Pointiert und wortgewaltig: Margot Käßmann in der Leonhardskirche. Foto: Jan Sellner

Ihr Name zieht: Zum Auftakt der 32. Stuttgarter Vesperkirchensaison wollen mehrere Hundert Menschen hören, was die Theologin Margot Käßmann zu sagen hat.

„Die Kirche ist voll. Nur noch Stehplätze“, heißt es am Sonntagmorgen kurz vor 10 Uhr am Eingang zur Leonhardskirche. Der Kirchenraum, der in den nächsten sieben Wochen Herberge und „Wohnzimmer“ für Menschen sein wird, die nach Nahrung für Leib und Seele, nach Gemeinschaft und Ansprache suchen, bietet ein eindrucksvolles Bild . Mehr als 400 Menschen haben sich versammelt, um beim Eröffnungsgottesdienst der 32. Vesperkirchensaison dabei zu sein. Dazu der Stuttgarter Hymnuschor im Chor der Kirche. Die leeren Kirchenbänke sind vollbesetzten Tischen und Stühlen gewichen. Nach dem Gottesdienst wird hier Essen gereicht. Jetzt gibt es erstmal geistige Nahrung.

Der Andrang hat auch mit der Frau zu tun, die Gabriele Ehrmann, die Diakonie- und Vesperkirchen-Pfarrerin, als „Botschafterin des Glaubens“ begrüßt: Margot Käßmann, Theologin und ehemals Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ihr Name hat immer noch einen starken Klang. „Ich bin wegen ihr gekommen“, sagt eine Frau, die sich zum ersten Mal als Helferin für die Vesperkirche angemeldet hat.

Käßmann diagnostiziert eine „griesgrämige Haltung in der Gesellschaft“

Und Margot Käßmann enttäuscht die Erwartungen nicht. Nach dem traditionellen Entzünden der Vesperkirchen-Kerze betritt sie dynamisch die Kanzel. Ihre pointierte Predigt kreist um die Jahreslosung der Evangelischen Kirche, die auch das Motto der diesjährigen Vesperkirche ist: „Gott spricht, siehe ich mache alles neu!“ Eine Bibelstelle aus der Offenbarung. Der Wunsch nach Neuem ist deshalb aber kein frommer Wunsch. Viele Menschen wünschten sich einen Neuanfang, privat, beruflich oder mit Blick auf die weltpolitische Lage, sagt Käßmann. Gleichzeitig beobachtet sich eine „griesgrämige Haltung in der Gesellschaft“. Eine Grundstimmung, „die nichts mehr bewegt, in der Lebensfreude und Humor verloren gehen“.

Käßmann wünscht sich eine andere Grundhaltung – eine, die das Lebensglück in den Blick nimmt, wie es im Königreich Bhutan der Fall ist, wo auf das „Bruttonationalglück“ geachtet wird. Ein „bewegender Gedanke“, meint die 67-Jährige: „Vielleicht würde in unserm Land manches neu werden können, wenn wir uns frei machen vom Starren auf das, was nicht gelingt, sondern uns engagieren für das Gelingen des Bruttonationalglücks.“ Dazu gehöre es, Beziehungen und das soziale Miteinander zu pflegen und nicht nur auf materiellen Wohlstand zu schielen.

Die Vesperkirche in der Leonhardskirche hat eine klare Botschaft. Foto: Jan Sellner

Ausgehend von der biblischen Botschaft fordert Käßmann Christen auf, nicht in Passivität zu verharren, sondern aktiv zu werden: „Weil wir Hoffnung haben auf die zukünftige Welt Gottes haben, legen wir hier und heute Spuren der Hoffnung.“ Sie beschreibt auch, wie das konkret aussehen könnte. Es sei wichtig, „dem Hass im Netz etwas entgegenzusetzen, fordert sie: „Wir sind aufgerufen, für diejenigen einzutreten, die im Netz angefeindet werden.“

Ein anderes Beispiel für praktisches Engagement von Christen sei der Einsatz für Frieden „in einer Zeit, in der wir kriegstüchtig werden sollen“. Käßmann betont, es sei wichtig, „die biblische Vision aufrecht zu erhalten, dass Frieden möglich ist, Waffen schweigen können und wir friedensfähig werden.“ Man müsse Feindbilder abbauen statt andere zum Feind zu erklären. Das sei „die Zeitenwende Jesu“.

Als dritte Beispiel für praktisches Handeln nennt sie die Vesperkirche. Käßmann lobt das große Engagement der mehr als 900 freiwilligen Helferinnen und Helfer in Stuttgart, die sich bis zum 10. März sich für die Essenausgabe und Betreuung Bedürftiger engagierten. Die Stuttgarter Vesperkirche stehe beispielhaft für andere. Mit diesem Engagement für andere wachse auch das „Bruttonationalglück“.

„Menschen lenken sich mit 1000 Nichtigkeiten ab“

Das „Christsein out ist“, bestreitet die Theologin entschieden. Viele Menschen lenkten sich auf Social Media heute mit 1000 Nichtigkeiten ab, fotografierten ihr Mittagessen, um es zu posten und orientierten sich an Influencern: „Aber Zeit für die Frage nach dem Sinn des Lebens finden sie nicht.“ Stattdessen würden sie viel Geld für Entschleunigungsseminare ausgeben. Die Kirche biete da eine sinnvolle Alternative: „Wir können sagen: Entschleunigung findest du in ganz Deutschland jeden Sonntag um 10 Uhr – ohne Eintrittsgeld.“ Wer Rituale, Lieder und Gebete kenne und pflege, „hat ein Geländer im Leben“. Da dürfe man dann auch ausstrahlen: „Griesgrämigkeit und Christsein vertragen sich nicht“, sagt Käßmann: „Strahlen wir mal Glaubensfreude aus!“ ruft sie. Am Ende ihres Auftritts in der Leonhardskirche gibt es – ungewöhnlich bei einer Predigt – Applaus.

Vesperkirche in Stuttgart

Öffnungszeiten
Die Vesperkirche Stuttgart in der Leonhardskirche hat vom 18. Januar bis zum 7. März täglich von 9 bis 15 Uhr geöffnet. Jeweils um 9 Uhr werden Kaffee und Tee ausgeschenkt. Mittagessen gibt es von 11.30 bis 14.15 Uhr für den symbolischen Preis von 1,50 Euro. Bis 15 Uhr kann man sich mit einem Vesper eindecken.

Programm
Immer Sonntags um 16 Uhr gibt es die Konzertreihe „Kultur in der Vesperkirche“. Erneut ist auch die Straßen-Universität vertreten. Jeweils dienstags von 14 bis 15 Uhr lädt sie zu kostenfreien Bildungsangeboten ein. Weitere Infos unter: www.vesperkirche.de

Spenden
Die Vesperkirche wird mit Spenden finanziert. Wer spenden will, kann dies hier tun: IBAN: DE05 6005 0101 0002 4648 33, BIC SOLADEST600. Wichtig: Die Vesperkirche selbst führt keine Straßensammlung durch, auch wenn sich Trittbrettfahrer als Vertreter der Vesperkirche ausgeben sollten.