8. Oktober im Kleinen Kursaal nachgeholt wird.