Der Schaustellerverband Südwest Anfang des 20. Jahrhunderts, damals noch Verein Bruderbund Stuttgart. Foto: SVS - SVS

Die Schaustellerei hat eine jahrhundertalte Tradition. Um die Interessen zu verbessern, gründete sich vor 125 Jahren in Cannstatt der Bruderbund Stuttgart, aus dem der Schaustellerverband Südwest wurde.

Bad CannstattFahnen haben bei den Schaustellern große Bedeutung. Sie werden gehütet wie Schätze und bei Verbandsveranstaltungen stolz präsentiert. Am Mittwoch, 13. November, werden sie wieder gezeigt. Denn da feiert der Schaustellerverband Südwest (SVS) sein 125-jähriges Bestehen – mit einer großen Feier im Kursaal, wobei der Fahneneinmarsch einen wichtigen Programmpunkt darstellt. Während des Dritten Reiches wurden die Schaustellerverbände gleichgeschalten, Verbandsfahnen und Standarten bei Strafandrohung verboten. Diese wurden daher versteckt und verborgen.

Der Schaustellerberuf wird von Generation zu Generation weitergegeben. Das Gewerbe blickt auf eine lange Geschichte zurück. Die Menschen wollten immer schon unterhalten und belustigt werden. Sei es im Zirkus, auf Kirmes, Jahrmärkten, Maifesten, Pferdemärkten und Dorffesten. Artisten, Puppenspieler, Marktkaufleute und Schausteller blieben früher als Einzelkämpfer eher unter sich. Um vereint mehr erreichen zu können, gründete sich daher in Cannstatt 1894 der Verein Bruderbund Stuttgart, aus dem nach dem Zweiten Weltkrieg der Schaustellerverband Stuttgart und später Südwest wurde. „Leider gingen im Krieg viele Unterlagen verloren“, bedauert Mark Roschmann, der aktuelle SVS-Vorsitzende. Auch die geliebte Fahne wurde Opfer der Flammen und musste ersetzt werden. Lückenlose und handgeschriebene Protokolle der Hauptversammlungen gibt es seit 1950. Immer wieder tauchen aber aus Nachlässen und Familienarchiven alte Pläne, Fotos und Dokumente auf. Wie etwa ein Volksfestplan aus dem Jahr 1938. Die Namen der Betreiber von Fahr- und Schaugeschäften tauchen auch heute noch auf. Nicht wenige Firmen sind bereits in fünfter oder sechster Generation aktiv. Da wurde auch viel mündlich überliefert.

Schausteller haben daher viel zu erzählen und auch viel erlebt. „Die Schaustellerei hat in Stuttgart eine Jahrhunderte alte Tradition“, berichtet Albert Ritter, der Präsident des Deutschen Schaustellerbundes. „Seit mehr als 200 Jahren lockt das Cannstatter Volksfest jedes Jahr aufs Neue Millionen von Menschen auf den Wasen.“ Damit sei es ein Paradebeispiel dafür, dass Volksfeste auch „in unserer heutigen von Hektik und Umbrüchen geprägten Zeit Orte der Freude und Fröhlichkeit sind – und das für alle Menschen, ganz gleich aus welchem sozialen Hintergrund sie stammen“.

Zwischen Nostalgie und Moderne

Schausteller versuchen dabei immer den Spagat zwischen Nostalgie und Moderne. „Die Industrialisierung Anfang des 20. Jahrhunderts hielt natürlich auch in unserem Gewerbe Einzug“, erklärt Roschmann. „Mit der Elektrifizierung der Karusselle und der Erfindung der motorisierten Zugfahrzeuge konnten nun aufwendigere Karussells und Bahnen gebaut werden.“ In den 1950er Jahren wurden die Schaustellergeschäfte immer größer und technisch versierter. „Dementsprechend mussten auch die Zugfahrzeuge und Wohnwagen gegen modernere Fahrzeuge ausgetauscht werden.“

Dabei versuchte der Schaustellerverband Südwest, seine Mitglieder – die Zahl erhöhte sich von 24 im Jahre 1950 auf heute 150 – zu unterstützen. Wobei sich die Probleme nicht groß veränderten. Immer schon ging es um Standplätze und Verdienstmöglichkeiten. Das zeigen die Protokolle. 1981 wurden die Verbände – neben dem SVS gibt es auch noch den Landesverband der Schausteller und Marktkaufleute (LSM) – in Stuttgart per Gerichtsbeschluss aufgefordert, sich Gedanken zu Richtlinien zu machen, um die Vergabewillkür der Verwaltung zu verhindern. Damals tauchten unter anderem die Bewertungskriterien „bekannt und bewährt“ auf. „Ab den 90er Jahren war dann die Kostenspirale Thema“, so Roschmann.

Die Sitzungen der SVS fanden schon immer ausnahmslos in Bad Cannstatt statt. Auch der Sitz der Geschäftsstelle befindet sich hier. Die Verbände versuchen in einer starken Gemeinschaft, Verbesserungen für ihr Gewerbe zu erwirken und die Zukunft der Volksfeste zu sichern. Denn immer wieder sorgen bürokratische Vorschriften, Abhängigkeit von gesellschaftlichen Ereignissen sowie höhere Gewalt für Planungsunsicherheit und Existenzgefährdung. Die kleine Berufsgruppe betreibt einen großen Aufwand. Ihre Risikobereitschaft prägt die Volksfestkultur. Dabei ist der Konkurrenzkampf groß. „Es ist schwer, alle unter einen Hut zu bekommen und die Wogen zu glätten“, beschreibt Roschmann das Problem bei der Verbandsarbeit. Dazu kommt das veränderte Freizeitverhalten, die Reduzierung der Feste und die Konkurrenz der Freizeitparks.

Daher ist die gute Zusammenarbeit zwischen den beiden Verbänden wichtig. „Seit 2015 arbeiten wir eng und auch sehr gut zusammen“, lobt Roschmann, der davon ausgeht, dass es irgendwann auch nur noch einen Verband gibt. „Das wäre sinnvoll.“

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