Fotovoltaikelemente auf dem Gebäude des Großmarkts Wangen Foto: Michele Danze - Michele Danze

Die Stadt will bis 2050 klimaneutral sein. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Stadtklimatologen wünschen sich mehr Mitsprache.

StuttgartDer zurückliegende Sommer 2018 war in Baden-Württemberg, aber auch in Stuttgart der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Nicht nur Spitzenwerte mit knapp unter 37 Grad im Talkessel, sondern vor allem das langjährige Temperaturmittel mit 10,4 Grad sowie extrem geringe Niederschläge zeigen: Der Klimawandel ist in vollem Gang. Welche Auswirkungen auf Mensch und Natur hat das, und was kann eine Stadt wie Stuttgart nach dem Motto „Global denken, lokal handeln“ dagegen tun?.

Wer ist für die kommunale Klimapolitik zuständig?

Bei der Landeshauptstadt ist die Klimaschutzpolitik im Amt für Umweltschutz angesiedelt. Mit etwa 150 Mitarbeitern ist dieses Amt nach Angaben von Amtsleiter Hans-Wolf Zirkwitz eines der größten kommunalen Umweltämter in der Bundesrepublik Deutschland. Die Aufgaben sind vielfältig: Die Abteilung Stadtklimatologie mit Rainer Kapp an der Spitze redet bei der Stadtplanung mit und informiert den Gemeinderat, der letztlich die Entscheidungen über Bebauungspläne trifft. Jürgen Görres von der Abteilung Energiewirtschaft soll in Kooperation mit den kommunalen Stadtwerken die urbane Energiewende voranbringen: Stuttgart soll bis zum Jahr 2050 ohne fossile Energien auskommen und seinen Strombedarf ausschließlich aus den erneuerbaren Energien decken.

Was hat Stuttgart bisher gegen den Klimawandel unternommen?

Im Jahr 1997 hat Stuttgart erstmals ein Klimaschutzkonzept (Kliks) aufgelegt, das die Entstehung von Treibhausgasen (insbesondere Kohlendioxid) reduzieren soll. CO2 gilt in der Wissenschaft als Hauptverursacher der Erderwärmung. Im Jahr 2004 wurde das Konzept in einem Zehn-Punkte-Programm präzisiert: Es umfasst unter anderem die Bestückung städtischer Dachflächen mit Fotovoltaik, die wärmedämmende Altbausanierung sowie die energetische Sanierung von Schulen. Auch die Berücksichtigung des Klimaschutzes bei der Stadtentwicklung sei zu berücksichtigen.

Was hat Stuttgart beim Klimaschutz bisher erreicht?

Beim Thema Stadtplanung können Rainer Kapp und seine Vorgänger durchaus auf Erfolge verweisen: So wurden potenzielle Bauvorhaben in Kaltluftentstehungsgebieten wie beispielsweise am Rohrer Weg (Möhringen), an der Rommelshauser Straße (Bad Cannstatt) auf dem Birkacher Feld (Plieningen) oder am Eckensee nicht oder lediglich in abgespeckter Form realisiert. „Bei den Stadtplanern ist das Bewusstsein für den Klimaschutz durchaus vorhanden“, lobt Kapp die ämterübergreifende Kooperation. Sein Wunsch: „Ideal wäre es für uns, schon auf der Ebene der Flächennutzungsplanung beim Thema Stadtklima mitreden zu können.“ Andererseits werden stadtklimatologische Bedenken von der Politik mitunter angezweifelt oder ignoriert, wie man etwa am Beispiel der Ideen für ein Konzerthaus oder eine Interimsoper im Akademiegarten am Charlottenplatz sehen kann. Bei der kommunalen Energiewende ist die Bilanz ebenfalls zwiespältig. „Es müsste schneller gehen“, räumt Jürgen Görres ein. Kürzlich hat Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne), seit sieben Jahren im Amt, das 100. Solardach auf einem städtischen Gebäude eingeweiht – nach Ansicht von Kritikern viel zu wenig. Michael Fuchs von der Initiative Kommunale Stadtwerke beispielsweise sieht das Potenzial an regenerativer Energiegewinnung bei weitem nicht ausgeschöpft: Die Ämter, auf deren Dach eine Anlage installiert werde und die diese auch betreiben, produzierten oft nur Energie für den Eigenbedarf. Folglich könnten keine Überschüsse ins Stromnetz eingespeist werden. Fuchs sieht zudem die Fotovoltaik nicht als Allheilmittel an und fordert eine Wärmewende: „Fotovoltaikanlagen sind nur die Kür. Was wir dringend brauchen, ist eine Wärmewende, also eine Abkehr von den fossilen Energieträgern wie Kohle, Öl und Gas.“ Immerhin: Für das Jahr 2019 sind weitere 70 Dächer in der Prüfung. Amtsleiter Zirkwitz betont die Vorbildfunktion der Stadt beim Energieumstieg. Er sagt allerdings auch: „Städtische Gebäude machen nur vier Prozent des kommunalen Gesamtenergieverbrauchs aus.“

Wie steht es im privaten Sektor um die Klimaschutzbemühungen?

„Wir sind auf dem Weg, aber es ist noch eine Menge Überzeugungsarbeit nötig“, erklärt Jürgen Görres. Zwar sind private Investoren mittlerweile verpflichtet, bei Neubauten Fotovoltaikanlagen auf dem Dach vorzusehen und/oder zu begrünen. Doch die Zahl der Neubauten ist angesichts des geringen Flächenpotenzials im Talkessel gemessen an der Zahl der Stuttgarter Hausdächer, die sich für Solaranlagen eignen würden, überschaubar. Viele Hausbesitzer scheuen trotz zahlreicher Förderprogramme die Geldausgabe für eine Fotovoltaikanlage oder den Einbau einer modernen, energiesparenden Heizungsanlage. Für Hans-Wolf Zirkwitz auch ein Zeichen dafür, „dass die persönliche Betroffenheit vielfach fehlt. Das Nachdenken kommt jedoch immer mehr in Gang.“

Welche Folgen hat der Klimawandel für Stuttgart?

Immer trockenere und heiße Sommer bedeuten, dass der „Wärmestress“ für die Bevölkerung im Talkessel zunimmt. Zwar gibt es für Stuttgart oder die Region anders als etwa in Frankreich keine Mortalitätsstatistik über die Zahl der Menschen, die infolge der extremen Hitze verstorben sind. Klar ist aber: Kranke, ältere, pflegebedürftige Menschen und Kinder tragen ein höheres Risiko. Rainer Kapp plädiert daher für einen Hitzeaktionsplan, der etwa Warnungen vor extremen Wetterperioden vorsieht. In Alten- und Pflegeheimen könnten sogenannte Cool Spots – eigens gekühlte Räume – helfen, die Belastungen des Körpers zu reduzieren. Für die Natur hat der Klimawandel ebenfalls Konsequenzen: Geringere Niederschläge führen zu Trockenheit, Dürre, Pflanzen und Tiere leiden, die Landwirtschaft muss massive Ernteeinbußen befürchten.

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