Zwischen Büchern fühlt sich Brigitte Neiße-Göküzüm wohl. Foto: /Edgar Rehberger

Nach 26 Jahren als Bibliothekarin hört Brigitte Neiße-Göküzüm in der Stadtteilbücherei Kneippweg auf, die sie mitaufgebaut und weiterentwickelt hat. Auch im Stadtteil war die 63-Jährige aktiv.

Bad Cannstatt - Einen Bericht zum Abschied wollte sie umgehen. „Ich dachte, ich komm drum herum.“ Brigitte Neiße-Göküzüm lacht. Doch ihre Kolleginnen in der Stadtteilbücherei Kneippweg hatten etwas dagegen. Zu Recht. Denn wer 26 Jahre in der Einrichtung gearbeitet, sie mitaufgebaut und weiterentwickelt, sich im Wohngebiet eingesetzt hat, sollte entsprechend gewürdigt werden. Zumal aufgrund der Corona-Pandemie der letzte Arbeitstag am 1. August anders ausfällt als geplant.

„Ich lese alles“

Mit der Veranstaltung „Weltreise am Küchentisch“ sollte die Arbeit in der Stadtteilbücherei angemessen enden. Das Kochbuch von Iris Lemanczyk, mit Rezepten und Lebensgeschichten 30 Stuttgarter Einwanderern hat nicht nur die Büchereileiterin beeindruckt, sondern auch Sängerin Thabilé, die auftreten sollte. „Die Veranstaltung ist auf Dezember verschoben.“ Da komme ich dann als Bücherei-Kundin.“ Denn ein Leben ohne Bücher ist für die 63-Jährige nicht vorstellbar. „Ohne Bücher geht nix.“ Sie werden weiter ein wichtiger Teil in ihrem Leben sein. Ein Lieblingsgenre hat sie dabei nicht. „Ich lese alles.“ Es freut sie aber, wenn junge Autorinnen einen eigenen Stil kreieren.

Neiße-Göküzüm hat zwar einen E-Book-Reader („für unterwegs“), mag es aber lieber, ein Buch in der Hand zu halten. In ihrem Berufsleben hat sich in Bezug auf Bücherei einiges verändert. Zu Beginn gab es noch Buchkarten, die abgestempelt werden mussten. Drei verschiedene PC-Bibliothekssysteme folgten. Inzwischen können CDs, DVDs und Hörbücher ausgeliehen werden. Und ganz neu: Tonies. In der Toniebox werden Audioinhalte wie Musik oder Hörspiele symbolisch über spezielle Spielfiguren, Tonie genannt, aktiviert. Die Büchereien halten Schritt.

Gelernte Buchhändlerin

Brigitte Neiße-Göküzüm, von Hause aus Buchhändlerin, absolvierte eine zweite Ausbildung zur Bibliothekarin, zwischen 2004 und 2007 folgte noch ein Kontaktstudium am Institut für Kulturmanagement. 1994 fing sie in der Stadtteilbücherei beim früheren Anna-Haag-Haus als Assistentin an. Ein Jahr später übernahm sie zunächst kommissarisch die Leitung der Wilhelm-Hauff-Bücherei, da die Einrichtung geschlossen werden sollte. Sie initiierte eine Leserinitiative, die Stadtteilbücherei blieb erhalten und bezog 1998 neue Räume im Kneippweg. Dabei managte die Einrichtungsleiterin Umbau und Umzug in den Kneippweg. Vor zwei Jahren wurden die Räume nach dem Auszug des sozialpsychiatrischen Dienstes erweitert. Jetzt gibt es für die insgesamt fünf Beschäftigte zwei Büros, dazu einen Veranstaltungsraum und eine erweiterte Galerie.

Bestand auf Vordermann gebracht

Ganz neue Erfahrungen wurden durch Corona gesammelt. Zwei Monate war die Bücherei geschlossen. „Das war ganz komisch, so ohne Leser.“ Die Zeit wurde genutzt, den Bestand auf Vordermann zu bringen. Das wäre bei laufendem Betrieb kaum möglich gewesen. „Jetzt sind wir top aktuell.“ Jetzt muss jedes Buch, das zurückgegeben wird, 72 Stunden in einer Box gelagert werden, bevor es wieder in die Regale kommt.

Wichtig waren der Büchereileiterin auch die Veranstaltungen, vor allem die interkulturellen. So gibt es eine deutsch-türkische Vorlesestunde. Dazu kommen Ausstellungen und Kindertheater. Durch die Kooperation mit Ganztagesschulen sind einmal pro Woche Schulklassen im Kneippweg. Die Bücherei kann auf treues Publikum vertrauen. „Wir haben total viele Stammkunden.“ Deren Wünsche und Vorlieben sind bekannt, es entstand ein persönliches Verhältnis. „Das hat während der Coronaschließung gefehlt.“ Offiziell geht sie am 1. September in den Ruhestand, nach 45 Berufsjahren. Jetzt geht es erst mal in den Urlaub. Was danach kommt, ist noch offen. In jedem Fall wird sie einen Mini-Job im sozialen Bereich antreten und weiter die Bücherei besuchen – als Kundin. „Ich wechsle die Seite.“

Lob von den Kolleginnen

Neben ihrer beruflichen Tätigkeit war sie maßgeblich an der Gründung der Aktionsgemeinschaft Espan beteiligt, die vor einem Jahr zehnjähriges Bestehen feierte. Da wurde ein Hosentaschen-Stadtteilplan präsentiert. Der komme gut an. „All ihre Aktivitäten und ihre offene, aufgeschlossene Art haben die Stadtteilbibliothek Kneippweg stark geprägt“, loben die Kolleginnen. Das Lob gibt sie zurück. „Wir waren ein Super-Team. Ich muss mich bedanken. Jede hat für die Bücherei gebrannt.“ Die Nachfolge ist noch offen.

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