Viele Kinder freuen sich, dass sie nach langer Pause wieder zur Schule dürfen. Foto: dpa/Carsten Rehder

Viele Schüler brauchen Unterstützung, um nach der Corona-Pause ihre Lernrückstände aufzuholen. Können Studenten ihnen helfen? Die Stuttgarter Kultusministerin ist dagegen und fährt einer Parteifreundin in die Parade.

Stuttgart - Der Gedanke ist verlockend: Kann die Politik Lehramtsstudenten als stille Reserve mobilisieren und in der Coronakrise in die Schulen holen? Bundespolitiker wie Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) und die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock haben Vorstöße in diese Richtung unternommen. Vielleicht hat dabei das Beispiel der Medizinstudenten Pate gestanden. Sie wurden zu Beginn der Corona-Pandemie als freiwillige Helfer in die Kliniken gerufen. Allein in Baden-Württemberg sind mehr als 2000 Studierende dem Aufruf gefolgt und haben zeitweise in Krankenhäusern assistiert.

Ob so ein Modell auf die Schulen übertragbar ist, ist jetzt Gegenstand einer schulpolitischen Kontroverse. Klar ist, dass während der fast drei Monate dauernden, überwiegend durch virtuellen Unterricht überbrückten Corona-Pause bei vielen Kindern und Jugendlichen Lerndefizite entstanden sind. Bei den regelmäßigen Krisensitzungen der Kultusminister steht die Frage, wie diese Lücken möglichst rasch wieder geschlossen werden können, ziemlich weit oben auf der Tagesordnung. Deshalb wird unter anderem über verstärkte Unterstützung im Unterricht für die leistungsschwächeren Schüler im nächsten Schuljahr und über Sommerangebote zum Nachlernen während der Ferien nachgedacht. Wie das personell gestemmt werden kann, ist eine nicht ganz leicht zu lösenden Frage für die Kultusminister der Länder. Denn deren Personalreservoir ist durch die Risikofälle in der Lehrerschaft dezimiert.

Bundespolitiker preschen mit Initiative vor

Um nach den Sommerferien jedem Kind einen „Anspruch auf Mindestbetreuung in Schulen und Kitas“ zu gewährleisten und den Personalbedarf dafür zu decken, hat die Grünen-Chefin Annalena Baerbock in dieser Woche vorgeschlagen, Lehramtsstudenten für den Unterricht und auch für Betreuungsangebote an den Kitas heranzuziehen. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) ist auch dafür und sagt, mit einigen Bundesländern gebe es Gespräche darüber.

Bei Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) stößt sie damit aber auf taube Ohren. „Hier brauche wir Profis, die auf die persönlichen Lernbedürfnisse der Schüler professionell reagieren können“, erklärt Eisenmann auf Anfrage. Sie hält den Vorschlag ihrer Parteifreundin für „nicht ausgereift und wenig praxistauglich“.

Eisenmann will ganz auf pädagogische Profis setzen

Die Schulministerin argumentiert dabei didaktisch. „Pädagogisches Know-how ist gerade jetzt besonders gefragt, da wir davon ausgehen, dass die Schüler bedingt durch die Schulschließungen unterschiedliche Kenntnisstände haben werden“, betont sie. Dass gerade die deutschen Schulen nicht am besten abschneiden, wenn es um Unterricht für Lerngruppen mit ganz unterschiedliche Leistungsniveaus geht, ist seit den internationalen Pisa-Studien bekannt. Dennoch setzt Eisenmann gerade jetzt auf „unsere gut ausgebildeten Lehrer“. Sie verspricht sich nichts davon, Studenten im Lehramtsstudium als Hilfskräfte heranzuziehen. „Hier brauchen wir Profis, die auf die persönlichen Lernbedürfnisse des Schülers professionell reagieren können“, betont die Ministerin, die zugleich Spitzenkandidatin ihrer Partei im nächsten Landtagswahlkampf ist. Die Debatte steht bundesweit und in Baden-Württemberg erst am Anfang. Der politische Druck auf die Länder ist hoch, so schnell wie möglich zum regelmäßigen Schulbetrieb zurückzukehren und besondere Anstrengungen für die leistungsschwächeren Schüler zu unternehmen. Auch Anja Karliczek hat jüngst gefordert, nach den Sommerferien müsse es endlich so weit sein.

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