Der neue Inhaber der Stage Entertainment Deutschland, US-Medien Foto: Max Kovalenko - Max Kovalenko

200 Foyermitarbeiter im SI-Centrum verlieren ihre Arbeit. Die Kündigungen trüben das schöne Bild, das Stage-Chefin Uschi Neuss für einen starken Musicalstandort zeichnet.

StuttgartWo Leidenschaft zu Herzen geht, wo große Gefühle zum Träumen verführen, müssen die Macher kühlen Kopf bewahren und rechnen können. Anders als die Oper, die subventioniert wird, gibt es für das Musical keinen Cent von der öffentlichen Hand. Das geht mal mehr, mal weniger gut. An der Spitze der Stage Entertainment Deutschland (Jahresumsatz: etwa 330 Millionen Euro) hat Uschi Neuss bewegte Zeiten erlebt. 2015 verkaufte der holländische Stage-Gründer Joop van den Ende aus Altersgründen seinen Konzern an Luxemburger Finanzinvestoren, die mit hartem Sparkurs ihre Rendite steigern wollten. „Schon da war klar, dass diese Besitzer nur eine Zwischenlösung sind“, versichert die 53-jährige Chefin unserer Zeitung. Froh ist sie nun, dass der familiengeführte US-Mediengigant Advance Publications, der etwa die „Vogue“ und „Vanity Fair“ verlegt, vor einem halben Jahr alle Anteile übernommen hat.

„Unsere neuen Eigner sind Menschen mit Liebe zum Theater“, freut sich Uschi Neuss, „wir können uns nun mehr trauen, weil wir groß sind.“ Mehr Stücke für den internationalen Markt will die Stage entwickeln – so geschehen mit dem Tina-Turner-Musical, das zuerst in London in englischer Fassung Premiere feierte, ehe es auf Deutsch nach Hamburg ging – sowie mit neuer Experimentierfreude frische Ideen auf den Unterhaltungsmarkt bringen. Die Chefin sagt es nicht so deutlich, aber sie meint wohl auch: Dank der Finanzkraft der neuen Besitzer lassen sich finanzielle Fehlentscheidungen leichter wegstecken. Wenn die Auswahl an Stücken wächst, können diese schneller ausgetauscht werden, dann kann man besser auf Gefallen oder Nichtgefallen des Publikums reagieren.

„Momentan haben wir das Luxusproblem, dass wir mehr hervorragende Shows haben als Theater, in denen wir sie spielen können“, erklärt Uschi Neuss. Für Stuttgart bedeute dies: „Wir halten an zwei Häusern fest.“ Nach Hamburg sei Stuttgart die zweitwichtigste Stadt der Stage. Alle großen Shows wie „Tina“, „Frozen“ oder „Pretty Woman“ würden ins SI-Centrum kommen, kündigt sie an. Für Deutschlandpremieren bleibt Hamburg erste Wahl. Dank der neuen Eigner plant das Unternehmen ein weiteres Wachstum in Deutschland, will etwa Tourproduktionen und Zusammenarbeit mit Stadttheatern ausbauen. An ein Off-Broadway-Theater, an eine Experimentierbühne für ein junges Publikum, sei in Stuttgart aber vorerst nicht gedacht. Dafür kommen Geldbringer zurück: die Vampire.

Der neue Schwung, der vom Branchenprimus ausgeht, erfährt nun aber einen empfindlichen Dämpfer. Zu den positiven Nachrichten, mit denen der Konzern glänzen will, passen nicht die Kündigungen, die in den elf Stage-Theatern 1200 Servicekräfte auf Ende August erhalten haben. Nach 15 Jahren trennt sich die Stage von dem Dienstleister Onstage & Sports Service (OSS), weil dieser, so die offizielle Begründung, insolvent ist.

„Die Insolvenz ist in Wahrheit aber die Folge der Kündigung durch die Stage“, sagt Insolvenzverwalter Stephan Münzel unserer Zeitung und schüttelt den Kopf: Das Verhalten des Musicalunternehmens sei „absurd“ und „nicht nachzuvollziehen“. Der Betriebsrat der OSS wirft der Stage vor, sich „moralisch verwerflich“ zu verhalten, weil sie sich nicht an die Zusage halte, dass die bisherigen Mitarbeiter auch vom neuen Dienstleister beschäftigt werden. Einst hatte die Stage und davor die Stella die Vorderhäuser selbst betrieben, dann die Foyermitarbeiter outgescourct. Wie es heißt, wird die GVO Personal GmbH die neue Servicefirma. Uschi Neuss äußert sich dazu nicht. „Die Verträge sind noch nicht unterschrieben“, sagt sie.

Der Hintergrund für die Kündigung „verdienter und langjähriger Mitarbeiter, die auch in schwierigen Zeiten immer die Fahne fürs Theater hochgehalten haben und sich als Teil der Musicalfamilie verstehen“, sagt Insolvenzverwalter Münzel, könnte sein: Wenn die neue Firma die alten Mitarbeiter übernimmt, muss sie das bisherige Personal nach bisherigen Bedingungen anstellen. Bei der erneuten Beschäftigung nach einem halben Jahr Pause sei dies nicht der Fall. Von der GVO heißt es, dass sie keinen Betriebsrat hat und OSS-Mitarbeitern gesagt hat, sie könnten sich in einem halben Jahr melden. Bis dahin muss neues Personal die Arbeit übernehmen. „Proteste außerhalb unserer Arbeitszeit“ schließen die Vertreter der gekündigten Beschäftigten nicht aus. Für das Image der Stage Entertainment dürfte dies nicht gut sein. Denn im Musical werden heile Welt und Träume zelebriert. „Wir werden eine Lösung finden“, sagt Uschi Neuss.

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