Gewohntes Bild: Auf dem Behindertenparkplatz in der Stubaier Straße, Ecke Ötztaler Straße steht ein Auto, hinter dessen Windschutzscheibe kein Behindertenausweis liegt. Foto: Elke Hauptmann - Elke Hauptmann

Rund 800 öffentliche Behindertenparkplätze gibt es in Stuttgart, 18 davon in Untertürkheim. Doch Betroffene wie Sabine Schief und Michael Munzinger haben nichts davon, weil ignorante Autofahrer ständig die speziell gekennzeichneten Flächen blockieren.

Untertürkheim E in halbes Jahr haben Sabine Schief und ihr im Rollstuhl sitzender Lebensgefährte Michael Munzinger um die Einrichtung eines Behindertenparkplatzes in der Nähe ihrer Wohnung gekämpft. Seit wenigen Wochen nun ist die Stellfläche in der Stubaier Straße, Ecke Oberstdorfer Straße entsprechend gekennzeichnet – doch die Situation hat sich für die beiden seither nicht verbessert. „Der Parkplatz ist ständig belegt“, ärgert sich Sabine Schief über Autofahrer, die das Schild einfach ignorieren – weil sie „nur mal kurz etwas zu erledigen“ hatten.

Anfangs glaubte sie noch, das spiele sich schon ein. „Kann ja passieren, dass man eine plötzliche Veränderung nicht realisiert.“ Um auf die Situation aufmerksam zu machen, habe das Paar daher immer wieder „Liebesbriefe“ hinter die Scheibenwischer von Falschparkern geklemmt, in denen es heißt: „Für mich und meine Frau ist es eine große Herausforderung, von der Haustür zum Auto zu gelangen. Bitte achten Sie künftig auf das Rollizeichen. Machen sie uns das Leben nicht noch schwerer.“ Doch der Appell verhallt. Es sei ein Katz-und-Maus-Spiel, sagt Sabine Schief. Kaum habe man einen Autofahrer verjagt, schon stehe der nächste auf dem Behindertenparkplatz.

Natürlich spreche sie rücksichtslose Fahrer auch direkt an. „Ich bin dabei immer höflich, versuche unsere Lage zu erklären.“ Dass zum Ausladen des Rolli ein gewisser Platz benötigt werde und andere Parklücken dafür schlicht zu eng oder zu kurz seien. Dass es keine Alternative für sie sei, eine Straße weiter zu parken – sofern man im Untertürkheimer Ortskern überhaupt einen freien Platz findet. Denn es sei ein ziemlicher Kraftakt, den Rollstuhl Hunderte Meter weit schieben zu müssen. Doch die Leute würden zum Teil sehr aggressiv reagieren. Oder dreist lügen. „Erst vor kurzem hat ein junger Mann zu mir gesagt, er würde schlecht hören. Das würde auch zählen“, berichtet Sabine Schief. Von Einsicht keine Spur, eine Entschuldigung höre sie nur selten.

„Ich habe keine Energie mehr“, gibt Sabine Schief, die als couragierte Kabarettistin bekannt ist, offen zu. Der Kampf gegen Windmühlen sei zermürbend. Denn auch die vielen gut gemeinten Ratschläge anderer würden nicht weiterhelfen. „Ruf doch die Polizei“, bekomme sie häufig zu hören, erzählt die Untertürkheimerin. Aber an die Beamten könne sie sich nur in den Nachtstunden wenden, und die hätten oft nicht die Kapazitäten, sich um eine solche „Lappalie“ zu kümmern. Tagsüber sei die städtische Verkehrsüberwachung für Kontrollen zuständig, allerdings seien deren Mitarbeiter viel zu selten zu sehen.

Das unberechtigte Parken auf einem Behindertenparkplatz gilt als Ordnungswidrigkeit. Dafür fällt ein Bußgeld von 35 Euro an – viel zu wenig, meint Sabine Schief. „Die Strafe müsste drastischer sein, damit sich etwas ändert.“ Vor allem: Es müsse mehr abgeschleppt werden – nicht nur vor ihrer Haustür. „Zugeparkte Behindertenparkplätze gibt es überall in Stuttgart.“ Aber das ist nicht so einfach: Anders als bei einer private Stellfläche kann man einen Falschparker nicht einfach so von einem öffentlichen Behindertenparkplatz entfernen lassen – das ist Sache der Behörden. Doch bis deren Mitarbeiter und der Abschlepper vor Ort sind, ist der Parksünder meist schon wieder weg.

Die Verantwortlichen im Amt für Öffentliche Ordnung beteuern: Schwerbehinderten-Parkplätze – davon gibt es rund 800 im Stadtgebiet – seien „im täglichen Fokus der Verkehrsüberwachung“, die Kontrolle dieser Bereiche sei ein wichtiges Anliegen der Landeshauptstadt. Falschparker würden konsequent abgeschleppt, denn damit werde „eine deutlich nachhaltigere Wirkung erzielt als nur mit Geldbußen“, heißt es. 2018 habe man insgesamt 419 Autos von Behindertenparkplätzen abschleppen lassen, Ende November dieses Jahres seien es bereits 800 gewesen.

Der Stadtbezirk Untertürkheim wird nach Aussage des Ordnungsamtes durch die städtische Verkehrsüberwachung an allen Werktagen mindestens drei bis vier Mal in der Woche „bestreift“. Schwerpunkte der Kontrollen seien der Ortskern und der Bahnhofsbereich, vor allem die Widderstein-, Arlberg-, Oberstdorfer- und Augsburger Straße. Eine Intensivierung der Verkehrsüberwachung sei gegenwärtig nicht möglich, denn sie ginge zu Lasten der übrigen Stadtbezirke Stuttgarts. „Mit dem Ausbau des Parkraummanagements 2021 auf den Ortskern Untertürkheims ist jedoch mit einer stärkeren Kontrolle in diesem Bereich zu rechnen.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: