Die Zeiten der vollen Kassen sind vorbei. Soll die Stadt Geld für bierselige Feste ausgeben, während Reinigungsintervalle für Schultoiletten verlängert werden?
Angesichts von tiefroten Haushaltszahlen und einer langen Reihe von Kürzungen und Steuer- und Gebührenerhöhungen will die Landeshauptstadt auch beim Volks- und Frühlingsfest auf dem Wasen keinen Verlust mehr hinnehmen. Ohne eine Erhöhung des Platzgeldes für die Festzelte droht der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart, die den Rummel im Auftrag der Stadt ausrichtet, allein für diesen Bereich in diesem Jahr ein Minus von rund 400 000 Euro.
Die Gesellschaft, die auch den Weihnachtsmarkt und das Lichterfest organisiert und für Schleyerhalle und Porsche-Arena sowie das Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle (KKL) verantwortlich zeichnet, hatte zuletzt 2019 einen Gewinn (651 000 Euro) erwirtschaftet. Dann kam die Corona-Pandemie. Bis 2023 summierten sich die Verluste von in.Stuttgart auf 16,4 Millionen Euro, 2024 lag das Defizit bei 112 000 Euro, für 2025 war ein Minus von 2,1 Millionen Euro geplant. Letztlich haftet die Stadt für in.Stuttgart.
Zelte Garant für Erfolg der Volksfeste
Die Zelte seien „enorm wichtig, sie stellen einen Garanten für den Erfolg der Feste dar“, so Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann (CDU) in der jüngsten Sitzung des Wirtschaftsausschusses. Die Besucherzahlen auf dem Wasen haben sich nach Corona rasch erholt. Beim Frühlingsfest 2025 zählte man rund 2,2 Millionen Gäste – „eine Rekordbesucherzahl“, bilanzierte in.Stuttgart zum Abschluss am 10. Mai 2025. Ist die weitere Subventionierung der große Sause gerechtfertigt? „Subvention“ sei nicht der richtige Begriff, sagt in.Stuttgart-Sprecherin Stefanie Hirrle dazu. Die Veranstaltung gilt als familientauglich. Hirrle verweist darauf, dass in.Stuttgart die Wende versucht. Man habe die Nebenflächen in den Zelten bereits verteuert. Die Preise im Gastraum von bisher 23,60 (Frühlings-) und 26,45 Euro (Volksfest) pro Quadratmeter umfassten auch die wochenlange Auf- und Abbauzeit.
Mit mehr Gästen wachsen auch die Auf- und Ausgaben für die Wache des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), für Brand- und Anwohnerschutz und Sicherheit. Die Kosten für das DRK lagen 2019 beim Frühlingsfest bei 95 000 Euro, 2025 bei 356 000 Euro. Die für Sicherheit stiegen von 486 000 auf 615 000 Euro. Weder der Wirtschafts- noch der Finanzplan erlauben solche Defizite, sagte Fuhrmann. Angesichts der Haushaltslage ist ein Zuschuss für die bierseligen Veranstaltungen auch nicht mehr vermittelbar, wenn gleichzeitig bei der Toilettenreinigung in Schulen gekürzt wird.
Extra Toilettengebühr auf dem Wasen?
Kurz verfielen Stadt und Festwirte auf die abseitige Idee, eine Toilettengebühr außerhalb der Festzelte einzuführen: Pecunia non olet – Geld stinkt nicht. Aber anders als im alten Rom hat die Sache einen kleinen Haken: Eine solche Gebühr wäre rechtswidrig, denn wer Getränke ausschenkt, muss kostenlose Toiletten zur Verfügung stellen. Fuhrmann will deshalb mit den Wirten weiter nach kreativen Ideen für den Lückenschluss suchen.
Finden sie keine, würden die Platzgebühren für beide Feste kurzfristig um 36 Prozent erhöht werden müssen, sagt der Bürgermeister. Zur Einordnung: Damit würden laut Beratungsvorlage die Gesamtkosten für ein Zelt um vier Prozent steigen. Das liege an den vergleichsweise immensen Auf- und Abbaukosten von mehr als einer Million Euro. Die 36 Prozent reichen allerdings nicht. Zusätzlich soll das Frühlingsfest von 2027 an nicht um 12, sondern erst um 14 Uhr öffnen. Laut in.Stuttgart ein Kompromiss: die Schausteller sind für 13, die Festwirte für 15 Uhr.
Linke: Wirte profitierten von Stadt
Für eine Erhöhung gibt es breite Rückendeckung aus dem Gemeinderat. Die Standgebühren für Fahrgeschäfte und Buden waren bereits Anfang Dezember um 9,5 bis 39 Prozent nach oben gesetzt worden. Fuhrmann solle das Einvernehmen suchen, sagte Nicole Porsch (CDU). „In.Suttgart kann nicht vom Drauflegen leben“, sagte Axel Brodbeck (Freie Wähler). Das sehen auch die Grünen so. „Es ist absolut nicht nachvollziehbar, warum es nicht möglich sein sollte, dass die Festzelte kostendeckend arbeiten“, sagte Stefan Conzelmann (SPD). „Es kann doch nicht sein, dass die Wirte große Gewinne generieren und die Stadt hohe Summen in die Infrastruktur investieren muss“, so Johanna Tiarks (Linke). Er kenne keine Zahlen der Wirte, „ich weiß nicht, ob sie Gewinne erwirtschafteten“, sagte Fuhrmann darauf.
Umsatzpacht auf Wasen ein Thema
Der Vorschlag von Thorsten Puttenat (Puls), wie in München auf eine Umsatzpacht umzustellen, sei angesprochen worden, wegen langfristiger Verträge mit den Brauereien laut Festwirten aber nicht schnell machbar, so Fuhrmann. Auch beim Oktoberfest sind die Kosten ein Thema. In München wurde jüngst ein Eintrittsgeld diskutiert. Dort warnt der bayerischen Bierbrauer-Präsidenten Georg Schneider davor, Kosten allein über höhere Bierpreise zu finanzieren.