Konflikte um Corona-Maßnahmen finden auch in den Klassenzimmern statt. (Symbolbild) Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Konflikte um Corona-Schutzmaßnahmen werden auch an den Schulen ausgetragen. Laut einer neuen Studie weiß fast jeder fünfte Lehrer im Südwesten von verbalen Angriffen auf Pädagogen.

Stuttgart - Gegner der Corona-Politik bedrohen aus Sicht des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) den Schulfrieden. Lehrer müssten sich neben der schwierigen Organisation des Unterrichts und der Corona-Tests auch mit aggressiven Eltern herumschlagen, sagte VBE-Landeschef Gerhard Brand am Dienstag. „Der gesellschaftliche Konflikt um die Corona-Schutzmaßnahmen wird auch an den Schulen ausgehandelt und teilweise gezielt in sie hereingetragen“, sagte er.

„Das Regelungschaos der Politik befeuert diesen Konflikt noch zusätzlich“, fügte er hinzu und forderte das Kultusministerium auf, klare Haltung gegen Übergriffe zu zeigen und Betroffenen juristische und psychologische Hilfe anzubieten.

Sechs Prozent der Lehrer wurden verbal angegriffen

Hintergrund ist eine Befragung des VBE und des Forsa-Instituts. Demnach kennt fast jeder fünfte Lehrer im Südwesten Kollegen, die wegen Corona-Schutzmaßnahmen verbal angegriffen wurden. Laut der Umfrage waren sechs Prozent selbst Opfer solcher Attacken. Nach weiteren Ergebnissen sind 22 Prozent der Befragten Fälle bekannt, in denen Lehrpersonal über das Internet angegriffen wurde; 9 Prozent waren selbst betroffen. Zwei Prozent der Lehrer berichteten von Fällen tätlicher Gewalt gegen Kollegen, weil sie die vorgegebenen Corona-Schutzregeln umsetzen. Unter den 1500 befragten Pädagogen waren 200 aus dem Südwesten.

Die FDP im Landtag verlangte, dass Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) als Dienstherrin ihrer Fürsorgepflicht nachkommen müsse. Der liberale Bildungsexperte Timm Kern mahnte an, das Thema in der Lehreraus- und -fortbildung zu berücksichtigen, Gewaltpräventionsprogramme aufzulegen und die Medienkompetenz an den Schulen zu verstärken.

Ein Sprecher des Ministeriums betonte, wenn Lehrkräfte oder Schulleitungen körperlich oder verbal angegriffen würden, sei das aufs Schärfste zu verurteilen. Das Thema dürfe nicht tabu sein und müsse aufgearbeitet werden. Unterstützung könnten Betroffene unter anderem an den 28 schulpsychologischen Beratungsstellen erhalten.

Lehrer haben Konflikte mit Eltern

Vor allem die Eltern machten den Lehrern Probleme - rund 90 Prozent derjenigen, die über unmittelbare Attacken berichteten, gaben an, dass diese von Vätern und Müttern ausgehen. Nur 30 Prozent nannten Schüler als Konfliktverursacher, bei Internet-Attacken nur 15 Prozent. Brand betonte: „Was diese Eltern und andere Personen, die Lehrkräfte wegen der Durchsetzung von Infektionsschutzmaßnahmen attackieren, völlig ausblenden, ist die Tatsache, dass die Lehrer lediglich ihre Dienstpflicht erfüllen und die Anordnungen des Landes umsetzen.“ Die Lehrkräfte hätten keinen Handlungsspielraum.

Die Auseinandersetzungen um die Corona-Maßnahmen kämen zur Unzeit, da Lehrer zahlreiche Herausforderungen bewältigen müssten, betonte Brand. Laut Umfrage sieht jeder vierte Lehrer im Land die fehlende Planbarkeit und häufigen Politikwechsel bezüglich der Corona-Vorgaben als größte Belastung an, gefolgt vom Umgang mit mehreren Unterrichtsformaten.

Der Landeschef der Schulleitervereinigung, Werner Weber, hat mit Aggressionen wegen Corona eigene Erfahrungen gemacht. Als er sich im März zur Maskenpflicht an Grundschulen bekannte, provozierte er damit eine Flut von Protestmails. Er erhielt 40 bis 50 Mails, in denen ihm unter anderem mangelhaftes Verantwortungsbewusstsein für die Kinder vorgeworfen und rechtliche Schritte angedroht wurden. „Ich habe Reaktionen erwartet, aber nicht mit dieser Wucht - das geht einen emotional an“, sagte der Leiter einer Heidenheimer Gemeinschaftsschule der Deutschen Presse-Agentur. „Ich war entsetzt, auf welchem Niveau manche Äußerungen waren.“ Zu körperlicher Gewalt sei es aber nicht gekommen.

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