Vor die Nase gesetzt: Der Hotelneubau verdeckt nun die Stadtbibliothek im Europaviertel. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Ex-Direktorin der Stadtbibliothek widerspricht dem Baubürgermeister: Im Bebauungsplan stünde, dass kein anderes Gebäude das Wahrzeichen der Stadt überragen dürfe. Tatsächlich verdeckt und überragt ein 60 Meter hoher Turm die Bibliothek.

Stuttgart - Obwohl das Schicksal der Stadtbibliothek besiegelt ist, schwappt die Welle der Empörung weiter durch die Stadt. Auslöser war der Artikel unserer Zeitung „Bibliothek verschwindet aus dem Blickfeld“. Darin ging es darum, dass die Stadtbibliothek als neues Wahrzeichen der Stadt inzwischen von einem 60 Meter hohen Hotel-Rohbau verdeckt wird.

Zuletzt hatte dazu auch Baubürgermeister Peter Pätzold Stellung bezogen, nachdem ihn eine Leserin unserer Zeitung persönlich angeschrieben hatte. Doris Holzmann aus Feuerbach konnte nicht nachvollziehen, dass dieses neue Wahrzeichen nun von einem Hotelneubau verdeckt wird. „Da muss man doch mal fragen: Wer hat denn dieses Bauvorhaben genehmigt? Hätte man sich da nicht im Vorfeld schon mal Gedanken machen können, nachdem die komplette Bebauung dieses gesamten einzigartigen Bahngeländes schon durch diverse Bauten verschandelt wurde.“ Die Antwort von Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) ließ nicht lange auf sich warten. Er verwies darin auf die bauplanungsrechtlichen Grundlagen. 1998 habe man auf den Grundlagen des städtebaulichen Entwurfs für Stuttgart 21 einen Bebauungsplan für das Teilgebiet A1, das Europaviertel, erstellt und beschlossen. Hier sei auch schon der Standort für die neue Bibliothek enthalten. Für diese habe man 1998 auch einen Architektenwettbewerb ausgelobt. Es sei somit von vornherein klar gewesen, dass die Bibliothek mitten im Europaviertel stehe.

Pätzold löst Erstaunen aus

Zudem erklärte Pätzold im Brief, „dass man das ganze Geld insbesondere für das Innere der Bibliothek ausgegeben“ hätte. Denn man habe nicht nur ein gutes Gebäude, sondern auch eine gute und funktionierende Bibliothek gewollt. Genau dieser Punkt in der Argumentation von Peter Pätzold ärgert die ehemalige Direktorin der Stadtbibliothek (1990 bis 2000), Hannelore Jouly, sehr. „Eigentlich wollte ich mich beim Thema Stadtbibliothek nicht mehr einmischen“, sagt sie, „aber die Äußerungen des Baubürgermeisters haben mich, vorsichtig ausgedrückt, doch sehr erstaunt.“ Kurzum: Die Ex-Direktorin widerspricht Peter Pätzold energisch.

Ihr Wissen nimmt Hannelore Jouly aus der Planungszeit, wo sie direkt beteiligt war. Jouly habe nicht nur den fachlichen Teil für den Wettbewerb zur Stadtbibliothek geschrieben, sondern sei auch beim Wettbewerb direkt beteiligt gewesen. Daher wisse sie, dass diese Behauptungen einem Faktencheck standhalten könnten: „Der Bebauungsplan sah vor, dass die benachbarten Bebauungen die Stadtbibliothek nicht überragen dürfen.“

Dieser Darstellung kann ein Sprecher der Stadt Stuttgart nicht folgen. Peter Pätzold selbst nahm auf Anfrage keine Stellung. Ein Sprecher teilte mit: „Auf der Fläche A1.5 war schon immer ein Hochhaus geplant. Die Bauherren halten sich an den geltenden Bebauungsplan. Es würde doch auch niemand ein Hochhaus bauen, wenn es nicht zulässig wäre – das finanzielle Risiko wäre viel zu hoch.“ Der Bitte, die Bebauungspläne einsehen zu dürfen, folgte die Stadt nicht. Stattdessen sandte der Sprecher ein Foto eines Architekturmodells des Gebäudeensembles und eine Bildschirm-Fotografie einer alten Darstellung auf der Webseite von Stuttgart 21. Daher lässt Jouly nicht locker: „Aber noch mehr getroffen hat mich, dass das ganze Geld hauptsächlich für das Innere gemünzt war. Damit hat der Herr Baubürgermeister das Haus nicht verstanden.“ Denn die Stadtbibliothek habe einen kristallinen Außenkörper mit einem Tag- und einem Nachtgesicht. Hinter dieser Beziehung der Außen- und Innenwelt steckten ganz viele Ideen. „Es ist nicht irgendetwas, sondern ein Bauwerk, das Zeichen setzt“, erklärt Jouly, die vor allem den Respekt für diesen Solitär vermisst. Dann setzt sie noch ein Aperçu: „Der koreanische Architekt Eun Young Yi wollte mit diesem Bauwerk ein Zeichen gegen die kommerzielle Außenwelt setzen. Das war hellsichtig.“

Kein Einlenken bei der Strabag

Damit spielt sie auch auf die Tatsache an, dass der Bauherr des Luxushotels Strabag, der das Grundstück im Mai 2016 von der Deutschen Bahn AG erworben hatte, seinen Absichtserklärungen, die Fassade zu begrünen, nicht gefolgt ist. Angeblich aus Gründen des Brandschutzes. Doch diesen Punkt hat eine Expertin bereits im vergangenen Jahr im Bezirksbeirat Mitte widerlegt. Alina Schick von der Firma Visioverdis, Erfinderin der sogenannten „GraviPlants“ und Wissenschaftlerin an der Uni Hohenheim, nannte eine Kombination von Pflanzen und Technik, die sogar Bäume waagrecht wachsen lässt, als Problemlöser: „Das Problem des Brandschutzes ist lösbar, wenn die richtigen Leute zusammensitzen.“

Aus Sicht von Jouly wäre eine grüne Fassade ein kleiner Trost in der jetzigen Situation: „Das Grün hätte wie ein Garten für die Bibliothek gewirkt.“ Auch ein Wassergraben um das preisgekrönte Gebäude, der aus den Planungen gestrichen wurde, hätte die Symbolik der Stadtbibliothek gegen den Kommerz unterstrichen. Ein Anfrage bei der Strabag Real Estate GmbH, ob man angesichts der aktuellen Diskussion und der fragwürdigen Argumente in Sachen Brandschutz, noch einmal über eine Begrünung nachdenken wolle, endete in diesem Satz: „Zum derzeitigen Zeitpunkt haben wir nichts Neues zu dem Thema zu berichten.“

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