Foto:  

Helmut Bayer, der Vorsitzende des Cannstatter Tennisclubs, spricht über die bisherigen Erfahrungen in der Pandemie: Von der besonderen Rolle, dass der Sport ausgeübt werden darf. Aber auch von den großen Herausforderungen.

Bad Cannstatt - „Wir machen die Regeln nicht und können nur auf das Verständnis unserer Mitglieder hoffen“, sagt der CTC-Vorsitzende Helmut Bayer im Gespräch über die bisherigen Erfahrungen mit Corona. Vor allem in den Wintermonaten stellte die Pandemie den Club vor große Herausforderungen.

Seit knapp zwei Wochen hat der CTC seine Freiplätze am Oberen Kurpark wieder geöffnet. Peitscht ihre Vorhand schon wieder die Linie entlang?

Als Spieler der deutschen Rangliste und in einer überregionalen Liga kam ich in den Genuss, auch in der Halle trainieren zu dürfen, der Begriff Profi wurde vom Ordnungsamt für Spieler aus dem Jugend, Aktiven und Seniorenbereich so definiert. Die Umstellung von Halle auf Außenplätze ist aber jedes Jahr wieder eine Herausforderung. Von daher versuche ich, das Tempo hochzuhalten. Wir haben dieses Jahr tatsächlich so früh wie fast noch nie unsere Anlage geöffnet, um den Trainern die Chance zu geben, ein wenig ausgefallenes Training auf den Außenplätzen nachholen zu können. Daher findet im Moment auf fast vier Plätzen Training auf unserer Anlage statt.

War die Vorfreude bei Ihnen groß, dass man nun – ohne Doppel – wenigstens wieder regelmäßig spielen kann?

Wir sind uns der Ausnahme sehr bewusst und fühlen uns schon ein bisschen privilegiert. Natürlich sind wir sehr froh, dass wir unseren Sport weiterhin trotz Corona ausüben dürfen. Es ist ja aber wirklich auch berechtigt, dass bei dem großen Abstand bisher von Infektionen nichts bekannt ist und bei aller Vorsicht eigentlich auch nichts passieren kann. Das Hygienekonzept, auf der Grundlage erarbeitet vom Deutschen Tennis Bund und vom Württembergischen Tennis-Bund, wird strikt beachtet und daher können wir auch wirklich ohne Risiko unserem Sport nachgehen, bei allem Verständnis für den Unmut und die Umstände, mit denen alle anderen Sportarten leben müssen. Ich denke da an Hockey, Fußball, Handball und die ganzen Kontaktsportarten. Mir tut es für unsere vielen Millionen kleinen Fußballer in der Seele weh, dass sie pausieren müssen. Ich hoffe, dass sie auch bald wieder trainieren und ihrem Sport nachgehen können.

Sie sagen, dass Tennis derzeit eine der wenigen Sportarten ist, die laut Verordnungen erlaubt sind. Ist dadurch in dieser Saison sogar mit einem Mitgliederzuwachs zu rechnen?

Ich denke nicht, dass es zu einem nennenswerten Mitgliederzuwachs aufgrund von Corona und mangels Alternativen kommen wird. Dazu ist der Tennissport doch ein wenig zu speziell.

Im vergangenen Jahr war das Spielen im Freien ab Mai wieder möglich, in der Halle durfte nur kurzzeitig und auch nur unter bestimmten Regeln gespielt werden. Wie groß war der Unmut bei Ihren Mitgliedern und denjenigen, die über den Winter die Halle gebucht hatten.

Einige unserer Mitglieder haben die Regelung nicht verstanden. Aber es sind eben nur zwei Personen pro Sportstätte erlaubt. Sprich, es darf auch in einer ganzen Tennishalle nur ein Einzel gespielt werden. Das gilt nach wie vor und wird kritisch gesehen, aber wir machen die Regeln nicht und können hier nur auf das Verständnis unserer Mitglieder hoffen, das zum Großteil natürlich auch vorhanden ist. Aber der eine oder andere lässt natürlich seinen Unmut leider auch am ehrenamtlichen Vorstand aus.

Haben MitgliederInnen ihren Beitrag zurückverlangt oder sind gar ausgetreten?

Hier gilt es, zwischen dem Vereinsbeitrag und der Buchung eines Hallenplatzes zu unterscheiden. Der Vereinsbeitrag ist ein Jahresbeitrag, der eigentlich nur das Tennisspielen auf unserer Anlage im Freien ermöglicht und erlaubt. In der Regel sind das sechs bis sieben Monate im Jahr. Ein Hallenplatz kann unabhängig von der Mitgliedschaft gebucht werden, ist aber für Mitglieder etwas günstiger als für Nichtmitglieder. Der Vereinsbeitrag kann nicht zurückgefordert werden, da hier im rechtlichen Sinne keine Leistung geschuldet wird. Außerdem ist hier auch außer der Möglichkeit, die Umkleiden und Duschen nicht zu nutzen, keine Einschränkung gegeben. Denn im Freien darf ja gespielt werden. Bei den Hallenbuchungen sieht das natürlich anders aus. Hier haben wir 80 Prozent unserer Einnahmen verloren und im Gesamthaushalt des Tennisclubs machen diese circa ein Drittel aus. Somit fehlen circa 45 000 Euro. Unser Steuerberater prüft noch, ob hier Hilfen in Anspruch genommen werden können. Aber wie es aussieht, fallen wir hier durchs Raster. Von der Stadt Stuttgart gab es ja eine Art Soforthilfe in Höhe von sieben Euro pro Vereinsmitglied, das haben wir in Anspruch genommen. Bei einer Mitgliederzahl von derzeit 385 ist das aber natürlich im Vergleich hierzu ein verschwindend geringer Betrag, der uns nicht wirklich weiterhilft.

45 000 Euro – wie kann man solch einen Verlust ein bisschen abfedern?

Wir bieten unseren Mitgliedern mehrere Optionen als Kompensation für die ausgefallenen Hallenstunden an. Sie können zum einen natürlich gespendet werden, das wird aber nur ein sehr geringer Teil tun. Zum anderen können sie auf das nächste Jahr übertragen werden. Das würde uns liquiditätsmäßig etwas helfen. Natürlich ist auch die Rückerstattung der bereits bezahlten Hallengebühren möglich. Stärker trifft uns das ausgefallene Training, da die ganzen Tenniskurse ausgefallen sind, wurden die Hallenbuchungen nicht in Anspruch genommen, was bei uns zu diesen Einnahmeausfällen führte. Wir haben einen hauptberuflichen Tennistrainer mit seiner Tennisschule als Vertragspartner. Der Club beschäftigt selbst keine Trainer oder Übungsleiter, daher ist die Tennisschule als Unternehmer natürlich auch Coronahilfe berechtigt und hat diese Unterstützungsleistungen über seinen Steuerberater auch in Anspruch genommen. Es war auch für unseren Trainer daher eine harte Zeit.

Das werden sicherlich nicht die einzigen finanziellen Einbußen sein, die Pacht für die Vereinsgaststätte wird beispielsweise weggefallen sein, oder?

Unseren Pächter haben wir in der Krisenzeit verstärkt als Hausmeister und Platzwart eingesetzt. Da er auch im Clubhaus wohnt, war es kostenmäßig für ihn gerade so noch tragbar.

Auch die Feriencamps fanden und finden nicht statt. Ein Highlight in der Jugendarbeit. Haben sie Bedenken um den Nachwuchs, weil lange kein Ball mehr übers Netz flog?

Ja, unser Feriencamp, das auch von Johns Tennisschule organisiert wird, hätte dieses Jahr wieder mit circa 80 Teilnehmern in Südtirol stattgefunden. Aber in Absprache mit dem Hotel und dem verbundenen Risiko und einer möglichen Quarantäne nach der Rückkehr haben wir uns entschlossen, das Camp für dieses Jahr abzusagen.

Zum Inventar des CTC zählt auch Trainer John O’Malley, der nicht nur die Tenniskünste steigert, sondern auch für gute Stimmung sorgt. Wie geht es ihm, wie ist der Verein mit ihm verfahren?

Wie bereits erwähnt ist John ja als selbstständiger Unternehmer mit dem CTC verbunden. Wir konnten ihn in der Form unterstützen, dass er bei der dann wieder möglichen Hallenbelegung natürlich einen Vorrang hatte, um möglichst viel Training stattfinden lassen zu können. Jetzt im Freien geben wir ihm auch alle Möglichkeiten der Platzbelegung, um seinen Trainingsplan aufholen und realisieren zu können. Vorausgesetzt, dass es nicht zu weiteren Einschränkungen kommt, ist unsere Tennisschule mit einem blauen Auge davongekommen, das ist zumindest meine Einschätzung, ohne hier genauen Einblick zu haben.

Der CTC ist wie viele andere Tennisvereine Jahr für Jahr mit vielen Mannschaften am Wettspielbetrieb des WTB beteiligt. Im Vorjahr gab es eine freiwillige Runde mit Einschränkungen. Womit rechnen Sie in dieser Saison, nachdem unter anderem die Bezirksmeisterschaften schon abgesagt wurden?

Das ist natürlich noch völlig offen. Sollten die Inzidenzen nicht deutlich nach unten gehen, also unter 100, rechne ich nicht damit, dass die Verbandsspiele stattfinden können. Denn zwingend notwendig hierfür ist das Doppelspielen und das wird sicherlich erst bei einer niedrigen Inzidenz erlaubt werden. Die Hoffnung stirbt zuletzt und wir drücken natürlich die Daumen, dass die Verbandsspiele stattfinden können. Wir haben wieder 24 Mannschaften gemeldet, die natürlich alle dem Beginn der Wettspiele entgegenfiebern. Aber eben nicht um jeden Preis. Safety first, die Gesundheit steht an erster Stelle.

Können Sie der Krise auch etwas Gutes abgewinnen?

Ich war und bin schon immer ein Familienmensch. Seit kurzem bin ich sogar schon dreifacher Großvater, durch die Pandemie ist die Familie und das aller nächste Umfeld noch stärker in den Fokus getreten. Man ist sich bewusst geworden, wie wichtig und wie schön es ist, sich in diesem Kreis trotzdem regelmäßig treffen und austauschen zu können, um sich gegenseitig zu stärken und zu unterstützen. Sehr viele Annehmlichkeiten, die man immer für völlig normal gehalten hat, empfindet man jetzt, nach dem man nicht mehr zum Beispiel ein gepflegtes Bierchen gemeinsam nach dem Sport genießen kann, als so hohes Gut. Ein Gut, auf das man sich viel mehr freut, wenn es wieder sicher möglich ist. Man wird Dinge wie einen Restaurantbesuch oder ein gemeinsames Essen mit Freunden viel intensiver wahrnehmen, es viel mehr zu schätzen wissen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Gesundheit, Glück und Zufriedenheit für alle und hoffentlich bald die Rückkehr zu unserer gewohnten Unbeschwertheit ohne Corona.

Das Gespräch führte Torsten Streib.

Die Corona-Pandemie hat Deutschland nun schon seit mehr als einem Jahr fest im Griff – und dies in allen Bereichen des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens. Auch der Sport ist durch die Schließungen von Hallen und Sportanlagen stark betroffen. Wie sich die Sperrungen auf die einzelnen Abteilungen und auch Monospartenvereine ausgewirkt haben, wollen wir in der Serie „Sport und Corona – wie wirkt sich die Krise aus?“ beleuchten. Je eine Sportart/Abteilung eines Vereins wird exemplarisch herausgepickt (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) und die Schwierigkeiten, Nöte, Ängste und möglicherweise auch Lichtblicke in loser Folge beschrieben.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: