Mit Abstand beim Tischkickern: Sportkreispräsident Fred-Jürgen Stradinger (rechts) und Geschäftsführer Dominik Hermet. Foto: /Torsten Streib

Sportkreispräsident Fred-Jürgen Stradinger und Geschäftsführer Dominik Hermet sprechen über ein Jahr Corona.

Bad Cannstatt - Die Corona-Pandemie hat Deutschland nun schon seit mehr als einem Jahr fest im Griff – und dies in allen Bereichen des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens. Auch der Sport ist durch die Schließungen von Hallen und Sportanlagen stark betroffen. Wie sich die Sperrungen auf die einzelnen Abteilungen und auch Monospartenvereine ausgewirkt haben, wollen wir in der Serie „Sport und Corona – wie wirkt sich die Krise aus“ beleuchten. Je eine Sportart/Abteilung eines Vereins werden exemplarisch herausgepickt (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) und die Schwierigkeiten, Nöte, Ängste und möglicherweise auch Lichtblicke in loser Folge beschrieben.

Den Auftakt der Serie bildet der Sportkreis Stuttgart, das übergeordnete Organ der Vereine der Landeshauptstadt. „Die Stuttgarter Vereine sind bislang einigermaßen gut durch die Krise gekommen“, sagen Sportkreis-Präsident Fred-Jürgen Stradinger und Geschäftsführer Dominik Hermet unisono im Gespräch.

Wenn Sie beide mal in Rente sind, was glauben Sie bleibt von der Coronazeit in Erinnerung?

Stradinger: Ich werde garantiert daran denken, dass ich große Sorge hatte, welche Folgen das Aussperren des Sports beziehungsweise der Kinder und Jugendlichen zur Bewegung und zu sozialen Erfahrungen für ihre weitere Entwicklung haben werden. Und ich mir die Frage gestellt habe, ob wir diese Defizite – auch im Sozialsystem – auffangen können.

Hermet: In Erinnerung wird mir sicherlich bleiben, wie schleichend das Thema Corona angefangen hat und mehr und mehr zum beherrschenden Thema wurde, auch im Sport, Bekannten- und Freundeskreis. Genauso sicherlich, wie in dieser Periode der Kontakt zu den Vereinen immer enger wurde und wir als Sportkreis unseren eigentlichen Auftrag als Dienstleister, Berater und Unterstützer besonders erfüllt haben.

Ist die Pandemie eine der stressigsten Phasen bei der Arbeit als Sportkreis-Geschäftsführer beziehungsweise Präsident?

Hermet: Ganz und gar nicht, die Phase ist auch spannend und herausfordernd. Not macht bekanntlich erfinderisch und so wurden einige neue Projekte angestoßen, die viel Aufwand bedeuten, aber ohne pandemiebedingte Einschränkungen nicht zustande gekommen wären. Mir fällt da der 24-Stunden-Lauf für Kinderrechte ein, der zum 24-Tage-Lauf mit Kilometersammeln online umfunktioniert wurde und auch nach der Pandemie in irgendeiner Form weitergeführt werden wird.

Stradinger: An jeder Krise lässt sich auch Positives finden. Bemerkenswert ist die Kreativität der Vereine mit den unterschiedlichsten Challenges, die nicht nur der Fitness dienen, sondern auch witzig, unterhaltsam und somit auch gut fürs Gemüt sind. All diese Online-Geschichten können auch weiterhin angeboten werden und erweitern das Portfolio.

Das Gemeinschaftserlebnis des Sports können solche Aktionen aber nicht ersetzen.

Str adinger: Keineswegs. Wichtige soziale Kompetenzen – vor allem für Kinder und Jugendliche – wie Rücksichtnahme, das angesprochene Gemeinschaftsgefühl und der persönliche Austausch beziehungsweise die Chance auf Bewegungserfahrungen bleiben teilweise oder auch ganz auf der Strecke. Wichtige Dinge, die vielen für ihr zukünftiges Leben, sei es in Beruf oder in der Gesellschaft, bestimmt fehlen werden. Nicht jeder wird diese Defizite aufholen können.

Welche Befürchtungen haben Sie nach überstandener Pandemie auch noch?

Stradinger: Es ist durchaus denkbar, dass uns Übungsleiterinnen und Übungsleiter abhanden kommen, die erkannt haben, dass es ohne Sport auch geht und die neu gewonnene Zeit mit der Familie nicht mehr missen wollen und deshalb kürzer treten werden, zumal sich die Aufwandsentschädigungen in Grenzen halten. Auch bei Sporttreibenden an sich befürchte ich Veränderungen. So mancher oder manche ist durchaus phlegmatisch geworden. Wieder in Schwung und auf Trab zu kommen, wird wohl nicht allen gelingen.

Hermet: Ähnliches gilt bestimmt auch für Ehrenamtliche und Funktionäre im Verein. Wegen Corona-bedingt verschobener Mitgliederversammlungen sind viele Funktionäre weiterhin im Amt, die eigentlich aufhören wollten. Sie verwalten praktisch nur noch. Neue Personen zu aktivieren, wird wohl insgesamt immer schwieriger werden.

Generell, erwarten Sie einen Mitgliederschwund?

Stradinger: In Stuttgart sind die Zahlen konstant. Faktisch gab es bei den Vereinen der Landeshauptstadt keine Austritte. Natürlich kann sich das ändern, wenn die Pandemie und das Sportverbot noch länger anhalten .

Hermet: Bislang sind die Stuttgarter Vereine einigermaßen ordentlich durch die Krise gekommen und erfreuen sich einer großen Solidarität der Mitglieder. Das ist sehr erfreulich und beachtlich.

Apropos gut durch die Krise gekommen. Geht es den Vereinen in der Landeshauptstadt noch recht gut, weil auch die Stadt strukturelle Unterstützung gewährt hat?

Hermet: Das war ein gemeinsamer Vorschlag der Sportverwaltung und des Sportkreises, jedem Verein pro Mitglied 7 Euro Strukturhilfe zu gewähren. So wurde der Sport in 2020 mit 810 000 Euro unterstützt, für 2021 gibt es noch einmal die gleiche Summe.

Stradinger: Es war für die Mitglieder im Gemeinderat überhaupt keine Frage, unserem Vorschlag zu folgen. Der Sportkreis als Stimme des Sports genießt im Stuttgarter Rathaus einen hohen Stellenwert, was die Zustimmung zum Antrag beweist.

Dennoch haben Vereine Probleme.

Stradinger: Klar, das einzige, was nicht gelitten hat, sind die Rasenplätze. Mangels Frequentierung konnten diese bestens gedeihen. Aber die Vereine haben natürlich finanzielle Einbußen zu verkraften.

Herm et: Beispielsweise durch den Wegfall der Pachten der Vereinsheime. Darauf haben die Klubs verzichtet, weil die Pächter ebenso von der Pandemie betroffen sind, keine Einnahmen gerieren konnten. Oder der Wegfall von Einnahmen an Spieltagen oder Vereinsfesten schlägt ebenfalls negativ zu Buche. Zudem haben wir in Stuttgart über 60 Vereine mit 500 Mitgliedern, die ihre Einnahmen auch über ein umfangreiches Kurssystem beziehen. Da diese auch nicht stattfinden, bleiben die Gelder natürlich auch aus.

Sind dann Groß- oder Kleinvereine mehr von der Krise betroffen?

Hermet: Das kann man nicht pauschal sagen. Großvereine arbeiten meist mit festangestellten Mitarbeitern, die sich schlau gemacht haben, welche Hilfen es von Bund und Land gibt. Außerdem nutzen sie die Möglichkeit der Kurzarbeit und profitieren eben von der strukturellen Unterstützung der Stadt Stuttgart. Letzteres gilt auch für die Kleinvereine. Mit der Unterstützung hoffen wir, werden auch sie die Krise überstehen.

Die Pandemie dauert nun schon mehr als ein Jahr. Was waren die häufigsten Fragen, die es von Seiten des Sportkreises zu beantworten gab und sicherlich auch noch ein Weilchen geben wird?

Stradinger: Viele Fragen hatten schon mit Finanzen beziehungsweise möglichen Hilfen zu tun.

Hermet: Darüber hinaus herrschte und herrscht häufig Ungewissheit, wie die Regelungen und Bestimmungen der Regierung auszulegen, zu verstehen und umzusetzen sind. Wir waren und sind deshalb in ständigem Austausch mit dem Württembergischen Landessportbund und der Stadt Stuttgart, um Klarheit zu schaffen und einen gemeinsamen Nenner bei den Coronabestimmungen zu finden.

Die Fragen stellte Torsten Streib.